Das andere Pakistan

Das andere Pakistan

 

Es begann wieder einmal an der Grenze. Taftan, Wüstenoase, 750 km und 14 Stunden Fahrzeit von der nächsten Stadt entfernt, Drecknest, Treffpunkt der Benzinschmuggler aus dem Iran, Tankstellen mit Fässern von mehr oder minder gepantschtem illegalem Treibstoff, ein kleiner Viehmarkt, viel Dreck und Staub, ein Gemischtwarenladen, verwegen aussehende Männer in traditionellen belutschikkischen Gewändern, keine Frauen, einige Stände am Straßenrand, an welchen Essbares gebraten wird (schmackhaft, scharf, Diarrhoe inbegriffen). Die Grenzabfertigungsgebäude sind über ein weites Areal verstreut, 1.5 km von Grenzpolizei zum Zoll, bisher konnte man sich auf diesem Gelände frei bewegen, diesmal stehen die Zeichen anders, man wird von einem Jeep mit bewaffneter Polizei erwartet.

Vor dem einstöckigen, alten Zollgebäude gibt es ein neu angelegtes sauberes Plätzchen. Ich habe seit einer Polizeikontrolle im südlichen Iran Gesellschaft bekommen, Nicole und Roel, beide auf Motorrädern unterwegs in der Welt, ohne Bindungen, jung, frei, neugierig, begrenzt letztendlich nur durch ihr Budget. Ein Zelt, mein LKW, eine ungewohnte Idylle und ein ungewohntes Bild für die Wüstenoase Taftan.

Ein anderes Bild ist gewohnt, koloniales England im zutiefst provinziellen Pakistan, es ist das fünfte Mal, dass ich in der riesigen Zollabfertigungshalle sitze, vor mir Tee und Gebäck, gegenüber ein Offizier, der Fahrzeugdaten und anderes in ein 10 cm dickes, schwarzes DIN A2 Buch versenkt aus dem, könnte man glauben, diese nie wieder auftauchen. Das dem nicht so ist merken nur diejenigen die versuchen, Visa- und Zollbestimmungen zu umgehen und sich plötzlich mit einer Mail vom deutschen ADAC konfrontiert sehen, dass das Fahrzeug, wenn nicht umgehend ausgeführt oder verzollt, in den Besitz des pakistanischen Staates übergeht. Die Daten aus dem vorsintflutlichen dicken Buch werden des Nachts in den Computer übertragen, auch hier leben wir im 21. Jahrhundert.

Der Iran ist ein Land allgegenwärtiger Polizei, die Behandlung von Ausländern korrekt, recht höflich, leicht arrogant, immer in leichter Distanz, der Iraner etwas weiter oben. In Pakistan, so chaotisch dieses Land auch sein mag, fühlt man sich willkommen. Beide Länder sind einander herzlich zugetan, im Islam vereint, man könnte einander mit Freude meucheln, es wird keine Gelegenheit ausgelassen darauf hinzuweisen, wie menschlich schlecht und politisch verkommen die Gegenseite dasteht. Beide Länder haben Hegemonialansprüche, Pakistan ist Nuklearmacht, der Iran strebt diesen Status (schon aus ganz pragmatischen Gründen) an, das eigentlich Trennende aber ist die Religion, der tiefe Graben zwischen der Leidenswilligkeit der Schiiten und der starren, aber dem Leben zugewandteren Haltung der Sunniten.

Die den Regeln entsprechende Kontrolle der Fahrzeuge entfällt, man möchte Neues aus Europa erfahren, die Entwicklung der EU zu einer politischen Einheit wird Thema, die Pakistani sind in ihren Vorstellungen viel pragmatischer als die Europäer, Europa als multikulturelles Gebilde mit Kulturgrenzen als Hindernis der Einheit ist schwer vorstellbar.

Am dritten November 2009 hat es einmal wieder 400 Tote gegeben, Taliban/Al-Qaida Selbstmordbomber, die Pakistani leben damit wie ehemals die Israeli zu schlimmsten Hamaszeiten, fatalistisch, Inshallah. Und doch ist es ein tiefes Bedürfnis zu erklären und wird wieder und wieder thematisiert, dass dieses Bild, weil schlagzeilenträchtig von den westlichen Medien so geliebt, nichts, aber auch gar nichts mit ihrem Pakistan oder ihrer Religion zu tun hätten. Extreme Minderheiten gäbe es überall auf der Welt, in Deutschland hätten wir schließlich 10% der Vergangenheit nachtrauernde, mehr oder minder rechtsradikale Mitbürger (man vergesse bitte nicht, in welcher entlegenen, trostlosen Ecke dieser Welt diese Diskussion stattfand). In wie weit vergleichbar sei dahingestellt aber der Hinweis, dass internationaler Terrorismus und islamischer Fundamentalismus keinem singulären Land zuzuordnen sind, auch nicht Pakistan, ist sicher treffend. „Wir sind Opfer" habe ich so oft gehört, der 11. September war schlimm, schockierend, aber, ohne vergleichen zu wollen, in unserem Land explodieren fast täglich Bomben, fallen gezielte Schüsse und es sind unsere Menschen, die die Opfer stellen.

 

Wir sind Gefangene und werden es für die Zeit unserer Pakistandurchquerung bleiben, in einem recht luxuriösen Gefängnis mit ausgesucht höflichen Wärtern. Unsere Sicherheit steht im Vordergrund, wenn auch vielleicht nur symbolisch, ein wenig die Beine vertreten, ein Bummel durch den Bazar, ein wenig Gemüse für das Abendessen, es wird versagt oder nur unter bewaffnetem Schutz genehmigt. Es ist die Polizei, die des Abends unsere Einkaufslisten entgegennimmt, es sind die Küchen von Zoll- und Polizeistationen, die, ganz selbstverständlich kostenlos, ein Gebot der Gastfreundschaft, für kulinarische Genüsse aufkommen.

Malaria, Dengue Fieber, eine bakterielle- oder Amöbenruhr gehören zu den Risiken, in diesem Teil der Welt zu reisen, obwohl an der indischen Grenze nur ein ziemliches Theater ob einer möglichen Schweinegrippe gemacht wurde. Einen meiner Begleiter, Roel, hat es erwischt, er fährt unkonzentriert, ja unkontrolliert, Blässe, Schweiß, 40° Fieber, die Differenzialdiagnose fällt schwer ohne Labor, Malaria vivax? Bei aller Freundlichkeit unterbrechen Polizeieskorten ihre Fahrt nur ungern, die gesamte Tagesplanung umsonst, die Ablöseeskorten warten, das Tagesziel wird verschoben, die Planung für die Nacht, schon so  schwierig genug.

Lodhran schließlich, ein unscheinbares Häuschen, viel Polizei, Stacheldraht, das Tor ist abgesperrt, bewacht. „District Hospital", vielleicht war es das einmal vor vielen Jahren, jetzt gleicht es eher einem dieser vielen schwarzen Löcher am Straßenrand, unter welchen sich alles, vom Gemischtwarenladen zur Bäckerei, der Autowerkstatt oder eben dem Krankenhaus verbergen kann. Innen wird das schwarze Loch nicht heller, ein Röntgenschaukasten an der Wand, nicht das er funktioniert hätte, ein Tisch, zwei Stühle, ein Patient, meine Wenigkeit und nach langem Warten schließlich ein Medical Assistant (medizinisches Hilfspersonal), der sich aber erst einmal als Kollege vorstellt oder besser sich gar nicht vorstellt, sondern gleich mit der „Untersuchung" beginnt. Habe in meinem Leben viel medizinischen Schwachsinn erlebt, aber das hier sucht doch nach Vergleichbarem.

Eine Untersuchungsliege fehlt, also kann auch nicht untersucht werden, „are you feeling hot" ist die einzige Frage; bei 40° Fieber ist die Antwort nicht schwierig, der „Kollege" beginnt ein Rezept zu schreiben. Erlaube mir denn die Unverschämtheit nach seiner Diagnose zu fragen, obwohl die Frage natürlich schon in sich selbst unsinnig ist; „FUO", „fever of unknown origin", ich bin erleuchtet. So kann denn viel Geld gespart werden wenn man alle Patienten, mit was auch immer sie sich ins Krankenhaus trauen, durch ein Paracetamolfilter laufen lässt; dies zusammen mit Selbstheilungskraft, Spontanremission, ein wenig Geduld und einer gesunden Portion Fatalismus wird das Gros zumindest akuter Schmerz- und Infektionserkrankungen „heilen"; mein Problem ist nur, dass ich mich trotz meiner fünf Jahre in Schwarzafrika noch immer dem westlichen Medizinverständnis verbunden fühle.

Zugegeben, es ist nicht nur die Ethik, nein, dazu kommt nicht zu wenig purer Egoismus.
Eine Malaria mit dem Vivaxerreger, unschön, der Patient ist richtig krank aber wird es überleben, eine Falciparummalaria unbehandelt beteiligt auch schon einmal das Gehirn, die Sterblichkeitsrate steigt auf 50%, die Situation wird schnell kritisch, für alle Beteiligten.

Es sind schließlich die Tiefen meines Medizinkoffers, in denen sich ein Malariaschnelltest findet, es ist meine Ignoranz, die dem Polizeichef und dann auch noch den stellvertretenden Provinzgouverneur den Weg in das Hospital weisen, der deutsche Kollege verweigert die Therapie, so der Medical Assistant.

Die politische- wie die Sicherheitslage in Pakistan sind verworren, Pakistan findet sich in den internationalen Schlagzeilen, man scheut weitere Probleme, insbesondere was Ausländer angeht. Die lokale Presse hat Wind bekommen, ein Fernsehteam ist auf dem Wege aber es wäre unfair, das Folgende auf diese Ebene zu reduzieren; gesellschaftliche Vorstellungen wie die traditionelle pakistanische Gastfreundschaft sind schon eher der Schlüssel.

Pakistan ist arm, unabhängig vom steigenden Bruttoinlandsprodukt, letzteres zeigt nur wie sich die Schere auseinander entwickelt, die Armen werden ärmer und für sie gibt es wirklich nichts umsonst. Ein Leben ist wenig wert in diesem Land, wie für die niedrigen Kasten in Indien. Warum sollte zwischen den Ländern auch ein Unterschied bestehen? Jahrtausende hat man zusammen gelebt bis 1947 die Teilung kam, gemeinsam gelebte traditionelle Werte prägen beide Gesellschaften, unabhängig von der Religion und zu Ungunsten der Armen. Die Patienten unseres District Hospitals müssen bezahlen, für unsere Verhältnisse nichts, in Relation zum minimalen Einkommen sehr viel; wir, Touristen, reich, unabhängig, bekommen unsere eigene (zuvor geräumte) Krankenstation, fünf Schwestern umsorgen den Patienten, dem es zugegebenermaßen schlechter geht. Niemand verliert das Gesicht, niemand wird bloßgestellt in diesem sehr feinfühlig vom stellvertretenden Provinzgouverneur arrangierten Spagat, die lokalen Ärzte werden gelobt und bleiben in der Verantwortung, die Behandlung wird von einem in den USA ausgebildeten Internisten, Chefarzt eines weiter entfernten Privatkrankenhauses übernommen, der, ganz selbstverständlich, nach durcharbeiteter Nacht und normalem Tagdienst um 10 Uhr abends am Bett des Patienten erscheint.

Ich residiere im für offizielle Gäste vorgesehenen Government Guest House, diniere mit Provinzgouverneur und anderen Hochgestellten, die Abende sind informativ und kurzweilig, die Tage lang, denn trotz Regierungsfahrzeug und Chauffeur darf ich mich aus Sicherheitsgründen nur in der Begleitung Bewaffneter in der Stadt bewegen. Der Patient genas schnell, die Behandlung war aufwendig und selbst nach westlichen Maßstäben teuer, die Frage, wie wir die Kosten begleichen können wird mit einem Lachen beantwortet - you are our honoured guests!