Bericht 9

Der Tod der Reiseberichte

 

Die zweite Reise durch Indien entwickelt sich in vielerlei Hinsicht anders als erwartet. Es ist soviel „ruhiger" geworden. Der Verkehr regt nicht mehr auf, ärgert manchmal, aber es ist halt Indien, wollte ich es anders, hätte ich zu Hause bleiben müssen, die zu Beginn so fremden Reaktionsweisen der Menschen sind einschätzbar und damit um so viel weniger fremd, der Dreck ist zwar immer noch dreckig, geht aber nicht mehr so an die Nerven, die Tradition und die Mystik der Religionen, die Vielfalt der Riten sind weiterhin fremd, bleiben dem westlich orientierten Geist verschlossen, sind aber damit um so spannender, langer Rede kurzer Sinn: Reiseberichte in der bisherigen Form sind etwas langweilig geworden, sie schildern letztlich immer wieder sehr ähnliche oder gleiche Situationen in anderer Lokalisation. Was plötzlich reizt ist das Indien unter dieser oberflächlichen touristischen Schale, das Indien, das dem ersten Blick nicht zugänglich ist. Wie oft kam dieses Thema mit indischen Bekannten zur Sprache; die Worte eines Belgaumer Freundes habe ich nicht vergessen:

„du fährst durch ein Traumland, du siehst was offensichtlich ist, ansonsten siehst du gar nichts, so bleibt dir Indien verschlossen und was du fotografierst ist die Vergangenheit. Indien ist im Aufbruch, im Umbruch, in einem ganz ungeheuerlichen Ausmaß, fang an zu graben, um zu verstehen. Sehr wohl, Mr. Chordia, ich glaube  ich habe es ein wenig begriffen. Reiseberichte adieu, ich fange jetzt an zu graben, etwas zu recherchieren, vielleicht etwas zu verstehen oder zumindest in der Lage zu sein, Sachverhalte einzuordnen.

Reiseberichte werden es keine mehr sein, Sachberichte, Reports oder so etwas;
ich werde sie „Essays" nennen. Anders wird es werden aber vielleicht auch spannend.

Das erste Thema wird mit Indien nur indirekt zu tun haben, es wurde durch Indien provoziert, durch die Tage auf dem National Highway 8 und in den Slums von Bombay. Ich war immer ein Mitläufer gewesen was Umweltfragen anging, habe brav nachgebetet was vorgekaut wurde, habe nichts hinterfragt und war ein braver Bürger, im Glauben (an Politik und Medien) fest verwurzelt.

Habe mir Literatur besorgt und Wochen in Goa nicht am Strand, sondern im Internetcafé verbracht, habe angefangen zu graben, es bringt richtig Spaß und meiner Bildung wird es auch nicht schaden. Herausgekommen ist ein Report zu Klimafragen (Essay 1), subjektiv, aber doch so neutral wie möglich, etwas ironisch vielleicht, informativ, aus meiner Sicht schon aber ich sehe es trotzdem kommen, er wird nicht jedem gefallen. Aber bitte nicht verzagen, es wird in Zukunft richtig „indisch" weitergehen.