Märchen aus dem Maghreb

Vorwort

Die Idee zu einem Bilderbuch mit Fabeln entstand eines Abends in der Sahara, nachdem ich mit meiner guten Freundin Katrin in München telefoniert hatte. Katrin arbeitete damals an einem Bildband, in dem die Stimmung der Aufnahmen nicht nur durch die Bilder selbst, sondern durch zu den Bildern passende Gedichte hervorgehoben werden sollte. Phantastisch!

Das Rif-Gebirge, die Höhen des Mittleren und des Hohen Atlas, des Antiatlas und die Sahara entlang der algerischen Grenze sind Landstriche, die zum Träumen einladen, mit einer unerwarteten Vielfalt an Flora und Fauna, die den, der die Augen offen und ausreichend Zeit im Gepäck hat, überwältigen kann. Was läge näher, als die Lebensfreude, die ich in diesen verlassenen Winkeln Marokkos empfand und im Bild auszudrücken suchte, mit dem zu unterlegen, was in Marokko an jeder Ecke feilgeboten wird: Überlieferungen, Märchen, Fabeln, dargeboten von Märchenerzählern, die ihre Stücke häufig genug mit einem gehörigen Schuss Sarkasmus würzen.

Es wäre natürlich alles noch etwas schöner gewesen, wenn man denn einfach in die den Erzähler umgebende Menschenmenge hätte eintauchen und mitfiebern können. Aber die Landessprache ist nun einmal arabisch, und im Atlas kommt man selbst damit nicht sonderlich weit; gesprochen werden Berberdialekte.

Meinen Sprachnachteil konnte ich sozusagen in einen Vorteil verwandeln, denn gefunden habe ich immer jemanden, in Dörfern häufig den Schullehrer, der mir, bei einer Kanne traditionellen Minztees, das Erzählte ins Französische übersetzte; ein doppeltes Vergnügen!

Wie authentisch die Geschichten sind, ob sie denn mehr auf alten Märchen und Fabeln oder auf der ausschweifenden Phantasie der Erzähler beruhen, kann ich nicht beurteilen. Es spielt für dieses Buch auch keine Rolle, unterhaltsam und pointiert sind sie allemal.

Nach einem halben Jahr des Vagabundierens habe ich mich in Deutschland dann auf die Suche gemacht; beim Stöbern in Antiquariaten und im Netz habe ich sie (fast) alle wieder gefunden. Für diejenigen, die wirklich an Märchen interessiert sind und die mehr lesen möchten, hier eine kleine Literaturzusammenstellung:

  1. Hans-Jörg Uther (Hrgb.): Die Märchen der Weltliteratur.
    Arabische Märchen (Band 1). Weltbild 1998.
  2. Max Weisweiler (Hrgb.): Die Märchen der Weltliteratur.
    Arabische Märchen (Band 2). Weltbild 1998.
  3. Mourad Kusserow, Jürgen Kiefner: Der gerechte Sultan.
    Herder 1993.
  4. Unbekannter Hrgb.: Der Gewittervogel. Orient Edition 1983.
  5. Doris Hassan-Daufeldt: Immer wenn der Mond aufgeht.
    Orient Edition 1981.
  6. Elias Canetti: Die Stimmen von Marrakesch. Fischer 1980.
  7. Harry von Graffenried: Der Räuber und die Liebe.
    Flamberg 1952.