Ein menschlicher Esel

Ein menschlicher Esel

Es waren zwei Nichtsnutze, die in glühender Hitze über die Höhen des Atlasgebirges wanderten, als sie weit vor sich einen Bauern sahen, der seinen störrischen Esel hinter sich her zerrte. „Schau“, sagte der eine zum anderen, „dem stehlen wir den Esel, dann können wir reiten und brauchen uns in diesem gottverdammten Gebirge nicht mehr zu Fuß zu schinden.“ „Wie willst du das anstellen?“, fragte der andere, „er wird uns sehen und ein großes Gezeter anfangen.“

„Lass mich nur machen und bleib etwas zurück.“ Der Gauner schlich sich leise von hinten an den Esel heran, nahm diesem das Zaumzeug ab, legte es sich selbst um den Hals, winkte seinem Kumpanen, mit dem Esel zu verschwinden, und trottete eine geraume Zeit hinter dem Bauern her. Auf der Passhöhe angekommen, sprach er den Bauern von hinten an: „Welch Glück ist mir beschieden, Gott segne meine Mutter, Allah sei Dank!“

Der Bauer, der, von der Arbeit und den steilen Gebirgspfaden ermüdet, bisher vor sich hin gedöst hatte, fuhr erschrocken herum, starrte ungläubig auf den Taugenichts und schrie: „Allah, der Gehörnte!“

 „Nein, nein, habe keine Angst, freue dich lieber mit mir“, sprach der Gauner und erzählte dem Bauern seine Geschichte: „Sieh, vor langer Zeit hatte ich einen schlimmen Streit mit meiner Mutter; diese hat mich zur Strafe verflucht und mit Hilfe eines Zauberers in einen Esel verwandelt. Jetzt muss sie ein Einsehen gehabt haben, und der Magier hat mir meine ursprüngliche Gestalt wiedergegeben. Oh, Allah sei tausendmal gedankt, und die Größe und Allmacht des Herrn sei gepriesen.“

Als der Bauer dies hörte, wurde ihm schwindlig, und sein Gewissen trommelte auf ihn ein. „Freund“, sprach er und nahm den Taugenichts in seine Arme; „sei mir willkommen und vergib mir meine Schuld, wie oft habe ich dich getreten oder geschlagen, wie hätte ich auch ahnen können, wem ich dies antue.“

Der Gauner verzieh ihm großzügig, und beide gingen ihres Weges. Als der Bauer zu Hause ankam, wunderte sich seine Frau, wo denn der Esel geblieben sei. „Höre Frau, das war gar kein Esel“, und erzählte seinem Weib die tragische Geschichte, sodass diese auf die Knie sank und den Gauner wie auch den Allmächtigen um Verzeihung bat. „Nun Mann, es hat ein gutes Ende gefunden, geh auf den Viehmarkt und kaufe uns einen neuen Esel.“

Der Bauer machte sich auf den Weg und begutachtete, auf dem Markt angekommen, die zum Verkauf angebotenen Tiere gründlich. Wie groß war sein Erstaunen, als er plötzlich seinen eigenen, alten Esel entdeckte. „Hast dich wohl schon wieder mit deiner Mutter gestritten, du Strolch; diesmal erwischt du mich nicht mehr!“ Sprach’s und kaufte einen anderen Esel.