Maoismus in Indien

Mao's langer Marsch endet in Indien

(Die verworrenen Wege des indischen Kommunismus)

  • United Liberation Front of Assam
  • People's Liberation Force
  • Kanglei Yawol Kanna Lup
  • Zomi Revolutionary Front
  • Khalistan Liberation Force
  • Khalistan Liberation Commando
  • Bhindranwala Tigers Force of Khalistan
  • Babbar Khalsa
  • Damesh Regiment
  • Maru Dal
  • People's War Group
  • Ranvir Sena
  • Naxalites

das sind keine Gestalten aus Rudyard Kiplings Djungelbuch, sondern illustre Namen an der Front von Vaterland, Mord und Totschlag. Es sind deren 27, die chronisch unruhigen Nordstaaten nicht mitgezählt, die für Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit eintreten und von den indischen Sicherheitsbehörden als Terrorgruppen eingestuft werden.1

Sonntag, den 27. Februar 2008:

Eine 60-jährige Geschichte erreicht ihren einstweiligen Höhepunkt. Maoistische Naxalite Einheiten überfallen in einer strategisch, organisatorisch, logistisch exzellent und minutiös geplanten Aktion parallel fünf Polizeiwaffendepots mitten im Herzen des Küstenstaates Orissa, kaum 100 km vom Polizeihauptquartier entfernt und erstmalig in einem der vier heiligsten Orte Indiens, Puri, Wallfahrtszenztrum mit Abertausenden von Pilgern und Touristen. Es hat sich wahrlich gelohnt; modernste Granatwerfer, AK-47 Sturmgewehre, Maschinenpistolen, Munition, alles was das Herz begehrt. Polizeigegenwehr gab es keine, es ging einfach zu schnell und diejenigen, die es trotzdem versucht hatten, waren tot. Aber es sollte noch dreister kommen.

Offizielle Quellen und die Medien frohlocken. In einer konzertierten Aktion von Polizei, Spezialtruppen und paramilitärischen Verbänden aus Orissa und dem Nachbarstaat Andhra Pradesh und der größten Terrorverfolgungsaktion in der Geschichte Indiens gelang es den Sicherheitskräften, den Weg der Maoisten nach zu verfolgen und ca. 70% der erbeuteten Waffen sicher zu stellen! Herzlichen Glückwunsch zum Pyrrhussieg. Gewehre und Munition waren in den unwegsamen, schwer zugänglichen Waldgebieten Südorissas in einem unterirdischen Depot entdeckt worden und zogen eine Verlegung der Einsatzkräfte nach Süden nach sich. Im gleichen Moment schlugen die Maoisten im Norden zu. „Chaos complete", so die Presseschlagzeile, oder in einem anderen Medium: „Orissa im Belagerungszustand". Die „zurückeroberten" Waffen stellten sich als altes, wenig zu gebrauchendes Material heraus, die High-Tech. Waffen blieben verschwunden.2

Klingt nach einer kritischen Situation, Ausnahmezustand, Aufruhr in der Bevölkerung, Unruhe, Angst, ist nur normales indisches Leben. Aufgeregt haben sich höchstens die subalternen Positionen der Verwaltung, die von ganz oben für das Desaster verantwortlich gemacht und entlassen wurden. Zwei Wochen später: aus offiziellen Quellen verlautet,2 die Terroristen seien in den Wäldern auf der Flucht verhungert; es müsse so sein, denn gefunden habe man niemand, es seien auch nirgendwo Lebensmittel gekauft worden.....und ohne Nahrung bleibt nur der Hungertod, zumindest für die nicht vorhandenen Maotruppen im Süden, die im Norden werden wohl von ihren Logistikern aus versteckten Depots gut versorgt worden sein.3

Das soll es also sein, das friedfertige, in Tradition und Moderne verankerte Indien, die aufstrebende Wirtschaftsmacht, das Land, das konservativen Briten einen Schauer über den Rücken jagt (Tata hat das Emblem britischer Automobilbaukunst, Landrover, gekauft), das Land, das als G4 Staat einen permanenten Platz im UN Sicherheitsrat anstrebt und damit unser aller Geschick beeinflussen kann, die Atommacht mit Terroristen im eigenen Lande, von denen man so wenig weiss?

Das ist so eine Sache, mit dem wenig wissen. Nicht interessieren paßt schon eher; machen wir uns doch nichts vor, Indien interne Angelegenheit, keine Opfer in Europa, viel zu weit weg, keine Auflagesteigerung, keine Einschaltquote.

Die englische Zeitung "The Guardian" am 9. Mai 2006:

Bürgerkriegsähnliche Zustände im Stahlgürtel Indiens, Kampf auf allen Ebenen.
Zivile, paramilitärische Einheiten zur Unterstützung der Sicherheitskräfte gebildet.
Brandschatzung - Plünderung - Mord, die Information ist vorhanden, liest sich auch ganz spannend, Brandschatzung - Plünderung - Mord, insbesondere wenn es 18'000 km entfernt passiert. Das indische Puzzle ist kompliziert, fremdländisch, modern, grausam und uninteressant, wenn im Fernsehen die Borussia gegen Bayern München spielt, und dies ist das Problem. Michael Endes unendliche Geschichte als Film hat Millionen aus ihren Fernsehsesseln gelockt, die reale indische unendliche Geschichte interessiert keinen, eine Geschichte der Vergangenheit, der Gegenwart und eine Geschichte der Zukunft, die sich nie ändern wird, solange Armut, Klassengegensätze, Machtstreben und politisches Dogma aufeinandertreffen. Außerdem ist sie falsch diese Geschichte, die Sowjetunion hat aufgehört zu existieren, die kommunistische Idee wurde ad absurdum geführt, China eröffnet eine Freihandelszone nach der anderen und den einzigen Starrköpfen, die sich wirklich noch Kommunisten nennen, die nordkoreanische Nomenklatura, würde die eigene Bevölkerung in Scharen davon laufen, wenn sie es denn könnten.

Diese unendliche Geschichte ist eine hoffnungslose Geschichte, sonst hätte sie sich nicht Tausende von Malen in jedem noch so verlassenen Winkel dieser Erde wiederholt, hoffnungslos, da diejenigen, die sie verstehen, sie nicht begreifen wollen. Es geht um das Grundrecht eines Menschen zu leben, es geht um den Grundsatz, dieses Grundrecht zu verteidigen und zu töten, es geht um einen Widerspruch. Die klassenlose Gesellschaft wird immer Klassen beinhalten, die Intelligenteren, die Fleißigeren, die Aggressiveren; im indischen Kastensystem sind nicht umsonst die Krieger weit oben angesiedelt, sie verteidigen die Gesellschaft, die ethischen und moralischen Normen. Verteidigen? In welcher Form? Dschinghis Khan und Mahatma Gandhi waren beide Kämpfer - eben!

Unsere unendliche Geschichte beginnt im Juni 1948, kurz nach Gründung der Republik Indien und noch vor der Veröffentlichung einer Verfassung. Indien in den Wirren der Postkolonialzeit, der Staatsgründung, der politischen und religiösen Trennung von Pakistan, der Zeit der Zwangsumsiedlungen, politischer Modelle, jede Richtung versucht noch zu formen. In dieser Zeit werden die „Andhra Letters" veröffentlicht, Andhra Letters, weil sie im zentralindischen Andhra Pradesh entstanden, Andhra Letters - "A Revolutionary Strategy based on Mao Tsetong's New Democracy".4 Maoistisches Gedankengut hatte in Indien Fuß gefaßt, noch bevor es in China seine Unmenschlichkeit und Brutalität zeigen und entfalten konnte. 1948 stand eine politische Philosophie im Vordergrund, nach der Indien geprägt werden sollte, 60 Jahre später geht es um Terror, verübt im Namen von Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Die 60 Jahre dazwischen erzählen die eigentliche unendliche Geschichte, den verschlungenen Weg zwischen Legalität und Illegalität, zwischen Ober- und Untergrund, zwischen sozialer Reform und brutaler Unterdrückung, zwischen Sozialismus und Kommunismus (was immer diese Begriffe auch wirklich bedeuten mögen), zwischen Kommunismus orientiert am Ideengut von Marx, von Marx und Lenin, von Mao Tsetung. Und weil die Unterschiede zwischen Marx und Lenin so dramatisch sind, gibt es verschiedene kommunistische Parteien, the Communist Party of India (Marxist), CPI (M) und die Communist Party of India (Marxist-Leninist), CPI (ML). Und weil die Unterschiede so dramatisch sind kann man sich nicht einigen, über den Weg, die Ideen, den Ober- oder den Untergrund.

19645:  Fast 20 Jahre des Streits sind vergangen. Kastenstruktur und die völlig verarmten, analphabetischen ethnischen Minderheiten in den riesigen, sich über die Bundesstaaten Andhra Pradesh, Madhya Pradesh, Orissa, Bihar und West-Begalen ausdehnenden Bergwälder boten optimale Voraussetzungen für die ersehnte Revolution, passiert war aber gar nichts. Die Marxisten entschließen sich 1964 für den legalen Weg, ohne aber das revolutionäre Gedankengut aufzugeben, er wird einfach vertagt, der bewaffnete Kampf, auf einen Tag, „ an dem die revolutionären Bedingungen stimmen" ( auf was die wohl warten?).

Der Schritt war gut überlegt und letztendlich auch erfolgreich, die Marxisten gewinnen 1967 die Wahlen in West-Bengalen und bildet eine Koalition ausgerechnet mit dem Erzfeind, der rechtsgerichteten Kongreßpartei. Wie das so ist, wenn man sich in die Legalität begibt, das Leben wird schwieriger, Parolen nützen wenig wenn klar wird, daß es sich nur um Parolen handelt, der Pragmatismus einer täglichen Regierungsarbeit zwingt, viele der so schönen revolutionären Ideen ad acta zu legen, an der Macht zu sein ist einfach herrlich und da sind die Marxisten,  trotz medienträchtigster Korruptionsskandale, in West-Bengalen bis heute geblieben, doch die jungen Kader begehren auf. Was soll der einst so ehrenvolle Titel „Genosse", wenn er nur noch eine Worthülse darstellt?

Der Bruch kommt, wie erwartet, unaufhaltbar. Es ist ein kleiner Lokalkonflikt im Dorf Naxalbari, 100 km nördlich von Kalkutta. Es geht um einen Landdisput, ein Stückchen Acker, nichts wirklich Ernstes, aber die Situation eskaliert, Häuser brennen, es gibt Tote und Streit in der Koalition. Wegsehen, ausbrennen lassen (Marxisten) - crack down (Kongreßpartei). Es kommt zum militärischen Eingreifen, zur Niederschlagung und zur Spaltung.

Ein Lokalfeuerchen im Weiler Naxalbari, eine neue, die Naxalite Revolutions-bewegung war entstanden, ein Buschfeuer fegt über ganz Indien. Zuerst ein Buschfeuer der Empörung, eine Stärkung der kommunistischen Bewegung in Bundesstaaten, in denen man nie hatte Fuß fassen können (Kaschmir, Uttar Pradesh, Karnataka, Tamil Nadu). Das "All India Coordination Committee of Revolutionaries" war entstanden, ganz legal als Organisation innerhalb der Marxisten, ein Schwelbrand, der nicht mehr zu löschen war, bis heute, und eine Stärkung derjenigen Fraktion, die mit dem „Betrug der Marxisten an der Gesellschaft" Schluß machen und den revolutionären Kampf im Untergrund fortsetzen wollte. Die Marxisten-Leninisten standen stolz an ihrer Spitze.

Was nun kommt hat man sich in Irland abgeschaut, vielleicht auch in Spanien bei den Basken. Man nehme eine politische Partei, halte diese schön im Rahmen der Legalität, sie muß ja nicht unbedingt an Wahlen teilnehmen, wir würden gerne, können es aber moralisch nicht verantworten, Boykott, gründe einen militärischen Flügel, militärischer Flügel klingt doch wirklich nicht nach Terror, kann ja auch nicht sein, es geht ja um das Gute, sende den Flügel in den Untergrund (können wir nichts dafür, die tragen zwar unseren Namen, wir haben aber mit ihnen nichts zu tun) und lassen ihn dort walten (morden, brandschatzen und ähnliche im Namen der Menschlichkeit sinnvolle Dinge). So geschehen im Indien des Jahres 1969 unter der Regie der Marxisten-Leninisten und wieder einer neuen Bewegung, des aus dem All India Coordination Committee of Revolutionaries hervorgegangenen Maoist Communist Centre (MCC).

Das Spiel wird gespielt wie beim Wasserball, mal mehr über, mal mehr unter dem Wasser, bis sich die Marxisten-Leninisten 1970 zu weit aus dem Fenster lehnen. Ihre Publikationsorgane rufen offen zum bewaffneten Kampf auf und werden verboten, Grund genug, sich wieder in den illegalen Untergrund zurück zu ziehen und auf ihre wirklichen „Ideale" zu konzentrieren. Ihre Stimme in der Öffentlichkeit bleibt aber erhalten. Kaum sind die Zeitungen verboten, gründen Schriftsteller und Intellektuelle aus CPI (ML) und MCC die "Revolutionary Writers Association", die unter den verschiedensten Namen bis heute weiter lebt und, das muß man ihnen auch bei völligem Unverständnis ihrer Ideologie gegenüber lassen, wirklich „gut" ist; auf diesen Punkt werden wir noch kommen.

Zehn Jahre später, wir schreiben inzwischen das Jahr 1980, sind wir wieder dort, wo wir 1964 waren. Diesmal sind es die Marxisten-Leninisten, wie einst die Marxisten, die in sich gehen, sich reorganisieren, Buße tun - "we correct for left errors", sich der Legalität stellen und beteuern, in Zukunft nur noch Hehres zu tun, um, im Zweckbündnis mit anderen kommunistischen Gruppierungen, Regierungs-verantwortung zu übernehmen. Nun sind Wollen und Tun nicht immer identisch und wenn das Wollen auch noch mit Popularitätsverlust verbunden ist, ist es mit dem Tun so eine ganz spezielle Sache. Langer Rede kurzer Sinn: ohne ihre bombende MCC fanden sich die Marxisten-Leninisten ganz schnell im Keller wieder und von dort gab's einen Geheimgang in den Untergrund, dort kannte man sich wenigstens aus.

1984 kommt die Zentralregierung in Delhi den darbenden Marxisten-Leninisten zu Hilfe, sogar militärisch: "Operation Blue Star". Indira Gandhi läßt Sikh Separatisten, die sich im heiligsten aller Sikh Heiligtümer, dem Goldenen Tempel zu Amritsar verschanzt hatten und aus dem nördlichen Bundesstaat Punjab die unabhängige Republik Khalistan machen wollten, brutal von Luftwaffe und Panzerverbänden ausräuchern und Teile des Goldenen Tempels in Schutt und Asche legen. Man kann als Zentralregierung in Indien vieles machen, aber sich in dieser Form mit einer der großen Religionsgemeinschaften anlegen? Eine Solidarisierungswelle rollte durch Indien, Indira Gandhi fiel dem Attentat eines Sikh Separatisten zum Opfer, die Solidarisierungswelle kippte und drehte sich gegen die Sikhs, Bomber und Mörder an die Front, der geheiligte Fanatismus rechtfertigt alles.

1989 wird die Vielfalt der kommunistischen Parteienlandschaft auf ein Neues erweitert. Diesmal läutert sich das Maoist Coordination Centre, läßt die Waffen in den über Jahrzehnte Guerillatätigkeit angelegten Depots (die natürlich vernichtet wurden, versteht sich), kehrt treu in die Mutterpartei CPI (ML) zurück, wird dort herzlich aufgenommen, zeigt aber nur Undank und mausert sich zur dritten legalen kommunistischen Kraft, genannt „Communist Party of India (Marxist-Leninist) Liberation". Was keiner glaubte geschieht, bei den Parlamentswahlen im Bundesstaat Bihar sendet die CPI (ML) Liberation unter dem Banner einer India People's Front, die ersten Naxalite Abgeordneten ins Parlament! Dagegen sind afrikanische Freiheitskämpfer die reinsten Unschuldslämmer, nach 20 Jahren Bomben sitzen sie im Parlament und zwar gut und fest und für mehr als 10 Jahre, mit zunehmender Popularität über ganz Indien. Intellektuellenverbände entstehen, Studenten werden in linken Zellen organisiert, Kongresse werden unter anderem in der Hauptstadt Delhi abgehalten, "we are the first-ever massive mobilisation organisation of the rural poor in the capital!"

Um die Jahrtausendwende herum ist Manmohan Singh, der heutige Premier, Wirtschaftsminister der Zentralregierung und erlaubt sich Unerhörtes. Wirtschaftlich gesehen könnte es fast mit Gorbatschows Perestroika verglichen werden. Indiens Markt wird liberalisiert, die Tür zur Welt einen Spalt breit geöffnet. Die linke Szene läuft Sturm. Dem Sturm entspringt eine neue Partei, ein Konstrukt mit dem wilden Namen „Communist Party of India - Marxist, Leninist - People's War
(CPI (ML) PW)". Die machen das, was sie seit Urzeiten gelernt haben: bomben, aber strategisch viel erfolgreicher als alle zuvor; denn es gelingt etwas, was sich bisher nur die Nordvietnamesen auf ihre Fahnen schreiben konnten, unter den Augen des Feindes, in dessen direkter Nähe, den Nachschub zu organisieren. Die CPI (ML) PW schaffte einen gewaltigen Sprung nach vorne, oder aus Sicht der Zentralregierung und des Westens eine ungeahnte Verschärfung eines lokalen Konfliktes.

CCOMPOSA (Coordination Committee of Maoist Parties and Organisations of South Asia), red corridor of armed struggle, indischer Ho Chi Minh Pfad heißen die neuen Stichworte, der Konflikt war internationalisiert worden, nepalesische, chinesische und andere südostasiatische maoistische Parteien unterstützten den Kampf der indischen Naxalite Genossen nun nicht mehr nur ideell, sondern auch finanziell und logistisch.

Entlang der Ostküste des indischen Subkontinents ziehen sich, von Norden nach Süden, djungelartig bewaldete Bergketten, rau, wild und unzugänglich. Hier lebt ein nicht unbedeutender Teil der kommunistisch-maoistischen Klientel, die völlig verarmten, allein gelassenen, von höheren Kasten verachteten ethnischen Minoritäten. Nicht das irgend jemand in Indien glauben würde, diese seien Maoisten,

sie suchen Hilfe, egal aus welcher Ecke diese kommt. Durch diese Bergwälder zieht sich also der über 1000 km lange red corridor of armed struggle, wirklich dem Ho Chi Minh Pfad vergleichbar. Waffen, Munition und Geldmittel kommen von Norden, die in die Ausbildungslager in Nepal, Pakistan und China wandernden Kämpfer aus dem Süden.

2004 formierte man sich noch einmal neu, langsam wird es wirklich unübersichtlich, aus CPI (ML) PW und dem immer noch existierenden MCC wird die Communist Party of India - Maoist, mit der People's Guerilla Army an der Front, die vom Magazin „Economist" im Jahre 2004 auf 9'000 - 10'000 gut ausgebildete Kämpfer mit technisch hochstehendem Gerät geschätzt wird.6 Die Aktivitäten der neuen Partei konzentrieren sich auf sogenannte „Compact Revolutionary Zones", geographisch im red corridor gelegen und Kristallisationspunkte für eine Ausweitung des Kampfes nach Osten und Westen. Was man nicht für möglich halten sollte geschah, die Maoisten organisieren am 15. Oktober 2004 einen offiziellen Gründungskongreß, zwar im Untergrund aber unter Teilnahme internationaler Delegationen aus Peru, Europa (NL, D, N), China und Nepal; die „Tamil Tigers" aus Sri Lanka sind als Beobachter zugelassenen. So sehr tief scheint man sich doch nicht im Untergrund vergraben zu haben, die Presse berichtete ausführlich und mit Interviews, die Zentralregierung und die Bundesstaaten schauten gelassen zu. Das immerhin hat sich inzwischen geändert; der Premierminister Manmohan Singh im April 2006 vor dem Parlament: "the Naxal rebels are the biggest single internal security challenge ever faced by our country".7

Http://www.maoistresistance.blogspot.com - das ist die Webseite der Maoisten, ansehenswert, selten so etwas Geschicktes gesehen. Hier ist nichts angreifbar, nichts radikal, nicht einmal aggressiv. Maoistische Leitsätze verstecken sich geschickt in Interviewjournalismus, der immer auch die Position der Gegenseite einbezieht, in neutralen Worten die Mißstände Indiens schildert, was nicht besonders schwierig ist, Angriffe und Gegenangriffe darstellt und damit auf die inzwischen erhebliche geographische Verbreitung maoistischen Gedankengutes hinweist. Internationale linke Schriftsteller nehmen zu einer Vielzahl sozialer Konfliktthemen Stellung, die indische Ikone des gewaltlosen Widerstandes, die Schriftstellerin und Architektin Arundhaty Roy (Der Gott der kleinen Dinge), ausgezeichnet mit dem Booker- wie dem Sydney Peace Preis, wird mit einer Stellungnahme zum Tode des maoistisch orientierten, linksprogressiven türkischen Journalisten Hrant Dink bemüht, der in Indien bekannte Soziologe und Politologe Aditya Nigam beschreibt in lobenden Worten Sundeep Chakravarti's Buch "Everyone loves a Naxal". Man kann alles lesen, ohne irgendwo anzustoßen und wäre da nicht das große maoistische Banner mit unter Hammer und Sichel stürmenden Kämpfern auf der Titelseite würde man nicht einmal merken, wo man sich eigentlich befindet. Schweren Herzens - Kompliment - schon gut gemacht. Gleichfalls makaber faszinierend: http://www.naxalrevolution.worldpress.com

Nun, das war sie, die unendliche Geschichte, bleibt nur noch die Frage nach den Gründen.

Warum soll ich schreiben, was andere viel besser können. Ich zitiere einen zusammenhängenden Auszug aus den Perspectives, The New Sunday Express, February 24, 2008:

„Es gab genügend Vorzeichen dieser Überfälle. Die Anwesenheit von Naxal Rebellen war nicht nur allen wohlbekannt,  es gab auch Lager in der Gegend um Kalinga Nagar im Jajpur Distrikt, und das seit Jahren. Auch die Tatsache dass das Naxal Einflussgebiet ausgedehnt wurde und die Mienen- und Industriegürtel von Keonjhar bis Sambalpur, Sandargarh und sogar die Küstenregion um Jagattsinghpur umfasste, wo POSCO der größte Stahlhersteller des Landes zu Hause ist, war bekannt, es kümmerte nur niemanden. Die Rebellen schlugen Kapital aus der Landumsiedlungspolitik der Regierung und, wie Anna Reddy, Chefin der Maoisten in Orissa völlig offen zugab, als sie kürzlich verhaftet wurde, erpressten Geld von der Stahlindustrie, um ihre Bewegung zu finanzieren.

Die Konzentration auf das unterentwickelte südliche Orissa verschaffte den Rebellen aber weder die gewünschte öffentliche Aufmerksamkeit noch einen ausreichenden Einfluss auf die Bevölkerung, einer Expansion nach Norden, hinein nach Zentralorissa war die logische und zu erwartende Konsequenz. Wie gesagt, all dies war bekannt, ohne das es die Regierung veranlaßt hätte etwas gegen das Übel zu unternehmen. Im Gegensatz zum Nachbarstaat Andhra Pradesh gab es in Orissa nie Lösungsansätze, weder für das Rebellenproblem  noch für die existenziellen Entwicklungsfragen der Region, die ihrerseits wiederum die Grundlage der Naxalerfolge darstellten. Die Rebellen wurden  als ein lokales, für den Süden des Landes endemisches Problem gesehen und vergessen.

Seit den 1990er Jahren versuchte die Polizeiführung die Regierung davon zu überzeugen die Maoisten und ihre Frontorganisationen  zu verbieten, erfolglos. Das Verbot erfolgte, viel zu spät, im Jahre 2006, die zögerliche Haltung  hat sich für die Regierung nicht ausgezahlt. Es sind die grauenerregenden Lebensbedingungen für die Bevölkerung der Waldgebiete im südlichen Orissa, die die Grundlage für die Rebellenerfolge bilden, die nicht vorhandene medizinische Versorgung, die fehlenden Schulen, die misserablen Kommunikationsmöglichkeiten und eine Landreform, die zwar etliche Male von der Regierung angekündigt wurde aber nicht einmal im Ansatz erkennbar ist. Dazu ein staatliches Arbeitsbeschaffungsprogramm, das in Manipulation und Korruption erstickt ; die Rebellen können es sich wirklich nicht „besser" wünschen! Aber leider ist das noch nicht alles. 2007 warnte das Heimatministerium der Union in Delhi die betreffenden Staaten ob drohender maoistischer Anschläge und forderte, unverzüglich nachrichtendienstliche Spezial-einheiten zu bilden, um die maoistischen Aktivitäten besser verfolgen zu können. In Andhra Pradesh ist dies erfolgt, in Orissa warten wir noch heute.

Zu allem Überfluß befindet sich die Infrastruktur der Polizei in einem erbarmungswürdigen  Zustand. Die Ist-Stärke der Polizeieinheiten liegt mit 45% weit unter dem Soll, allein auf Wachtmeisterebene wären 5000 Stellen zu besetzen. Ausbildungs- wie Ausrüstungsstandards sind niedrig, die Zahl derer, die in Nahkampf- und Guerillataktiken  ausgebildet wurden ist viel zu klein, um den hochgerüsteten und taktisch geschickten Rebellen Paroli bieten zu können. Es ist gut nachvollziehbar, selbst gut ausgebildete Polizeioffiziere verweigern eine Versetzung in das Krisengebiet; wir wären dort nichts als Freiwild, führt Padmanav Behara, Präsident der Orissa Halvidar Polizeigewerkschaft aus.

Und noch einige Fakten: 20 von 30 Regierungsbezirken sind, nach offiziellen Angaben, dem Einfluß der Naxalrebellen ausgesetzt. Orissa verfügt landesweit über 40 Waffenlager der Polizei; 30 davon werden als gefährdet eingestuft; nur 10 sind ausreichend befestigt, um einem Überfall Stand zu halten. Den 462 Polizeistationen und 300 Außenposten im Lande geht es nicht besser; 90 davon sind in irgendeiner Form befestigt, die anderen 672? Soll man dies als Einladung (an die Rebellen) verstehen?"

 

Es war alles bekannt, hat jemand daran gezweifelt?

Es wurde nichts getan, hat jemand daran gezweifelt?

Der „rote Korridor des bewaffneten Kampfes" führt mitten durch den Stahlgürtel Indiens, Bergbauindustrie, Kraftwerke, Stahlhütten, Walzwerke, wirtschaftlich gesehen ein Gebiet  von höchster Bedeutung, nicht nur für die Bundesstaaten Orissa und Chhattisgarh, sondern auch für die indische Union. Die Rebellen bohren an einem der Nerven der indischen Wirtschaft.

Es herrscht Bürgerkrieg,  obwohl alles ganz friedlich aussieht und es ist ein Bomben-geschäft für alle Beteiligten, ob Regierung, Mienen, Kraftwerke oder Rebellen. Ich bemühe noch einmal das Archiv der englischen Tageszeitung „The Guardian":

„Im Jahre 2005 hat allein der Staat Orissa für 6,5 Milliarden Euro Land an die Minenindustrie verkauft mit der Auflage, sich um die lokale Infrastruktur zu kümmern, was nie erfolgte. Der Industrie stehen mit den lokal ansässigen ethnischen Minoritäten (Tribals) billigste Arbeitskräfte zur Verfügung, deren Rechte niemand wahrnimmt. In dieser explosiven Mischung aus Frühkapitalismus, Landraub und Ausbeutung finden sich die Naxal Maoisten, die sich jedoch, was die Tribals angeht, nicht freundlicher benehmen. Zwölf Prozent Steuer auf alle Einnahmen der Bevölkerung der von ihnen kontrollierten Gebiete, Zwangsrekrutierung von Soldaten und Kindersoldaten, People's Courts, Volksgerichtshöfe, mit wirklichen und vermeintlichen Kollaborateuren wird kurzer Prozeß gemacht, öffentliche Enthauptungen sind nicht selten aber, all das geschieht im Dunkel der Wälder".

Die Inder außerhalb der Stammesgebiete, wer sollte es ihnen verdenken, wehren sich, aufgerüstet von Industrie und privaten Kapitalgebern. „Salva Judum", eine vom Staat geduldete Privatarmee, steht in Sachen Brutalität ihren maoistischen Gegnern in nichts nach. Die einen knechten ihre Schutzbefohlenen unter maoistischen Gesängen und benutzen sie als menschliche Schutzschilde, die anderen vertreiben die Minoritäten aktiv aus ihren Heimatgebieten, um dem Gegner den Vorteil menschlicher Schutzschilder zu nehmen. Die Vertriebenen landen in Flüchtlingslagern, den Squattersiedlungen, die man entlang der Hauptstraße sehen kann, mehr als 100 gibt es inzwischen. Nach Angaben des Guardian dürfen die Vertriebenen die Lager nicht verlassen, die Lebensmittelversorgung sei minimal, kaum Wasser, keine sanitären Einrichtungen dafür aber Zwangsverpflichtung zum Straßenbau (Männer, Frauen, und selbstverständlich Kinder); der Lohn beträgt 50 Rupien (0,90 Euro) für einen 12 Stundentag. Wer im Straßenbau eine Maschine sucht, der sucht vergebens. Das Ausheben des Straßenbettes und alles bis hin zum Teeren läuft manuell, mit Hammer und Sichel, Schippe und Karren, Maschinen wären teure Verschwendung.

Die Lebens- und Arbeitsbedingungen im Stahlgürtel Orissas und Chhattisgarhs sind selbst für indische Verhältnisse nicht mehr haltbar; über Jahrzehnte konnten die Probleme unter den Teppich gekehrt werden, doch jetzt ist die Kritik  der Medien nicht mehr zu überhören. Die Regierungen verweisen auf die laufenden Entwicklungsprogramme und wehren sich entschieden gegen jegliche Kritik.

Und in der Tat liest sich das von Orissa und Chhattisgarh in Kooperation mit dem IFAD8 entworfene Programm eindrucksvoll:

Anleitung und Hilfe zu sämtlichen Bereichen, die zum selbstständigen Bewirtschaften der Lebensräume der ethnischen Minoritäten notwendig sind, von landwirtschaftlichen Anbautechniken  über Bewässerung,  Forstmanagement, Selbstfinanzierungsmodellen bis hin zur Gesundheitsversorgung. Das Programm ist veröffentlicht und im Internet einsehbar, erste Ergebnisse, in sauberen  Statistiken präsentiert, wirklich beeindruckend.

Der Hasenfuß aber ist nicht einmal klein gedruckt. Das im Jahr 2004 begonnene Programm beinhaltet eine dreijährige Pilotphase, die in 114 Dörfer inzwischen abgeschlossen wurde und sieht eine fünfjährige Ausdehnungsphase vor, in welcher 750 Dörfer oder 51'000 Einwohner von dem Programm profitieren sollen. Die Bevölkerung von Chhattisgarh allein beträgt 23 Millionen; 44,7% hiervon leben in den Tribal Areas. Der berühmte kleine Tropfen auf den sehr heißen Stein!

Übrigens: ausländische Fonds tragen 75% des Gesamtbudgets von 26 Millionen USD. Beide Zahlen sind ein Witz oder besser gesagt tragisch. Ginge es nach der indischen Beteiligung, würde gar nichts passieren. Soweit zu den vollmundigen Aussage der betroffenen Ministerien.

Nachtrag: Charakterisierung der beschriebenen Stammesgebiete mit Hilfe der Ergebnisse von Studien großer Universitäten in West Bengalen, Chhattisgarh und Andhra Pradesh. Selbsterklärend, Kommentar nicht erforderlich.

Kinder in Stammesgebieten (4-12 Jahre)9

  • 90% beider Geschlechter unterernährt
  • 85% der Jungen für ihr Alter zu klein
  • 48% der Mädchen für ihr Alter zu klein
  • 80% beider Geschlechter abgemagert
  • Versorgung mit Protein und Kohlenhydraten weit unter den Minimalempfehlungen des indischen Gesundheitsministeriums

 

Heranwachsende in Stammesgebieten (10-17 Jahre)10

  • (Retrospektive Datenbankauswertung des National Nutrition Monitoring Bureau's, Daten 1998-1999)
  • 63% der männlichen Heranwachsenden unterernährt
  • 42% der weiblichen Heranwachsenden unterernährt
  • Tägliche Zufuhr von Eisen, Riboflavin und Vitamin A drastisch unter der Empfehlungsgrenze

 

Erwachsene Stammesbevölkerung (mittleres Kohortenalter für beide Geschlechter: 38 J.)11

  • 50% Unterernährung für beide Geschlechter (BMI < 18.5)
  • Unterernährung per se und Ausmaß der Unterernährung negativ zum Alter korreliert; je älter, desto ausgeprägter die Unterernährung

Eine zweite Studie kommt zu ähnlichen Ergebnissen12

  • 50% Unterernährung bei erwachsenen Frauen (BMI < 18.5)
  • 27% Unterernährung bei erwachsenen Männern (BMI < 18.5)
  • Entsprechend gültiger WHO Kriterien wurde der Zustand unterernährter Männer schwerwiegend und ernst, der Zustand der Frauen als sehr ernst und kritisch eingestuft.

 

Referenzen:

1. Http://www.en.wikipedia.org/wiki/Terrorism_in_India
2. Sprecher des Polizeihauptquartieres des Staates Orissa, Tagespresse
3. Tagespresse

4. Http://ajadhind.blogspot.com/2006/09/history-of-naxalism.html
    Archive Hindustan Times at www.hindustantimes.com

5. Archive "The Hindu"; Archive "Hindustan Times", Widipedia Enzyklopädie

6. Economist 2006; Vol 380(Issue 8491):19-25

7. The Guardian, May 9, 2006

8. Http://www.cjtdp.nic.in (IFAD - International Fund for Agricultural Development, United Nations)

9. Mitra M, Kumar PV, Chakrabarty S, Bharati P. Nutritional status of Kamar tribal children in Chhattisgarh. Indian J Pedratr 2007;74(4):381-4

10. Rao KM, Laxmaiah A, Venkaiah K, Brahman GN. Diet and nutritional status of adolescent tribal population in nine states if India. Asia
      Pac J Clin Nutr 2006;15(1):64-71

11. Bose K, Chakrabarty F, Bisai S, Khatun A, Bauri H. Body mass index and nutritional status of adult Savar tribals of Keonjhar district,
      Orissa, India. Asia Pac J Public Health 2006;18(3):3-7

12. Banik SD, Bose K, Bisai S, Bhattacharya M. Undernutrition among adult Dhimals of Naxalbari, West Bengal: comparison with other tribes
      of eastern India. Food Nutr Bull 2007;28(3):348-52