Bericht 5

Von Rajasthan über Goa nach Madhya Pradesh

 

Rajasthan - Gujarat - Maharashtra - Karnataka - Goa - Karnataka - Andhra Pradesh - Maharashtra - Madhya Pradesh[

Der Versuch im Wagen zu schreiben ist kläglich gescheitert. Erst war's zu schön, dann draußen zu lustig, dann schlicht tagsüber zu heiß. Habe mich also für einige Tage in ein Hotel verzogen, mitten drin in Jabalpur, Provinzstädtchen (mit drei Millionen Einwohnern) in Madhya Pradesh  im Herzen Indiens. So sieht das Hotel auch aus: „Executive Room", Fenster sind zugehängt (because, you know, hotel under reconstruction) - auch recht, werde so wenigstens nicht abgelenkt. Das Zimmer ist groß, hat eine Klimaanlage (die nicht funktioniert), ein Bad (sorry, sometimes no hot water), einen Fernseher und viele Moskitos, 1600 Rupien pro Nacht, inklusive Frühstück, verdammt teuer, habe schließlich in den letzten Wochen für ca. 300 Rupien pro Tag gelebt. Aber mal ehrlich, 30 €, die zahle ich in Europa für einen besseren Campingplatz.

Also, der letzte Bericht kam aus Udaipur, jetzt bin ich in Jabalpur, bin also quasi auf der gleichen geographischen Breite, halt nur ein Stückchen nach Osten gerutscht. Dazwischen liegen aber 3.500 km, habe viel gesehen, viel erlebt und viel zu erzählen. 3.500 km von Udaipur nach Jabalpur? Schon richtig, ein kleiner Umweg ist da mit eingerechnet, die Liste meiner durchquerten und teilweise erkundeten Unionsstaaten wird langsam eindrucksvoller. Es begann einmal im Punjab, dann kamen Himachal Pradesh und Haryana an die Reihe, dann waren's Rajasthan, Gujarat, Maharashtra, Karnataka und Goa, dann wieder Karnataka und Andhra Pradesh, genau hinein in die Mitte des südlichen Indiens und den halben Subkontinent hinauf nach Norden über Maharashtra nach Madhya Pradesh. So begeistert meine Berichte aus dem Norden auch gewesen sein mögen, das eigentliche Indien, das Indien von dem ich geträumt hatte als ich los fuhr, das Indien in dem man für Tage keinen Touristen sieht, das Indien in welchem einen Tradition und Religion auf Schritt und Tritt begleiten, das Indien der Landschaften, der Tiere, der Dörfer, der Farben, der Gerüche, das liegt in der Mitte. Karnataka, Maharashtra und besonders Andhra Pradesh und Madhya Pradesh, von den Reiseführern als trostlose, staubige Binnenstaaten ohne Attraktionen beschrieben, klassische Durchreisestaaten also, die man in Kauf nehmen muß, um sein Ziel zu erreichen, waren (unter anderen, denn ich habe wirklich soviel spannendes erleben dürfen) Höhepunkte dieser Reise.

Die Flora in Indien: es ist Frühling, die Bäume blühen, die Tulpenbäume, sattes rot, die Mangos, gelblich-weiß, eine Baumart, die ich vom Namen her nicht kenne, lachsfarben. Du fährst über eine Bergkuppe und vor dir liegt ein grünes Tal, das immer währende Dunkelgrün, dazwischen die zarteren, helleren Töne der neu ausschlagenden Bäume und das Ganze durchsetzt von lachsfarbenen Tupfen - kommt Sie noch mit, Sie da, mitten im europäischen Winter?

Die Fauna: ich habe neue Spezies kennen gelernt, von deren Existenz ich vor dieser Reise keine Ahnung hatte. So zum Beispiel eine häufige aber sehr scheue Gattung,  man bekommt sie relativ selten wirklich zu Gesicht, meist im Schatten der Bäume, sie geben seltsame trillernde Laute von sich, sie sind wohl eher gutmütig aber sehr träge und treten fast immer in Gruppen auf. Erschrecken kann man sie nicht, dazu sind sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Welche Gattung dies denn sei? Entschuldigung, ich habe sie ja noch nicht vorgestellt - die indische Polizei.

Fuhr gerade in eine für LKW verbotene Innenstadt, als es links von mir trillerte. Der Blick aus dem Fenster offenbarte einen Polizisten im Liegestuhl! Ich war so baff, daß ich bremste, lachte und ihm zu winkte; er nahm die Trillerpfeife aus dem Mund, blaffte etwas auf Hindi, lachte dann auch und winkte zurück.

Eine weitere Erfahrung war auch ganz nett. Irgendwo im Nirgendwo hatte ich mich mal wieder verfahren. Ein Rikschafahrer schaute mich ob meiner Frage mit leeren Augen an. Immer dasselbe, meine Hindi Aussprache. Rollte also meine Zunge zusammen und preßte sie nach oben an den Gaumen (nicht gehauchter Retroflexlaut), betonte die erste Silbe und siehe da, die Leere füllte sich, leider mit der Konsequenz, daß ich ihn nun mit leeren Augen ansah (Hindi). Die Zeichensprache war aber eindeutig; ich sollte dahin zurück, woher ich gekommen war - Dummkopf. Fuhr also weiter bis zu einem Kreisel, geradeaus ging's in die Stadt. Direkt unter einem „für LKW verboten Schild" stand ein Polizist - wie gerufen. XY-pur? Ja, geradeaus. Das Schild für LKW verboten stand da aber nicht ganz ohne Grund. Als es richtig eng und lustig wurde erschien hinter mir, auf einem Moped, besagter Polizist und wedelte, ich solle ihm folgen. Wenn's denn die Polizei so will - fühlte mich wie einer der berüchtigten Busfahrer - Schneise schlagen, Menschen hüpfen lassen, bremsen wenn eine Kuh im Wege steht. Es gab zwei LKWs in der Innenstadt, mich und einen anderen. Wir trafen uns in einer engen Gasse, von Angesicht zu Angesicht; der Polizist verschwand so schnell er nur konnte!

Eine andere Spezies, von der man viel gehört hat, die in Indien sehr verehrt wird und von der man weis, daß sie häufig über übersinnlich, spirituelle Kräfte verfügen soll, sind die Sadhus, die heiligen indischen Männer, die Asketen, die Einsiedler auf ihrem Wege zur Erleuchtung. Ich habe über ihre spirituellen Kräfte immer gelästert, gehe aber in mich, läutere und entschuldige mich - westlicher Hochmut. Was man mit eigenen Augen selbst gesehen hat, kann man schlecht leugnen. Der Weg zu Höherem scheint steinig, staubig und schlammig. Soviel verkrusteter und verfilzter Dreck auf einem Haufen kann nur mit übersinnlichen Kräften zu ertragen sein!

Und da alle guten Dinge bekanntlich drei sind noch die Spezies der Blöden. So was gibt's gar nicht, glaubt kein Mensch, kommt aus der Feder eines Komikers oder was würden Sie sagen? Da steigt einer auf sein Moped, startet, fährt los und fliegt auf die Schnauze. Das Lenkradschloß war abgeschlossen! Nicht zu fassen, Hollywood Szene, herzlich gelacht (das Dumme an der Sache war nur, das war ich).

Noch einen von dieser Sorte gefällig? OK - einer sei Ihnen noch zugestanden. Autobahn - Reliance A1. Reliance, eine Tankstellenkette, A1, eine der ganz wenigen Raststätten mit Restaurant. Offenes Gebäude, Blechdach, offene Dachverstrebung, darauf sitzen Affen, darunter einige Gäste und ich. Die Affen waren sehr friedlich, weniger die Bediensteten von A1. Deren zwei, bewaffnet mit langen Bambusstangen, stellten unseren armen Artverwandten nach mit dem wenig überzeugenden Ziel, diese zu verjagen, ein Spielchen, an dem die Affen ihre Freude hatten. Stange hier, unter dem Dach hindurch auf die andere Seite - Ätsch, fang mich doch! Stangen von beiden Seiten zugleich, mit Gekreische die Spielwiese eine Etage tiefer verlegt, über die Tische, kurzer Tumult, die Affen sitzen wieder oben, einer mit einem A1 Baseballkäppi auf dem Kopf (die hatte vorher einem der Herren mit den Stangen gehört).

Jetzt mal ernst - soll schließlich ein Reisebericht werden. Hatte geschrieben, daß ich der Kälte Rajasthans nach Süden entfliehen wollte. Rokala war an einem Service interessiert und den gab es nur im Mumbai (Bombay), so hatte man mir zumindest von zuständiger Seite der Firma Force Motors versichert, die unter einem Joint Venture mit dem deutschen LKW Hersteller MAN vor ca. einem Monat begonnen hatte, die MAN L 2000 Serie in Indien zu produzieren. 800 km, hatte mir vorgenommen, in kleinen Etappen zu fahren, aber dann war ich doch plötzlich in drei Tagen da. Eigentlich immer das gleiche; man will nur 5 Stunden fahren, dann ist die Straße aber gerade so schön, oder man findet einen günstigen Übernachtungsplatz aber es ist doch erst 3 Uhr am Nachmittag, da fährt man halt weiter und über die nächsten drei Stunden kommt dann kein geeignetes Plätzchen mehr und dann wird es auch dunkel und da kann man sich ja erst recht nicht irgendwo an den Straßenrand stellen und ehe man sich versieht, saß man wieder 10 Stunden hinter dem Lenkrad. Genau so - nach 3 Tagen, Bombay. Leider verliert man bei der Reiserei jegliches Gefühl für Wochentage, die Buden am Straßenrand haben immer geöffnet, die Straße sieht am Sonntag aus wie die am Montag, der Verkehr ist auch der gleiche, normalerweise frage ich Heike am Telefon, wo in der Woche wir uns denn gerade befinden. Dumm gelaufen - die Auskunft hieß Freitag, vor Montag kein Service, das mit den kleinen Etappen wäre wohl doch nicht so unsinnig gewesen. Und jetzt am Freitag nach Bombay rein? 18-Millionen Stadt, Moloch, Quälerei am Steuer, keinen Standplatz, Hitze, Sumpfgebiet, Slums, Moskitos, Malariahochburg an der Westküste Indiens. Muß wirklich nicht sein, bleibe an einer Tankstelle südlich von Thane, der 2 Millionen Metropole vor den Toren Mumbais. Soweit die Theorie; was in diese Rechnung nicht eingegangen war war die Tatsache, daß die Städte Thane (2 Millionen), Kalyan (3 Millionen), New Bombay (1 Million) und Mumbai
(18 Millionen) inzwischen zu einem 24 Millionen Konglomeratmoloch zusammen gewachsen sind. Wirklich, gäbe es im Deutschen das Wort „moloich" könnte man schön steigern: moloich, moloicher, Mumbai.

Durch Thane mit seinem Hochhauszentrum war ich durch, es folgten Slums, Slums, Slums der übelsten Sorte und dann kamen Stadtteilhinweisschilder von Mumbai. Nichts mit der Tankstelle - ich war drin!

[Pause - nächster Morgen hier in Jabalpur - „what a wonderful morning" - Nebel und der Monsun hatten eingesetzt, im Februar anstatt im Juni! Was passiert war? Gestern abend bin ich Opfer eines schwarzen Loches geworden - hochkonzentrierte Materie, nicht zu entkommende Anziehungskraft - kein Entrinnen - ob ein Stern, ein Planet oder der kleine Labs - alles wird angezogen, geschluckt (schaut halt im Internet nach, „schwarze Löcher", stimmt wirklich so). Das schwarze Loch befand sich unterhalb des Hotels, war groß, eine Neonröhre in der Ferne. Ein Bierchen, gebe zu es wurden zwei, kleine indische Fläschchen, 660 ml, war nur so düster, daß es mir verborgen blieb, was ich da trank. Nebel heute morgen - Kingfisher's strong,
8% Alkohol, 1.3 Liter, es riecht nach Paracetamol und einem ausgedehnten Mittagsschlaf. Frühstück im Restaurant, sitze am Fenster (Mattglas), draußen trommelt der Regen auf ein Blechdach; rufe den Ober - Sir, monsun very early this year. Fünf Minuten später - Sir, no monsun, only laundry above. Bestelle ein „spanish omelette" mit Tomaten, Zwiebeln und Chillies. Ein schneeweißes, bei Gabelberührung zerfallendes Etwas wird serviert - spanish omelette auf indisch. Eischnee, im Backofen leicht gebräunt - Oh Gott - mache einen Spaziergang, finde eine christliche Kirche und ruhe aus.]

Mumbai (Bombay)

Altbekanntes Problem: wenn ich einen Taxifahrer nur nach einem Hotel mit großem Parkplatz frage, wird er mich abschleppen, in irgendeine Kaschemme, wo es für ihn eine Provision gibt. Probierte es trotzdem; yes Sir, super two star hotel, large yard, beautiful. Wo? - mitten in der Altstadt - Malaria mit einiger Sicherheit inklusive.
No way!

„Colabo" - waterfront, die Schönen und die Reichen, die großen Hotels, Hilton, Oberoi, Taj, Interconti, Ramada und wie sie alle heißen, die Kolonialbauten, das Gateway of India - let's give it a try - irgendeine dieser Oasen wird Rokala schon auf dem Parkplatz dulden.

Meine Erwartungen an Mumbai sollten nicht enttäuscht werden. Colabo, noch fern des Horizontes, ganz unten im Süden von Bombay. Die Fronten werden mit dem Taxifahrer abgesteckt, 300 Rupien, wenn er mich dafür wirklich nach Colabo führt, absolut fair!

Noch vor einigen Jahren glich eine Stadtdurchfahrt durch Bombay eher einer Expedition; unter vier Stunden (und einer Gasvergiftung) war da nichts zu machen. Jetzt sollen es nur noch zwei sein, dank einer riesigen Brückenkonstruktion, dem „Flyover". Der bekannte britische Architekt Robert Byron, Liebhaber Delhis, beschrieb Bombay mit „that architectural Sodom". Vielleicht hatte er, britisch höflich, etwas untertrieben. Aldons Huxley hingegen, nicht weniger bekannter Reiseschriftsteller pries Bombay als "the most appalling city of either hemisphere". Recht haben sie beide. „Footprint" bekennt „die meisten Touristen sind froh, Bombay so schnell als möglich wieder zu verlassen" - Recht haben sie alle drei. Nirgendwo auf der Welt, die ich bisher bereist und erlebt habe, liegen die Gegensätze so eng beieinander, sind so kraß, so brutal wie in Bombay. Noch ein Zitat aus einem Reiseführer (Rough Guides): „Travellers tend to regard time spent here as a rite of passage to be survived rather than savoured. But as the powerhouse of Indian business, industry, and trade, Mumbai can be a very compelling place. Whether or not you find the experience enjoyable, however, will depend largely on how well you handle the heat, humidity, hassle, traffic fumes, chaos, dirt, relentless crowds, and appalling poverty of India's most dynamic, westernised city". Recht haben sie alle vier. Wirklich nicht ganz einfach, den Eindruck von Bombay so in Worte zu fassen, daß man der Situation auch nur annähernd gerecht wird.

  • Ohne Bombay kein indisches Wirtschaftswunder
    (Bombay erwirtschaftet geschlagene 30% des indischen Bruttoinlandsproduktes!)
  • Keine Stadt in Indien wächst schneller als Bombay
  • Keine Stadt Indiens beherbergt mehr Multimillionäre
  • Keine Stadt Indiens bietet ein perfekteres Verkehrschaos
  • Keine Stadt Indiens vermittelt so das Gefühl des Brodelns, des unvermittelt bevorstehenden Platzens
  • Keine Stadt Indiens stinkt so erbärmlich
  • Keine Stadt Indiens bietet einen reicheren Bazar
  • Keine Stadt Indiens ist so westlich unindisch
  • Keine Stadt Asiens beherbergt größere, ärmere, dreckigere, stinkendere, verfaulendere, mit Menschen, Tieren und Exkrementen bis zum Bersten vollgestopfte Slums
  • Keine Stadt Indiens ist reicher, dynamischer, pulsierender
  • Keine Stadt Indiens bietet mehr sozialen Sprengstoff
    (der auch regelmäßig explodiert)
  • Keine Stadt Indiens soll über eine korruptere Stadtverwaltung verfügen
  • Keine Stadt Indiens verlasse ich so gerne wie Bombay.

Ich spare mir den Rest; vielleicht noch drei kleinere Episoden.

Die Stadtdurchfahrt verlief problemlos; 2½ Stunden, 2½ Stunden Stress am Steuer. Natürlich wollte mich in Colabo niemand, noch nicht einmal einchecken hätte ich können. Zimmer à 400 € pro Nacht aufwärts, alle ausgebucht. Stand vor dem Hilton in Ermangelung eines Platzes quer vor den parkenden PKW. Kam nach 20 Minuten verärgert von der Rezeption zurück, hatte 20 Minuten ein Pärchen, das herausfahren wollte, blockiert. Wurde trotzdem grinsend empfangen, eine Privatführung durch Rokala mußte als Kompensation aber drin sein - von Herzen gerne. Kamen ins Gespräch, die beiden waren Journalisten, Standplatz in Bombay - shall we help? What a question! Sie zog ihr Handy aus der Tasche, wählte die Nummer des Geschäftsführers des Taj President Hotels (jetzt sind wir wirklich ganz oben in der Riege), fragte nicht lange sondern informierte....."we are bringing a guy in a camping van, well, a truck, a bit larger than usual, please arrange for parking space, will be with you in about 10 minutes".... das Wunder war geschehen. Die Crew des Hotels war in der Einfahrt angetreten, an Rolls Royce war man gewöhnt aber Rokala, so etwas hatte das Taj bisher noch nicht gesehen, Mercedeswagen mußten weichen, Standplatz natürlich im Schatten eines Baumes, Rokala war der Star des Abends (und der Fahrer wurde immer, wenn er in das Hotel wollte, von der jungen, wirklich hübschen Chefin des Security Service begleitet).

Habe im Hotel gegessen, besser gespeist. Steaks (ja, die von der heiligen Kuh), westliche Kleidung, Händchen haltende Pärchen, Bar, Disco, am Wochenende ein rund um die Uhr besetztes Restaurant, an diesem Ort scheinen die ehernen Gesetzte Indiens außer Kraft. Außerdem - eine French Bakery: frische Croissants mit geschäumtem Milchkaffee zum Frühstück - es lebe Bombay!

„Chhatrapati Shivaji Vastu Sanghralaya" - schöner Zungenbrecher, nicht wahr? Sprechen Sie das mal fließend vor einem Taxifahrer aus; früher war's einfacher, hieß schlicht „Prince of Wales Museum". Allein dieses Museum ist eine Reise nach Bombay wert.

[Pause, Jabalpur, fünf Uhr nachmittags, war gerade mal wieder im schwarzen Loch, Kaffee, hatte an einer Seite sogar Fenster, waren aber so dreckig, daß man nichts sehen konnte. Mann oh Mann - was ein Loch!]

Mumbai, Montag morgen: Anruf bei Force Motors, ja man erinnere sich, ich wolle einen Service für einen MAN LE 10.220, jawohl dies sei möglich aber die Werkstätte sei nicht direkt in Mumbai sondern etwas außerhalb, ca. 100 km, etwas nördlich von Thane, in der Nähe des National Highway (NH) 8. Hätte sie in diesem Moment würgen können, nördlich von Thane am NH 8, bin am Freitag direkt daran vorbeigefahren, wußten doch, daß ich von Norden komme, der ganze Aufwand umsonst, wieder durch Mumbai, wieder in der rush hour. Auf der anderen Seite, zugegeben, hätte ich Bombay so und freiwillig nie kennengelernt und ein essentielles Stück Indien verpaßt, also ihr ....., ist schon OK.

Force Motors, LKW Sparte, jetzt MAN-FORCE berührt ein heißes Eisen. Ich hatte, glaube ich, schon einmal erwähnt, daß ausländische Firmen in Indien nur zusammen mit einem indischen Partner Produkte herstellen dürfen. So eben MAN, München und Force Motors India; was in der LKW Sparte passiert, interessiert in der Öffentlichkeit niemanden, mit Ausnahme vielleicht des Herrn Tata, gegenwärtigen Chef der Tata Familiendynastie und Herr über ein gewaltiges, weit diversifiziertes, global operierendes, indisches Industrieimperium, u.a. der Tata Automobiles, mit einem Marktanteil im LKW- und Bussektor von ca. 80% (in Worten: achtzig Prozent); das alles entstanden unter gesetzlichem Schutz (der eine Nationalisierung förderte und eine ausländische Konkurrenz bis Mitte der 90er Jahre weitgehend ausschloß) mit einer Mercedes Motorenlizenz, 30 Jahre alt und so alt ist auch das Gros der indischen LKW Flotte. Nichts desto Trotz, der indische Gesetzgeber bewegt sich, ab 2007 dürfen nur noch abgasärmere Euro 3 Motoren neu auf den Markt gebracht werden und Tata hat reagiert und seine Wagen auf moderne amerikanische Cummings common rail Dieselmaschinen umgerüstet. Ich fürchte, das geht für MAN-FORCE aus wie das Hornberger Schießen.

Jetzt drängt Walmart auf den indischen Markt, Walmart als Schrittmacher mit Metro und anderen europäischen und amerikanischen Multis im Schlepptau und jetzt geht's ans Eingemachte!

Einkaufen in Indien, Sie ahnen es, ganz anders als in Europa. Supermärkte weitgehend unbekannt, man kauft im Bazar, man geht von einem zum anderen mit viel Zeit, Mittelalter aber gemütlich. Indien hat über eine Milliarde Einwohner, Tendenz steigend. Stellen Sie sich bitte das Marktpotential vor, die Bazare und Buden am Straßenrand entsprechen unsere deutschen mittelständischen Industrie, sie sind das Rückrad der indischen Wirtschaft und Hauptarbeitgeber. Die offizielle Arbeitslosenrate liegt im Frühjahr 2007 bei 30% (wie auch immer kalkuliert). Die 30% sind um so brisanter als 60% der Bevölkerung jünger als 18 Jahre ist. Wenn die Bazare reduziert und die Buden wegrationalisiert würden - absolute Katastrophe. Politisches Dynamit, die Presse mischt kräftig mit, die Lobbyisten verdienen Millionen und die Zeche bezahlen wird, voraussehbar und wie immer, die Bevölkerung.

Warum aber das ganze Geschrei, der Partner von Walmart ist schließlich Bharat Telecomunications, eine indische Telefongesellschaft, unter deren Namen die Supermarktkette auch entstehen soll. Gesetzlich erlaubt sind nur Joint Ventures auf gleicher Augenhöhe mit einer 50 : 50 Verteilung der Eigentumsanteile (oder einen höheren Anteil für den indischen Partner); die indische Kontrolle ist also gegeben. Schon richtig, wäre da nicht die unsägliche Korruption und die Spielchen auf dem Papier. Walmart präsentiert einen Marktwert von einigen Milliarden, Bharat von einigen Millionen. Selbst bei einer 50 : 50 Verteilung, "joint venture auf Augenhöhe" - Augenwischerei. Der indische High Court, das oberste Gericht ist eingeschaltet, mal sehen wie das ausgeht.

Die Brisanz des Deals liegt in der Zukunft. Wird die indische Wirtschafts-gesetzgebung irgendwann einmal vollkommen liberalisiert, und das wird im Rahmen der Globalisierung geschehen, dann kauft der Riese Walmart das Zwerglein Bharat und hat damit unkontrollierten Zugang zu einem der größten Konsummärkte der Welt. Heiße Sache!

Goa

Einige Tage später und 800 km südlich von Mumbai, Goa ruft. Ab Staatsgrenze Karnataka/Goa scheint's in eine andere Welt zu gehen, schon rein optisch. Die Dorfstruktur wird anders, nicht mehr die afrikanisch anmutenden, schmucklosen Lehmhütten Karnatakas oder die mit dem Begriff Bazar verbundenen Vorstellung eines engen, in sich verschachtelten Städtchens, nein, eher wie in der Karibik, bunte, bemalte Häuser weitläufig unter Palmen verstreut, Blumen in den Gärten, alles viel sauberer, englische und portugiesische, wenn auch verfallene aber damit um so romantisch wirkende Kolonialbauten mit großen Veranden, großzügig gebaute, modern wirkende Schulen, eine Vielzahl von Kirchen (obwohl die Mehrzahl der Goaner auch hier der hinduistischen Glaubensgemeinschaft  angehört), die Straßenqualität macht schlagartig ab Grenze einen Satz nach oben und - man spricht wieder englisch. Schluß mit der Zeichensprache und dem Hindigestammele. Wen ich auch anspreche, die Antwort kommt in gutem englisch. Kann nicht sagen, daß ich traurig wäre, in Goa zu sein.

Der Zwergstaat Goa hat, dem Tourismus sei Dank, das größte pro Kopf Einkommen und den höchsten Bildungsstand Indiens. Das weckt Begehrlichkeit und es ist wenig verwunderlich, wenn die Anrainerstaaten, das finanzkräftige Maharashtra oder das Armenhaus Karnataka Interesse und großen Appetit zeigen, den Leckerbissen zu schlucken. Entschuldigung, natürlich nicht schlucken, Vereinigung zum Wohle beider! Der Winzling will nur leider nicht, weis wohl warum. Die Diskussion hält seit Jahren an, die rechten Ultras mischen kräftig mit - ihnen war die christliche Orientierung des Zwerges schon immer ein Dorn im Auge.

Der Traum Goa, ein Klischee oder nahe der Realität? Eine wunderschöne Medaille ohne Kehrseite - natürlich nicht. Die Touristen wollen wohnen, die Touristen wollen feiern, die Touristen wollen Luxus, wollen Party ohne Ende, vom Feinsten was essen, die Abgeschiedenheit einer Oase. Das bekommen sie auch. Anguna, Chapora, Vagatur, etc. - Partystrände, Horden Jugendlicher und übriggebliebener Hippies, Discomusik bis zum Umfallen; wo die Disco nicht reicht wird mit dem Joint nachgeholfen. Calangute, Baga, Colva und Benaulim, die Welt der Ressorts, wunderschön, in riesige Parkanlagen angelegte Luxushotels mit traumhaften Terrassen, Restaurants und Stränden am arabischen Meer.

Rokala steht etwas verlassen dazwischen. Party - will ich nicht, Luxusressort aber auch nicht. Nur das kleine, einsame, verträumte, palmenbeschattete Paradies - ist doch nicht zuviel verlangt?

Benaulim Beach, fünftes Ressort: die Guest Relation Manager, stereotype Reaktion: "Yes, of course Sir, we have accommodation for you, well, we are relatively booked out but we could offer you a junior suite, just 500 USD per night (without breakfast, versteht sich)". Truck on the parking lot? "Sir, we are a first class resort!" (Habe nur noch einen Gedanken: "you are a first class Ars., a distinguished one, versteht sich).

Trotte etwas verzagt wieder zu Rokala zurück, die man gar nicht erst ins Ressort hineingelassen hatte. Rokala war umringt von einer Gruppe von Fahrern, die die Hotelgäste zum Flughafen oder per Tagestour durch Goa schippern, nette Kerle und die Rettung. Übliches Spiel. Yes, 4WD, manual gear box, reduction gear, front and rear differentials can be blocked, no, no central differential, no permanent 4WD, usw. Im Rahmen der Unterhaltung fiel das Wort „Agonda". „You can park your car directly at the beach, this is a fishermen's village, people are very friendly, no, no hotels, some bamboo huts and, if you are lucky, you may find some other cars like yours, you know, overlanders are heading for this place". Rokala war ein breites Grinsen ins Gesicht geschrieben (man konnte das MAN Zeichen schon fast nicht mehr lesen).

30 km einspurige Küstenstraße, von Dörfchen zu Dörfchen, der Weg ist auf der Karte gar nicht mehr eingezeichnet, ich fahre alleine, kein Verkehr, hab ich auf dem NH17 zurückgelassen, brauche ich nicht mehr. Schön ist nicht ausreichend, djungelartiges Dickicht, tiefgrün, Blicke auf das arabische Meer von hoch oben, an der Kante einer Steilküste entlang, kein Fels, palmenbestandener Hang der in einem schneeweißen, nur vom Meer zugänglichen Strand mündend, vorbei am Capo da Rama, der Eingang zu meinem Paradies?

Agonda, wie versprochen ein verschlafenes Fischerdorf, eine Kirche, eine Schule, ein paar Buden und ein Wegweiser „Beach". In der Ferne, vielleicht in Abstand eines Kilometers, weiße Punkte am Strand - Autos - der Overlanderbeach. Eine quer über die Straße laufende Telefonleitung mußte noch dran glauben, bevor wir die Zufahrt gefunden hatten, hing einfach zu tief.

Sandstrand, sauber, weiß, leer, ca. 3 km lang, einige Fischerboote (interessante Konstruktionen mit einseitigem Ausleger), auf beiden Seiten von Fels und Klippen begrenzt mit einer Hintergrundkulisse von Bergen, tiefgrünem Buschwerk und Palmen. Am Strand einige meditierende Europäer kurz vor dem Abheben, darüber ein wolkenloser blauer Himmel, das Meer mit Schaumkrönchen geziert, der Horizont klar begrenzt. Agonda liegt weit verstreut unter Palmen, vom Strand her als Dorf nicht mehr auszumachen. Bambushütten auf Stelzen - sie gehören fast zum vorgeprägten Bild eines Traumstrandes der Südsee. Nur das hier, das ist kein Bild aus einem Katalog, das ist eine Realität zum verlieben.

Links hinten dehnt sich der Strand für einige hundert Meter landeinwärts und dort, unter Palmen geparkt, finde ich meine neuen Freunde.

Wer hier landet muß ein wenig verrückt, muß ein Individualist sein, ist mit großer Wahrscheinlichkeit etwas schwierig, eigensinnig, neugierig, zielstrebig, sonst hätte er/sie den Weg wohl nicht auf sich genommen und gepackt. Das Generationsspektrum (20 - 70) ist breit aber kein Hindernis. Im Gegenteil. Das Miteinander macht die Alten etwas jünger und die Jüngeren etwas älter, unsere Individualität bildet die Klammer, das ist eine internationale Gemeinschaft mit Charakteren, Wegen und Zielen, die unterschiedlicher wohl kaum sein könnten.

Diese Gruppe zu beschreiben ist ähnlich komplex, wie einen Eindruck von Bombay zu vermitteln. Hier ist wenig homogen; individuelle Begebenheiten, Wünsche, Möglichkeiten haben zur Entwicklung einer persönlichen Lebensphilosophie geführt, die eigenständig ist. Mit Ausnahme des Faktums, daß wir alle unterwegs sind, gibt es kaum einen gemeinsamen Nenner. Ich versuche trotzdem zu gruppieren - mehr als schiefgehen kann's nicht.

Die Jüngeren, temporäre Aussteiger, hier alle mit Ausbildung und Zielvorstellung, VW Bus, Landcruiser, vergammelter Landrover oder sonst ein Vehikel, Bewußtseinserweiterung für einige Jahre, Idealisten (eine kehrt die Ameisen mit dem Handfeger aus dem Wagen, erträgt die Moskitos und kann überhaupt nicht verstehen, wenn ich mit Wollust, wenn's denn gelingt, auf eine Mücke klatsche und erst zufrieden grinse, wenn sich in meiner Handfläche ein schwarz-roter Brei zeigt). Nett - nett sind sie alle, man kann sich prima mit ihnen über alle möglichen Themen unterhalten, sie sind offen, kritisch, angriffslustig, sie wollen die Welt noch verbessern - gut so, gäbe es doch in Deutschland ein paar mehr von der Sorte.

Das jüngere Mittelalter, so zwischen 30 und 40, meist mit Kindern unterwegs, schon mitten im Beruf, das Budget etwas verträglicher, die Wagenkategorie etwas anspruchsvoller, für 1-2 Jahre vom Beruf freigestellt, freiberuflich oder zwischen zwei Stellen, praktisches Teambildungs- und Krisensituations-Managementtraining (die Arbeitgeber haben etwas verstanden), weltoffen, kulturoffen, eine sympathische Gruppe, die Kinder genießen's augenscheinlich in vollen Zügen, sind alle mehrsprachig, englisch ist unser gemeinsamer Nenner, das Argument, man könne und dürfe Kindern so etwas nicht zumuten, wird wieder einmal in der Praxis widerlegt (aber bekanntlicherweise kann man ja wirklich alles mit vorgeschobenen Argumenten abwürgen).

Das ältere Mittelalter, so um die 40-50; jetzt wird's schon schwieriger, heterogener, die temporären Aussteiger seltener, hier sind Grundsatzentscheidungen gefallen, Reisen wird zum Ziel, Sätze wie „life is a book, if you don't travel you will only read one page" werden häufiger, die echte Motivation bleibt häufig nebulös, sehr schwer zu hinterfragen. Letztlich aber kein Wunder, denn die treibenden Kräfte entspringen der individuellen Lebensgeschichte, zu anderen fehlt der gemeinsame Nenner.

Judith & Christoph,  20-jährige in Frankreich studierende Tochter, Besitzer eines vom Raumkonzeptes her Rokala sehr ähnlichen Magirus-Deutz, mit 24 Arbeitsjahren auf dem Buckel, Ökonomen, haben sich vor 20 Jahren hingesetzt und gerechnet, was es denn wohl an Guthaben fürs Leben und die Rente bedürfe, mit 40 ihren Wohnsitz in Deutschland aufzugeben und zu reisen (was sie schon immer mit einiger Inbrunst und Überzeugung taten). Sie haben gerechnet, gespart und gearbeitet und ihr Ziel erreicht. Sie haben, in jungen Jahren, bewußt auf den Lebensstil ihrer Generation verzichtet, sie haben ihrer Tochter von klein an, durch ihre Reisen, eine bunte, andere Welt gezeigt mit dem Erfolg, daß diese, nach eigener Aussage ihre Kindheit und Jugend als sehr spannend empfunden hat, mit Spaß im Ausland studiert und von ihrem ersten eigenen Landrover träumt. Beide sind sich darüber im Klaren, daß ihre Rechnung nur aufgehen kann, wenn keine Schicksalsschläge das Ziel torpedieren, kennen ihr Risiko, bekennen sich zu dem Risiko, leben ihr Leben.

Lucia & Michael: drei Jahre lang mit 3 großen Kindern im VW-Bus von Mexiko bis Feuerland, jetzt allein (die Kinder sind inzwischen verheiratet) mit einem ausgebauten Iveco Daily 4x4, Militärversion (mit Hubdach über die ganze Fläche, wirklich tolles Raumgefühl in dem Ding) über Sibirien, die Mongolei, China, den Karakorum „Highway" quer über den Himalaya nach Pakistan, jetzt hier in Agonda gelandet. Gelandet? - gestrandet? Beide verfügen über keine allzu großen Mittel und das tägliche Budget wird knapp. Sie haben sich entschieden, entschieden für ein Leben mit 2 Gitarren und sich selbst. Gartenlaube in Agonda, nur begrenzt durch die Visumslaufzeit und das Faktum, daß der Wagen nur für 180 Tage pro Jahr im Land verbleiben darf. Dann wird die Gartenlaube eben verlegt - nach Nepal - und wieder zurück nach Agonda - und wieder nach Nepal - inzwischen, habe ich vernommen, hat es sie an einen Strand in Malaysia gespült. So sympathisch die beiden sind, keine Krankenversicherung, keine Autoversicherung, knappes Budget, die Romantik wird einmal verfliegen, ich kann mir nur sehr schwer vorstellen, daß dieses Experiment gelingen kann, aber, ich sehe es eben durch meine Brille und die ist weder objektiv noch allwissend.

Die älteren Semester (Altersdefinition unnötig, wir sind eh alle jünger als es auf dem Papier steht; haben im übrigen gemeinsam entschieden, daß es, entsprechend der Populationsstatistik des Westens ausreicht, zwei Menschenkategorien zu unterscheiden: uns, die normalen und die Zwerge (die noch im Bestreben sind, unser Reifestadium zu erlangen).

Laura & Wilhelm: leben in einem museumsreifen aber gemütlichen Mercedes 508, Auto, Vordach, Liegestühle, das „Grundstück" markiert, die deutsche Fahne weht darüber, es fehlen wirklich nur noch die Blumenkästen (wie hieß der Lehrer im Eisenbahnwagon bei Erich Kästner?). Beide beziehen eine Rente in Deutschland, ziehen aber ein Leben in Asien vor, ohne jemals die Tür nach zu Hause zugeschlagen zu haben oder schließen zu wollen. Wer sich hier in Agonda auf die angebotenen Grundlebensmittel beschränkt, frisches Obst, ein reichhaltiges Gemüseangebot, Reis, Nudeln und frischen Fisch, der von den Fischern täglich angeliefert wird (und da darf dann schon einmal ein Hummer dabei sein), kommt im Schnitt mit 4 € /Tag gut hin. Das Budget beinhaltet dann allemal noch die Leihgebühr von ca. 2 € /Tag für einen Motorroller aus der nächsten größeren Stadt, Mobilität ist also inbegriffen. Die beiden hegen und pflegen ihre Zipperlein, die aber so schlimm auch wieder nicht sein können, strahlen sie doch ein gerüttelt Maß an Zufriedenheit aus. Warum also nicht? Schrebergarten zwischen Indien und Nepal.

Susa & Henry: lebenslustige 60er, Firma verkauft, mit Unimog auf Weltreise. Warum? Weil's Spaß bringt, weil's spannend ist. Meine Frage wird mit einer Gegenfrage konfrontiert. Brauchen wir wirklich eine tiefere Begründung, um das Leben führen zu dürfen, das wir wollen, aus freien Stücken und ungezwungen? Nein, natürlich nicht. Nur weil ich mich selbst immer wieder frage, was ich da eigentlich mache in Indien, weil ich immer wieder nach einer Rechtfertigung vor mir selbst suche, dem „vorgegebene" Lebensweg entsprungen zu sein. Wenn's denn nur so einfach wäre, ist es aber nicht, ist noch viel komplexer, lasse, zumindest an dieser Stelle, lieber meine Finger davon.

Ein letztes Beispiel, Bea, 66, aus Chur in Graubünden, unser „Blaukittel". Bea hat immer etwas zu schrauben, zu reparieren, am-, unterm-, im Wagen, am mitgeführten Kart oder am Segelboot. Wo so etwas alles reinpaßt? Das gute Stück ist schon ein wenig älter und hört auf den Namen „Ifa" - kennen Sie nicht? Fahren Sie doch einmal nach Afrika und suchen Sie dort, Ifa's gibt's da mehr als Löwen, zumindest in den Ländern, die Ostblock orientiert waren. DDR-Volksarmee - klingelt's jetzt? Unheimlich stabiles Stück, nur die Gummiteile taugen nichts, kann während der Fahrt den Reifendruck variieren, alle möglichen technischen Kniffe, aber, Originalton Bea, 10 Tonnen und 100 PS, wenn der mal den Schwung verliert mußt du schieben!

Bea hat 25 Jahre in Kenia gelebt, war 3 mal verheiratet (Originalton Bea: wenn man die in Uganda mitzählt, 4x), hat dann das Haus seiner Mutter geerbt und ist mit seiner letzten Frau, einer aus Kenia stammenden Inderin (an der er wirklich sehr gehangen haben muß), in die Schweiz gezogen. Klima, Lebensart, Gewohnheiten und Nachbarn müssen der Ehe wenig förderlich gewesen sein, seine Frau gab ihm ein Jahr, sich zu entscheiden; Bea wollte es nicht glauben, nach einem Jahr saß seine Frau im Flieger und Bea konnte sich immer noch nicht entscheiden. Irgendwann war's dann zu spät (der Fehler meines Lebens). Auf meine Standardfrage nach dem „warum" weiss Bea letztlich genau so wenig eine eindeutige Antwort, wie ich selbst.

Ja, sie gab es auch noch, die unbelehrbaren Optimisten, mit dem europäischen Wohnmobil von der Stange nach Indien. Das kann man versuchen, klappt auch, kommt einen aber sehr teuer zu stehen. Man braucht sich gar nicht ins Gelände zu verirren, einfach nur der Straße folgen, genügt vollkommen, die Bodenwellen und Schlaglöcher leisten ganze Arbeit: Klappen, Schränke, Schubladen, Türe, Scharniere, alles auf dem Wege ins Nirwana. Und die Moral von der Geschicht: Finger weg von europäischen Wohnmobilen für solche Reisen. Dafür sind sie nicht gebaut und dies zeigen sie auch.

Aus den geplanten 3 Tagen in Goa waren 3 Wochen geworden. Agonda ist ein unheimlich gefährliches Pflaster, es hilft, die Worte faul und träge zu steigern. Hatte ich doch schon einmal geschrieben, in Agra am Taj Mahal, ich sei durch Rajasthan faul, träge und satt geworden. Hier die klare Steigerung: AGONDA.

Nach Hampi (Karnataka)

Mein Weg führte nördlich, dann nach Osten, zwei wunderschöne Tage zusammen mit Judith & Christoph. Wir erkundeten jeden Feldweg in Richtung Küste, wir finden noch schönere Strände (leider hörte der Feldweg 100 Meter zu hoch plötzlich auf → mehrere Kilometer eines geschlungenen, tief zerfurchten Pfades im Rückwärtsgang), Übernachtung auf der schon beschriebenen Steilküste, wild romantisch, alleine, Neumond, Lagerfeuer, gegrillter Fisch. Wir finden einen Supermarkt in Marcao! - mit angeschlossener Bäckerei - Weihnachten (!!), und landen schließlich in der alten portugiesische Hauptstadt Goas. Kathedrale, Kirchen, Klöster, der Jesuitenorden
St. Francis Xavier's, 16. Jahrhundert, eindrucksvoll und gut erhalten. Weniger überzeugend sind Empfang und Gastfreundschaft in einer Priesterschule; die haben zwar einen riesigen, leeren Parkplatz, wissen aber nichts besseres zu tun, als uns in ziemlich rüdem Ton davon zu jagen. Die Arbeiter einer benachbarten Werft an einem Kanal waren da viel christlicher - wir durften es uns auf ihrem Gelände in einem Palmenhain gemütlich machen. Abschiedsessen, Judith & Christoph werden morgen dem NH 17 nach Norden folgen, mich zieht es nach Hampi, einem der heiligsten Orte der Hindus, Konzentration von Tempeln aus dem 16. Jahrhundert.

Für alle, die den Finger auf der Landkarte lieben: Panaji (Hauptstadt Goas) - NH4a Richtung Dharwad, parallel zum NH4 auf kleinen, guten Straßen nach Süden (Alnavar, Haliyal, Kalghatgi), Schwenk nach Osten (Hubli, Gadag-Betigir, Koppal) bis Hospet und dann einen Katzensprung nach N/O: Hampi.

Hatte mich gerade daran gewöhnt und jetzt im doppelten Salto wieder zurück? Karnataka hatte mich wieder und ich seine Straßen. Habe aus dem fahrenden Wagen ein paar Aufnahmen gemacht. Was darauf zu sehen ist? Nichts! Blindflug auf dem NH4a. Eine 20 km lange Strecke, mein Bordcomputer beschreibt die Situation trefflich. Maximale Geschwindigkeit: 8.7 km/h, mittlere Geschwindigkeit: 3.1 km/h - RODEO!

Es fehlte eigentlich nur der Teerbelag, nichts Neues und wenig schlimm wäre dies nicht die Hauptstrecke für Erztransporter gewesen. Schlangen von Schwerlastern,
40 Tonner, drastisch überladen, hetzen in halsbrecherischem Tempo dröhnend über die Piste. Resultat: das schlimmste Wellblech, das ich je erlebt habe, in Kombination mit tiefsten Schlaglöchern, bis hinunter zum Steingrund der Straße. Es gibt zwei Strategien, Wellblechoberflächen zu meistern: ganz, ganz langsam oder so schnell, daß die Reifen nur von Gipfel zu Gipfel fliegen und die Täler nicht berühren. Die indischen Transporter flogen mit gewaltigem Getöse, aber wehe, wehe wenn sie anstatt auf einem Gipfel in einer dieser Schlaglochbadewannen landeten. Der
40 Tonner wird geschrottet, total, Achsaufhängung, Dämpfer, Federn, alles in Einzelteilen, sogar der Motorblock wird herausgerissen. Nebeneffekt der Raserei: man fährt in einer dicken, braunen Staubwolke, Sonnenstrahlen werden wie im Nebel gebrochen, surreale Dahli Atmosphäre. Meine mittlere Geschwindigkeit: 3.1 km/h!

Ansonsten eine wunderschöne Strecke, die sich durch Palmen und Sumpfgras, später durch Laubwald auf ca. 700 Meter hinauf windet, auf 400 Meter abfällt, durch weite, lichte Wälder mit einer mir unbekannten Baumart mit großen, blau-grünen, dicken Blättern führt, nie langweilig, die Augen sind immerzu beschäftigt, über Stunden. Aus dem dunklen Grün wird ein sattes, saftiges Grün (nicht grell, giftig, nein, richtig satt), man kann gar nicht genug hinschauen; Reisfelder, grün mit bunten Tupfen, die Saris der Bäuerinnen. Für die Nacht wird zum richtigen Zeitpunkt eine Steppe geliefert. Sandiger Boden mit weitstehenden Dornbüschen, einigen Palmen, einem dicht buschbestandenen Wall zur Abgrenzung zur Straße, ein „Loch" im Wall als Zufahrt, kein Mensch, kein Vieh, weit über die Steppe bis zu einem Palmenhain, mein Nachtlager, gekrönt von einem dieser, auf Bildern immer als kitschig empfundenen aber allein in der Realität und der völligen Ruhe dieser Steppe eindrucksvollen, tiefroten Sonnenuntergänge. Ich wurde nicht entdeckt! Auf was für ein Abenteuer ich mich da eingelassen hatte, sollte mir erst viel später klarwerden. Diese Nacht schlief ich selig.

Die Armeen der Affenkönige Bali und Sugriva hatten ihre Stärke bewiesen, sie hatten Steine, Felsbrocken, Monolithen vom Himmel regnen lassen, die sich auf Erden zu rot-braunen Säulen, Haufen, Hügeln, Türmen, Torbögen formten. Dieses grandiose Szenario wird nur unterbrochen von großblättrigen Bananenstauden, Reis Pattys, Palmen, Dörfern und Wasserbüffeln. „Vijayanagar" - „the city of victory", an den Ufern des Tungabhadra Flusses gelegen, war sie die mächtige Hauptstadt eines hinduistischen Großkönigreiches  im Deccan. Soweit der Ramayana Mythos und die Geschichte. „Travellers, such as the Portuguese chronicler Domingo Paez, who stayed for two years after 1520, were astonished by its size and wealth, telling tales of markets full of silk and precious gems, beautiful, bejewelled courtesans, ornate palaces, and joyous festivities" (Zitat aus Rough Guides). Hinzu kommen über einen Radius von 10 km verstreute riesige Tempelanlagen, von den Mogulen zerstört aber immer noch sehr eindrucksvoll, in ihrer Architektur an die Khmer Städte des 13./14. Jahrhunderts erinnernd. Was für ein Reichtum, was für eine Pracht muss das gewesen sein. Heute liegt das Dorf Hampi an der Stelle des einstigen Vijayanagars. Mit wie vielen Erwartungen war ich angereist, hatte irgendwie Ankor als Vorstellung vor Augen, es muß mir gegangen sein wie dem erwartungsfrohen Besucher des legendären Timbouktus in Mali. Wieder mal ein schwarzes Loch, daß dich aufsaugt. Dreck, Dreck, Dreck und noch einmal Dreck - Dreck, Moskitos und Hitze. Ich stehe auf dem Busparkplatz für Pilger, ein fußballfeldgroßer Platz, umgeben von Ruinen aus dem 16. Jahrhundert in denen heute die Ärmsten der Armen hausen. Es gibt ein Toilettenhäuschen, Entschuldigung, jeder scheißt lieber daneben, der Gestank ist penetrant, überall Müll, Schweine und Kühe, stehendes Wasser und Moskitos; und es ist Abend, ich komme hier nicht weg. Hampi ist auf Pilger und Touristen eingerichtet, das prägt das Dorfbild, muß ich noch viel erzählen? Und die Ruinen bzw. die noch aktiven Tempelanlagen, die Pilgerstätten? Ja, eindrucksvoll, von der Architektur, der Lage, der wirklich, wirklich traumhaften Umgebung, die so vieles dann schnell vergessen läßt, aber vor allem geprägt durch die Gläubigen (Touristen gibt es, von einer Handvoll junger Backpacker abgesehen, keine). Ein ewiger, nicht abreißender Strom, mal anschwellend, etwas abschwellend, aber immer in Bewegung; die das Bild beherrschenden traditionellen Gewänder, die Saris der Frauen, die weiten, gewickelten, auf Kniehöhe geschürzten Beingewänder der Männer, Bärte, Turbane, ausdrucksvolle Gesichter, die bunten Seidentücher, sehr, sehr viele Jugendliche, Körbe mit den traditionellen Opfergaben, Blumengirlanden, Verkaufsstände mit intensivfarbenen Pigmenten (zum Einfärben des Scheitels und für den Punkt auf der Stirn, entsprechend des heiligen Anlasses) - das sind sehr intensive, bleibende Eindrücke! Der folgende Abend am Flußufer vertiefte dieses Gefühl. Ich bleibe nicht lange allein. Vor mir wäscht sich alt und jung, Frauen rubbeln Wäsche, der Tempelelephant liegt ergeben auf der Seite, hebt auf Zuruf mal dies, mal das andere Bein und wird ausgiebigst geschrubbt, gebürstet und massiert, ich werde von Pilgern angesprochen und gehöre ein wenig dazu. Die Gruppe ist zu fünfzehnt angereist, auf einem Lastwagen, zu mehr hat das Geld nicht gereicht, man bleibt einige Tage hier um an allen heiligen Ritualen teilhaben zu können, alle Generationen sind mit der gleichen Überzeugung vertreten, hier einen Höhepunkt ihres Lebens zu erleben. (Etwas Neid ist mal wieder vorhanden, wenn ich so an unsere Kirchen denke).

Bin letztendlich drei Tage geblieben, habe nach der ersten Nacht gesucht und einen schöneren Standplatz gefunden. Mein Moped ist hier Gold wert: wunderbar überall hingekommen, zu den umliegenden Dörfern und zu völlig verfallenen, in das Buschwerk eingebetteten Tempeln, in welchen man nach Herzens Lust nach alten Reliefen suchen und herumstöbern konnte. Der Gestank des ersten Tages ist vergessen (fast).

Die Geschichte vom Karlchen (ein indisches Märchen)

Untertitel: von Pseudo off-roadern und Hohlköpfen

„Es war einmal ein schöner Abend im nördlichen Maharashtra, Karlchen fuhr durch einen Wald und suchte ein Plätzchen. Da erschien ihm eine Fee mit Haut wie Honig, seidigem Haar und mandelbraunen Augen und entschwand in einen Waldweg. Karlchen folgte. Die Fee entschwebte über eine Böschung, ließ sich auf einer Lichtung nieder und kämmte ihr Haar. Karlchen folgte, kam aber irgendwie vom rechten Wege ab und hing rückwärts schief in der Böschung. Die Fee nahm ihr zartes Fingerlein und winkte, komm wieder hoch auf das Wegelein. Karlchen folgte. Da verwandelte sich die Fee in einen Teufel und zerfetzte mit einem gewaltigen Knall Karlchen's Hinterreifen. Da war sie wieder, die Fee - hol den Wagenheber und laß ein Reserverad herunter. Karlchen folgte. Scheiße: Wagenheber zu kurz, Unterlagebretter nicht aufzufinden, sind was weiss ich denn wo in den Kisten auf dem Dach versteckt - oder auch nicht, krieg den Spanngurt für das Reserverad nicht los (hätte man ja vorher ausprobieren müssen, muß das Scheißding jetzt durchschneiden), Verlängerungsstange für den Radschlüssel so elegant am Wagen angebracht, daß man sie bei heruntergelassenem Reserverad praktisch nicht mehr loskriegt, was hab ich mir bloß dabei gedacht? Ich kann's Ihnen sagen - gar nichts, hatte doch alles Essentielle für den Notfall dabei: einen Liegestuhl und einen Sonnenschirm für den Dachgarten, eine Gießkanne..... Inzwischen wurde es dunkel und die Fee entschwand zum Abendessen und wäre er nicht gestorben - nein ist er nicht - wäre also nicht plötzlich ein Traktor mit 5 starken jungen Männern aufgetaucht, die drei Stunden lang wie die Blöden geschuftet haben, um die Karre wieder aus dem Dreck zu kriegen - ja, dann stände Karlchen heute wohl immer noch da!"  Gartenzwerg, Pseudo off-roader, Hohlkopf!

(Der Reifen ist übrigens hinüber, Flanke auf über 12 cm aufgeschlitzt)