Die Eule

Die Eule

Am Rande des rauen Atlasgebirges stand einst ein mächtiger Palast, in dem ein König lebte, der über die Menschen, die Tiere und die Geister herrschte. Er lebte trotz der Pracht seines Schlosses sehr einfach und bescheiden und galt als gütig, sodass jedermann den Herrscher respektierte. Sein Weib hingegen liebte golddurchwirkte Roben und Diademe und war auch sonst den Annehmlichkeiten ihres königlichen Standes zugetan. Eines Tages, als sie wieder durch die Gänge und Hallen des Palastes wandelte und sich am Glanz von Gold und Silber ergötzte, traf sie den Herrscher und bat: „Mein Herrscher und Ehemann, du hast dieses Schloss für mich erbaut, es ist wunderbar, aber bitte sieh doch mein Bett an, es ist hart und kratzig und sicherlich einer Königin nicht würdig. Ich wünsche mir ein Bett aus den Federn der Vögel, die alle deine Untertanen sind und für die es sich geziemt, deinem Wunsche zu folgen.
Würdest du dies für deine dich liebende Gemahlin tun?“

Der König ließ alle Vögel seines Reiches zu sich rufen und fragte, ob sie vollständig seien. „Ja, oh Herrscher“, sprach würdig der Adler, „alle sind gekommen bis hin zu den nichtsnutzigen Spatzen, nur die Eule fehlt in unserem Kreise.“ „Flieg, hol die Eule“, befahl der Herrscher barsch, und der Adler tat, wie ihm geheißen.

„Wie konntest du es wagen, dich meinem Befehl zu widersetzen, Eule, sprich!“ Die alte Eule räusperte sich und murmelte dann in leisem Tone: „Majestät, es war die Arbeit; seit vielen Jahren analysiere ich die Welt und versuche, offene Fragen des Lebens zu beantworten.“ „So“, brummte der Herrscher, „du arbeitest und analysierst? Das müssen ja sehr wichtige Fragen sein, die dich daran hindern, dem Ruf deines Herrn zu folgen. Lass hören, Eule, auf dass wir alle von dir lernen; sollte es sich allerdings zeigen, dass es hier nichts zu lernen gibt, werde ich dich vor ein Tribunal stellen müssen. Also, Eule?“

„Ich habe mich gefragt, oh Herrscher, ob es mehr dumme oder schlaue Menschen gibt.“ „Und, was hast du herausgefunden?“ „Viel mehr Dumme!“ Der König lächelte. „Und wie willst du das beweisen? „Oh Herr, die meisten Menschen leben mit Katzen und rufen diese beim Namen, in der Früh und am Abend, auf dass sie zum Fressen kämen; sie haben immer noch nicht begriffen, dass einer Katze der Namen vollkommen egal ist und sie sowieso nur kommen, wenn sie gerade Hunger haben, ob man sie denn ruft oder nicht!“ Der König war amüsiert und klatschte in die Hände.
„Weiter Eule!“

„Ob, oh Herr, es mehr leuchtende oder mehr dunkle Farben in dieser Welt gibt?“ Der König blickte zum Himmel, auf seinen prächtigen Palast und auf das Meer duftender, bunter Blüten seines Gartens. „Die Frage dürfte einfach zu beantworten sein, Eule, schau dich nur um.“
„Verzeiht, oh Herrscher, ich möchte nicht widersprechen, aber es sind die dunklen Farben, oder ist es nicht wahr, dass in der Nacht alle Katzen grau sind?“ „Ich habe mich auch gefragt“, sinnierte die Eule weiter, „ob es denn auf dieser Erde mehr Stein oder mehr Sand gäbe?“ Ein Sonnenstrahl fiel auf die bizarren, rauen Gipfel des Atlasgebirges, sodass der Herrscher spontan für den Stein votierte. „Oh nein“, protestierte die Eule leise, „beklopfet einen Stein, und er wird zu krümeligem Sand zerfallen.“

„Du bist eine weise Eule, aber beantworte mir noch eine letzte Frage: Gibt es mehr Männer oder mehr Frauen auf dieser Welt?“
„Oh Herrscher“, schmunzelte die Eule, „selbst wenn die Antwort Euch nicht gefallen sollte, es gibt viel mehr Frauen!“ „So, so“, spottete der Herrscher, „und du hast dich auch nicht verzählt?“
„Sagt, oh König“, fragte die Eule mit einem Unterton zurück: „Ist nicht ein Mann, der jeden Wunsch seines Weibes erfüllt, selbst ein Weib?“ „Natürlich“, entfuhr es dem Herrscher, bevor er innehielt, um dann in lautes Gelächter auszubrechen.

„Wohl wahr, alte Eule, wohl wahr“, sprach er, um zu den Vögeln gewandt fortzufahren: „Fliegt alle nach Hause, niemand wird hier gerupft, bedankt euch bei der Eule.“