Ali und Wali

Ali und Wali

Es lebten einst zwei junge Männer, die waren Meister ihres Faches, der Gaunerei und der Diebeskunst. Wie es das Schicksal wollte, trafen sie sich eines Tages auf einem Marktflecken, Ali mit einem Topf voll Asche, die er mit Mehl bedeckt hatte, und Wali mit einem nicht minder interessanten Gefäß voll Kamelmist, bedeckt mit getrockneten Datteln. „Ich habe gutes Mehl, das Brot wird herrlich schmecken, warum kaufst du nicht etwas von mir?“ Wali sah Ali an und antwortete: „Inschallah, meine Schwester könnte duftendes Brot backen, aber wenn ich dein Mehl kaufe, kauf du auch einige meiner Datteln.“ Die beiden waren schnell handelseinig und freuten sich insgeheim diebisch, jeweils einen Dummen gefunden zu haben, der auf ihren Schwindel hereingefallen war.

Des Abends, zu Hause, entdeckten die beiden, dass sie sich wohl ebenbürtig waren, und lachten herzlich. Am nächsten Markttag trafen sie sich wieder. „Wer bist du, dass du mich übers Ohr gehauen hast?“ „Und du, wer bist du, dass du glaubst, mich beschwindeln zu können?“ Ali und Wali umarmten sich, grinsten breit und beschlossen, zusammen weiterzuziehen, auf dass sich zeige, wer denn nun der bessere Gauner sei.

Die Nacht verbrachten sie bei Alis Schwester, die sie wohlwollend aufnahm und ihnen am nächsten Morgen zum Frühstück ein knuspriges, frisches Fladenbrot servierte. „Schwester, bitte lass uns alleine, mein Freund schämt sich, im Beisein einer Frau zu essen“, sagte Ali, um zu Wali gewandt fortzufahren, „und du hol doch bitte eine Handvoll Butter aus dem Topf dort drüben.“ Kaum zog Wali seine Hand aus dem Butterfass, rief Ali seine Schwester wieder herein, die mit großen Augen auf Wali starrte, der gerade noch seine buttervolle Hand unter seinem Kaftan hatte verschwinden lassen können. „Was ist mit deinem Freund, warum schaut er so, warum versteckt er seine Hand, warum isst er nicht?“
„Er hat eben seine Hand angeschlagen, der Arme, sie tut ihm weh, er kann jetzt nichts essen“, bemerkte Ali in betrübtem Ton, lehnte sich zurück und ließ es sich schmecken. Satt und zufrieden zog Ali Wali später aus dem Haus, grinste und fragte: „Wie war das, eh?“ „Nicht schlecht für den Anfang“, Wali leckte seine Hand ab, „aber wart’s nur ab, du Gauner.“

Sie wanderten eine Weile durch die sandige Umgebung der Oase, als sie in der Ferne einen Bauern sahen, der sich im Schweiße seines Angesichts abmühte, mit Ochsen und Pflug sein steiniges Stückchen Land zu bearbeiten. „Geh“, sagte Ali, „frag den Bauern nach Wasser, ich werde inzwischen an der Düne dort drüben so tun, als ob ich meinen Kaftan wasche.“ Wali grinste und trat zu dem Bauern. „Bruder, ich habe Durst, sag mir, wo ich Wasser finde.“ Der Bauer brummte unwillig: „Ich arbeite hier seit Stunden, meine Kehle ist so trocken und kratzig wie ein Dornenbusch, ich hätte selbst gerne etwas Wasser.“ Wali sah sich betrübt um, lächelte aber plötzlich. „Sieh doch, dort am Dünenrand, jemand wäscht seinen Kaftan, es muss dort einen Brunnen geben; Allah sei Dank, ich werde trinken können.“
Der Bauer schaute verdutzt in die Richtung des ausgestreckten Armes, wischte den Schweiß aus seinen Augen und bat Wali zurückzustehen. „Lass mich zuerst trinken, all die Stunden in der Sonne, es hat dort nie Wasser gegeben, doch jetzt? Ein Geschenk Allahs, Alhamdulillah [Gott sei Dank]. Sei barmherzig und achte auf meinen Ochsen“, sagte er und lief in die Richtung der Quelle, wo er Ali fand, der Sand durch seinen Kaftan rieseln ließ. „Scheiße“, fluchte der Bauer, „ich habe mich zum Narren halten lassen, soll doch dieser Kerl versuchen, Sand zu trinken.“ Der „Kerl“ aber war mit des Bauern Ochsen verschwunden und traf Ali hinter einer Geröllhalde wieder, wo die beiden bester Dinge den Ochsen schlachteten, brieten und es sich wohl ergehen ließen.

Der Geruch gebratenen Fleisches lockte zwei Hyänen an, die zwar Aas bevorzugt hätten, sich in Ermangelung einer Alternative aber auch mit gebratenem Ochsen begnügten. Hinter einem Strauch hervortretend, stellten sich die Hyänen auf die Hinterläufe, grüßten freundlich mit einem gottgefälligen Salam alaikum und baten, am Mahle der Banditen teilhaben zu dürfen. „Seht, wir sind alt und gebrechlich, es gibt kein Aas in der Nähe, und wir können auch nur noch schlecht jagen. Ihr habt einen ganzen Ochsen, lasst eure Herzen sprechen und lasst uns teilhaben, wir wollen es euch auch königlich vergelten.“ Was sie denn zu bieten hätten, fragte Ali, für ein Danke allein sei nichts zu machen.
„Oh nein, so Gott bewahre“, antworteten die Hyänen, „aber wir könnten euch sagen, wo ihr zwei gar liebliche Jungfrauen findet.“
Ali beobachtete Wali wie Wali den Ali. Nach einem köstlichen Mahle und dem Spaß am Morgen jetzt noch zwei Jungfrauen, das klang sehr verlockend.

„Ihr wollt uns doch nur foppen, auf dass wir euch den Ochsen überlassen; macht, dass ihr fortkommt, sonst machen wir euch Beine!“ „So Gott unser Zeuge ist, geht nur nach Süden, bis ihr ein Sandfeld erreicht; durchquert es und ihr findet einen verlassenen Friedhof und danach einen Palmenhain; in diesem werdet ihr sie finden, Inschallah!“

Sie hatten nichts zu verlieren, waren satt und guter Dinge und hatten gegen ein weiteres Abenteuer wenig einzuwenden; vielleicht ergäbe sich auch noch die Möglichkeit für einen derben Schalk. Sie machten sich auf den Weg nach Süden. Dieser war länger als erwartet, sehr steinig und trocken, sodass sie schon aufgeben wollten, als tatsächlich ein alter, verlassener Friedhof auftauchte und, als sie an die Kante eines vor ihnen liegenden Felsabbruches traten, sich zu ihren Füßen ein verträumter Palmenhain auftat, in dessen Mitte die Schemen eines Häuschens zu erahnen waren. Das Ziel so nahe vor Augen, kehrten ihre erschöpften Kräfte zurück, und das Häuschen, eigentlich mehr eine einfache Hütte, in deren Mitte etwas wie eine Suppe in einer großen Eisenschale auf der Glut brodelte, war bald erreicht. Auf ihr Rufen hin trat eine garstige Hexe heraus und fragte mürrisch nach ihren Wünschen.

 „Wir suchen zwei Jungfrauen, gar lieblich anzusehen“, rief Ali, „ja, blond und wunderschön“, fügte Wali hinzu. Die Hexe fauchte, lachte dann aber schrill auf.
„Warum sollt ihr es nicht wissen, diese Luder, dieses faule Pack, ja, sie waren hier, sie sollten für mich arbeiten, aber was haben sie getan, immer nur von einem Prinzen gefaselt, der sie erretten sollte. Ich habe sie in Hyänen verwandelt, auf dass sie ihr Leben mit Aas und im Dreck fristen mögen!“
„Oh gute Frau!“, schrie Ali und baute sich vor ihr auf. „Das Glück ist mit Euch und hat uns geschickt, Euch zu retten!“ „Zu retten, etwa vor dem Hyänenpack?“ „Die Hyänen sind über die sieben Berge ins Land der sieben Zwerge gewandert, wir haben davon gehört. Dort wohnt ein mächtiger Zauberer namens Spitzhut, der versucht hat, den Hyänen ihre Menschengestalt wiederzugeben. Als dies misslang, was für die Kraft Eurer Magie spricht, oh Hexe, hat Spitzhut vorgeschlagen, sie in Falken zu verwandeln, auf dass sie zurückfliegen können, um derjenigen, die für ihr Unglück verantwortlich sei, die Augen auszuhacken!“

Die furchterregende Hexe verfiel in ein noch furchterregenderes Gezeter: „Retten, wie wollt ihr mich retten? Was könntet ihr schon gegen zwei Falken tun?“ „Gar nichts“, antwortete Ali, „aber wir könnten sie überlisten. Du musst dich verstecken, sodass sie dich nicht finden können.“ „Ach ihr Narren“, schimpfte die Hexe und spuckte auf Ali, „wo soll man sich in einem Palmenhain wohl verstecken?“ „Im Hühnerstall“, fiel Wali ein, „du hast die Mädchen in Hyänen verwandelt, verhexe dich selbst in ein Huhn, im Stall wird dich niemand suchen.“ Die Hexe klopfte ihm auf die Schulter, murmelte etwas wie „später bedanken“, nahm einen großen Schluck von dem Zaubertrank, der in der Hütte im Kessel brodelte, ward ein Huhn, schlug kurz mit den Flügeln und verschwand im Stall.

Die beiden Hyänen derweil, nachdem sie ausgiebig gefressen und in der Sonne gedöst hatten, wurden durstig und machten sich auf den Heimweg ins Palmenhain, wo sie just eintrafen, als die Hexe im Hühnerstall verschwunden war.
Wie war die Freude groß, Wali umarmte Ali und Ali den Wali, dann gaben sie den Hyänen einen Schluck von dem Zaubertrank und wiederholten die Worte, die die Hexe gemurmelt hatte, um ein Huhn zu werden. Und schon standen sie da, zwei bildhübsche, junge Mädchen, und schon lagen sich alle vier in den Armen.
Die Freude war so groß, dass man beschloss, ein richtiges Fest zu feiern. Als die Tiere des Hains dies hörten, versprachen sie, alle zu helfen. So schmückten Ali und Wali die Hütte, die Vögel musizierten, die Erdhörnchen tanzten, und die Jungfrauen bereiteten eine gar köstliche Hühnersuppe aus dem Huhn im Stall, deren Duft sich über die ganze Wüste legte, sodass am späten Abend sogar der Wüstenfuchs zu Besuch kam.

Die Tage verstrichen, der Übermut legte sich, und Ali und Wali wurden zunehmend mürrisch. Die Mädchen waren so lieb, keusch und sittsam, dass Ali ihnen schließlich ein langes Leben und Wali ihnen Gottes Segen wünschte und sie davonzogen, froh, den Jungfrauen entkommen zu sein.

Nach langer Wanderung gelangten sie an einen Ort, an dem gerade ein altes Mütterchen beerdigt wurde. „Halt!“, rief Ali, „warum wollt ihr die Alte begraben, verkauft sie mir, ich zahle einen fairen Preis.“ Die Trauergemeinde war entsetzt ob eines solchen Ansinnens, aber als dann, zu völlig unpassender Zeit, der Hahn auf dem Mist zu krähen anfing, was er noch nie getan hatte, nahmen sie dies als ein Zeichen und überdachten den Handel.
„Gut“, sagte schließlich der Sohn, „ich habe sie denn lange genug gepflegt und für sie bezahlt, soll sie denn nun ihr Scherflein beitragen.“
Wali verstand nicht, was vor sich ging, hielt aber den Mund, kaufte zusätzlich noch einen Esel, packte die Alte darauf, Ali bezahlte, und sie zogen zufrieden von dannen. Auf der Alten saß der Hahn, den hatte man ihnen als Zugabe geschenkt.

Am nächsten Tag erreichten sie eine Oase, aus der ihnen die fröhliche Musik einer Hochzeitsgesellschaft entgegenschallte. Der Gastgeber hieß sie als neue Gäste willkommen und erkundigte sich nach der Alten. „Das ist meine Mutter“, erklärte Ali, „sie ist ein wenig krank und reist deshalb auf dem Esel.“ Sprach’s und setzte sie zu den Frauen, direkt neben die Braut.

Nachdem die Männer den Festschmaus genossen hatten, kam die Zeit, dass auch die Frauen etwas äßen. Die Braut erhob sich und schüttelte die Alte, von der sie annahm, dass sie eingeschlafen sei. Die Alte kippte nach hinten und fiel in einen Graben.
„Oh je, oh je“, jammerten die Frauen, „Ali, komm schnell, deine Mutter ist in den Graben gefallen.“ „Die Braut hat die arme Frau umgebracht“, entgegnete Ali kühl und an den Brautvater gewandt.
„Wünscht Euch, was Ihr denn wollt, Ihr werdet es erhalten“, flehte dieser, „aber bitte haltet Ruhe.“ „Gib mir deine Mutter, auf dass ich sie töten kann!“ „Allah, ich gebe Euch fünf Hammel und mein Kamel!“ „Nein, deine Mutter und die Hammel“, beharrte Ali. Als in diesem Moment der Hahn auf dem Esel anfing zu krähen und die Aufmerksamkeit aller auf sich lenkte, bot der Brautvater eine größere Summe. Ali willigte ein. „Aber nur um des lieben Friedens willen, dein Schaden ist es sicherlich nicht, und Allah wird unsere Barmherzigkeit erkennen“, murmelte Ali, steckte das Geld ein, lud die Alte und den Hahn auf den Esel und zog mit Wali von dannen. Ein paar hundert Meter weiter verscharrten sie die Alte in einem Loch am Wegesrand.

„Hätten wir jetzt die Jungfrauen, das wäre schön“, träumte Wali, und Ali stimmte ihm zu. Der Hahn vernahm das Gespräch mit Interesse. „Ich kann sie euch beschaffen“, krähte er und tat sich auf dem Esel wichtig. „Wie denn, du Großmaul, wenn du nicht sofort Ruhe gibst, drehen wir dir den Hals um, ausgekräht“, zischte Wali.
„Doch“, beharrte der Hahn, „ein Zauberer, ein Zauberer könnte sie herbeihexen, ich kenne einen Hexenmeister, der das kann, nicht weit von hier, ein oder zwei Tagesmärsche, kommt, kommt schon!“
Durch Sandfelder, Dünengürtel und über Geröllhalden führte sie der Hahn und schalt Ali und Wali Waschlappen, dass sie nicht schneller vorankämen. Endlich, bei Sonnenuntergang des zweiten Tages, leuchtete ein Feuer am Horizont, und als sie näher kamen, stieg ihnen auch der Duft von Couscous in die Nasen, sodass die Stimmung stieg, die Müdigkeit schwand und die letzten Meter bald geschafft waren.

Der Hexenmeister hieß sie willkommen, erbot seine Gastfreundschaft, lud zum Essen und fragte nach ihren Begehren. „Ach großer Meister, wir haben nur eine kleine Bitte. Wir suchen zwei Jungfrauen aus einem fernen Hain, ob du sie nicht herbeizaubern könntest? Wir würden dich nach deinen Wünschen entlohnen, wir haben Geld und diesen Hahn da, der sicherlich einen guten Braten gäbe. Binde ihn nur gut fest, damit er nicht wegfliegt.“
Der Hexer schien einverstanden, sperrte den Hahn in eine Truhe und ließ sich mit seinen Gästen am Feuer nieder. „Greift zu, Freunde, Allah sei mit euch, er hat uns diesen Couscous geschenkt, auf dass wir uns erlaben mögen, Alhamdulillah!“

Das Mahl schmeckte köstlich, der Couscous war locker und leicht und von einer exotischen Würze. Ali und Wali lachten und erzählten, wurden ausgelassen, schlugen sich gegenseitig auf die Schenkel, das unter den Couscous gemischte Haschisch wirkte, und Minuten später lagen beide in tiefen Schlaf.
Der Zauberer lächelte, holte den Hahn aus der Truhe und ein großes Schlachtmesser aus der Küche, erhitzte das Messer, bis es rot erglühte, und hieb dem Hahn mit einem einzigen Schlag den Kopf ab. Vor ihm stand die Hexe aus dem fernen Palmenhain und blickte mit hämischem Blick auf die haschtrunkenen Männer; seinerzeit war sie im allerletzten Moment, als das Wasser schon im Kessel gebrodelt hatte und alle Zutaten bereitet waren, dem Suppentopf entkommen, indem sie sich von einer Henne in einen Hahn verwandelt hatte. Ali und Wali aber, die ihr ganzes bisheriges Leben der Gaunerei und dem Betrug gewidmet hatten, traten in die Fußstapfen der Jungfrauen und dienten der Hexe bis an ihr seliges Ende.