Indienreise 3

Einleitung und Allgemeines

Es findet sich momentan alles noch auf einem großen Haufen, ungeordnet, unsortiert, etwas zum Wühlen in Großmutters Klamottenkiste. Wer nach Chronologischem sucht wird enttäuscht, es sind einfach Episoden einer dritten Indienreise, die Schlaglichter werfen auf das, was da passierte, über was ich lachen konnte (und das bin ich meist selbst, Fundgrube für faut pas und Skurriles) und letztlich die Demonstration des Faktums, dass eine solche Reise in heutiger Zeit des Spektakulären entbehrt. 1950 auf den Spuren der Seidenstrasse, ohne Infrastruktur, altiranische, altpakistanische Pisten, von Karawanserei zu Karawanserei, selbst wenn das Kamel schon das Markenzeichen VW trug, das waren andere Zeiten, von Pioniergeist und Abenteuerlust der Reisenden geprägt, sehr nah an der Bevölkerung, am Geschehen. Heute hat die Anonymisierung des westlichen Lebens auch die Langzeitreisenden erfasst, auf modernen Teerstraßen durch die Türkei, auf 4-spurigen Autobahnen durch große Teile des Iran, in Pakistan noch ein wenig das Gefühl des Ursprünglichen, die Wagen sind wie Haushalte ausgestattet, selbst versorgend, wer unbedingt möchte kann stumm hinter dem Lenkrad sitzend von Köln nach Delhi durchfahren, von der Kommunikation mit den Zollbeamten einmal abgesehen. „Der Weg ist das Ziel", ein für mich noch nie nachvollziehbarer Slogan; aber selbst für die, die ihn für sich in Anspruch nehmen, ist es langweilig geworden, Richtung Osten. Und nicht nur langweilig sondern auch teuer, das Paradies wurde geschlossen, der Sündenfall. Adam und Eva aus dem Westen, Overlander, sie kamen immer mit leeren Tanks, kleinem Budget, viel Ignoranz und häufig genug mit einer relativ großen Klappe, Iran, den Diesel gibt es für 1 Cent/l, wahrlich das Paradies, wenn es auch immer schon einige Dornen hatte. Aus den Dornen ist Stacheldraht geworden, Road Tax heißt das Stichwort und Dieselkarte, Zuteilung eines Dieselkontingents, von welchem an jeder Tankstelle elektronisch abgebucht wird. 1280 Euro sollte die Passage für mich kosten, nach zweistündiger Diskussion und dem (überprüften) Nachweis, dass mein Wagen 600 Liter Diesel aus der Türkei mitbrachte, waren es immer noch 550. Fünfhundert Liter Diesel wurden zugeteilt, nach 420 Litern war die Karte leer, Wunder des Irans, genauso wie die Tatsache, dass ein Tankwart in einem 300 l Tank 400 l Diesel unterbrachte, das Zählwerk der Zapfsäule zeigte es, er hatte recht.

Man muss das Abenteuer heute zwischen den Zeilen suchen, in sich ergebenden Kontakten, in Gesprächen, wer suchet wird finden, das bleibt sicherlich gültig und ich habe meine individuelle Reise gefunden, spannend vom ersten bis zum letzten Kilometer, herausfordernd von dem was man erlebt, herausfordernd wie man sich selbst erlebt, was vorgeht, was sich verändert, warum es sich ändert. Eineinhalb Jahre war ich in Deutschland gewesen, mein Haus, meine Rente, ein fast sorgenfreies Leben, eingebettet und aufgefangen in einem Netz guter Freunde, ich bin noch nie so schnell gealtert. 15.000 km weiter, Transitvisum für den Iran, 7 Tage, 3000 km, das Tagespensum ist definiert und muss erbracht werden, wehklagen hilft wenig, hier ist der Weg wirklich das Ziel (die Ausnahme sei akzeptiert), die Schlaglochpisten Pakistans, die zu erlernende „nasse Waschlappenhaltung" (einfach hinter dem Steuer hängen lassen, wer Haltung bewahrt lernt über den Querrillen das Fliegen), das Alleinereisen, (wieder) zu erlernen mit sich selbst zufrieden zu sein, skurril zu werden, wenigstens in westlichen Augen, aus sich selbst zu schöpfen, mit sich selbst (seinen Geistern, Engeln, inneren Stimmen oder wie man sie auch immer betiteln möchte) zu reden, zu diskutieren, zu disputieren, ja, zu lachen, ist völlig verrückt geworden, der Alte, verrückt, aber zumindest 10 Jahre jünger. Sitze in den letzten Tagen regelmäßig mit einem alleinreisenden deutschen Juristen zusammen, genieße die Diskussionen, Jochen ist gebildet, beschlagen, verschlagen, argumentativ, eine wahre Freude, ein Gedankenfeuerwerk. Wir haben viel gemeinsam und doch scheinen unsere Wege so verschieden, nicht für die Vergangenheit, da gibt es viele Parallelen, nein für die Zukunft. Jochen möchte noch so vieles, er hat Listen von Wünschen, nächstes Jahr soll es wieder einmal Transafrika gehen, ich möchte meine Listen loswerden. Vielleicht habe ich zuviel von Terzioano Terziani gelesen, vielleicht habe ich begriffen, ein tolles Leben gelebt zu haben, vielleicht ist es die alters- und abschnittsbezoge hinduistische Lebensphilosophie, die ein wenig von mir Besitz ergreift, oder vielleicht nur der Wunsch, wunschlos glücklich zu sein, ohne Listen; (wenn dies denn so einfach wäre).

Es klingt etwas schizophren aber es ist die Wahrheit, ein Achsschaden hat mich sehr zügig nach Süden befördert, mit einer Liste von 18 in Indien eröffneten MAN (LKW) Werkstätten, die ich mit Hingabe suchte und nicht fand, Rajasthan wird übersprungen, Delhi ist nach wie vor die Hölle, Amritsar-Delhi-Jaipur-Udaipur-Ahmedabad-Vadopara-Mumbai-Pune-Belgaum, quer durch den Subkontinent,  noch einmal rechts ab und man kann es fühlen, riechen, sehen - grüner, schwüler, lebenslustiger, westlicher, christlicher, der jüngste indische Bundesstaat Goa.

Als ich vor drei Jahren zum ersten Mal nach Agonda in Goa kam, wurde ich von einem Freund begrüßt, der mir, schon einige Wochen lang dem Nichtstun erlegen, in eloquenten Worten klar zu machen versuchte, wie ausgesprochen stressig dieses Strandleben sei; es war denn ein Gebot der Höflichkeit nicht laut heraus zu lachen, so bizarr klang diese Bemerkung in den Ohren eines gerade aus Europa angereisten. Und doch, es sei zugestanden, drei Jahre später, mein Wagen steht an exakt der gleichen Stelle direkt an einem der schönsten tropischen Strände Goas, leiste ich Abbitte. Es ist früh in der Saison, keine Touristen, ein paar Backpacker, keine anderen Overlander, meine Willigkeit zu schreiben und mein Ideenreichtum verhalten sich umgekehrt proportional zum Rauschen des Meeres, zum sanften Wiegen der Palmen, und die wenigen Bikinigirls am Strand sind meiner Konzentration auch nicht gerade förderlich. So reicht es denn wirklich nicht zu etwas Ernsterem und, ehrlich gesagt, selbst einige Episoden dieser Reise zu Papier zu bringen, die interessant waren oder der Situationskomik nicht entbehrten, dient eher der Beruhigung des eigenen Gewissens denn dem Drang etwas Kreatives zu gestalten. Trotzdem, viel Spaß.

 

Artikel in diesem Anschnitt:

 

Die Festung

Das andere Pakistan

Telefonkonferenz im Kofferraum

Das Paket

Die Pfütze

Ein Blick nach Westen