Bericht 4

Rajasthan - Uttar Pradesh - Rajasthan

 

Liebe Freunde,

 

ich hab's Euch doch von Anfang an gesagt: Regelmäßigkeit ist nicht meine Stärke und wird in Indien sowieso neu definiert. Ist aber auch nicht weiter schlimm, ist eh nichts passiert. Habe mir eben noch einmal die alten Berichte durchgelesen - eigentlich ist alles gesagt.

 

 

 

Also dann,

herzliche Grüße von einem extrem faulen, sozusagen „akinetischen" Strandleben in Goa

 

Herzlichst Euer

 

Karl-Heinz

 

 

 

 

 

 

PS. Endlich mal ein Schreiben von mir, das man in einem Zuge durchlesen kann.

 

 

 

 

War Ihnen doch noch nicht genug? Was verlangen Sie denn? Soll ich einfach etwas erfinden? Wäre eigentlich ganz spannend - ich bin nämlich nie losgefahren, bloß von Basel bis zum Vierwaldstätter See, lese hier ein paar Bücher über Indien und schreibe Berichte! Schade eigentlich, daß meine Tochter Heike hier war, der Bluff zieht also nicht; wäre sonst wirklich interessant, die Sache auszubauen. Also, da Sie die Route nun wirklich schon kennen, heute ein paar lose Episoden.

Agra

Hatte mich mit Tochter Heike in Agra verabredet. Nun ist das mit dem Einhalten von Terminen hier in Indien so eine Sache. Udaipur - Agra - ca. 1000 km - keine Ahnung ob des Verkehrs und der Straßenverhältnisse, die Karte beschreibt die ganze Strecke als National Highway, aber Papier ist bekannter Weise geduldig und die Kartographen gestatten sich auch oft genug etwas dichterische Freiheit (Straßen, sind auf der Karte eingezeichnet, existieren aber nicht und vice versa) - also waren vorsichtshalber 5 - 6 Tage eingeplant. Bin letztlich 2 Tage zu früh da; hatte in Bharatpur für die letzte Etappe einen Offizier der indischen Luftwaffe als Anhalter aufgegabelt, der so lieb (oder pragmatisch) war, mich bis zu meinem Hotel in Agra zu lotsen, seine Kaserne lag ganz in der Nähe. Eigentlich hätte er mich gerne überredet, mit seiner Familie zu Abend zu essen, war aber redlich müde und schob eine Ausrede vor, eigentlich sehr dumm, denn diese persönlichen Kontakte sind das Spannendste an solchen Reisen, aber an diesem Abend freute ich mich nur noch auf ein Bier. Hotel? - Heike will campen - ich nicht. Dieses ewige Gerede und Getuschel „sugar dady with trophy bride" geht mir gewaltig gegen den Strich und Vater und erwachsene Tochter in einem Wagen, nach indischen Vorstellungen auch nicht die optimale Lösung. Pragmatische Konsequenz: Hotel. Clark's Shiraz, nicht die schlechteste Adresse in Agra, wenn man denn nur rein käme. Ich hatte telefonisch reserviert und die Reservierung am Telefon so häufig bestätigen lassen, bis der zuständige Herr mir schließlich zu verstehen gab, daß er meinen Namen inzwischen auswendig kenne und er auch nicht vergessen habe, daß ich mit meiner Tochter reise. Anstatt zu telefonieren solle ich ihm doch lieber glauben und einfach anreisen. OK - gesagt, getan. Rezeption: Good evening, I have got a reservation - certainly Sir - what is your name - „Labs" - sorry Sir, but I can't find any reservation under this name - are your Mr. Carlsson? - No, I am sorry, my name is Labs but would you mind trying Mr. Karl or Mr. Heinz? Die gab's natürlich auch nicht und das Hotel war ausgebucht - so kurz vor Weihnachten jagte eine Reisegruppe die andere. Der Front Desk Manager griff ein und beruhigte den langsam etwas unruhig werdenden Kunden; you don't worry - we'll arrange. Damit wurde ich erst richtig nervös - „we'll arrange" kann in Indien alles heißen - aber diesmal hat's geklappt - schönes Zimmer im 5. Stock mit fest verriegelten Fenstern (für alle diejenigen, die kein Bordwerkzeug dabei haben).

Das Taj Mahal: wenn man die sieben Weltwunder nicht nur rund ums Mittelmeer suchen müsste, würde man hier fündig werden. Aber wenn schon kein Weltwunder, so doch zumindest Weltkulturerbe. Wir sind im Zentrum des goldenen Dreiecks. Sie meinen ich hätte mich geographisch etwas vertan? Nein, tut mit leid, Sie haben sich vertan. Richtig, nicht Thailand, Burma (Myanmar) und Laos, sondern Agra, Jaipur und Jodhpur, bekannt als das indische goldenes Dreieck.

Das Taj, von Akbar dem Großen im 16. Jahrhundert als Grabmal für seine Lieblingsfrau Mumtanz Mahal (Erwählte des Palastes) gebaut, repräsentiert nach islamischer Vorstellung das Paradies, ganz in weißem Marmor. Die Reiseführer überschlagen sich im Lobe:

"Das Taj Mahal, das der Poet Rabindranath Tagore als „eine Träne im Antlitz der Ewigkeit" bezeichnete, ist zweifellos Ausdruck höchster Mogul Baukunst und eine der schönsten Bauschöpfungen der Welt. Die Beschreibungen dieses Wunderwerkes füllen Bände und seine Abbildungen zieren Broschüren und Reiseführer, dennoch ist ausnahmslos jeder Besucher, der das Bauwerk zum ersten Mal in natura sieht, überwältigt. Nicht einmal die Massen von Touristen können dem Zauber des Grabmales etwas anhaben, denn angesichts des riesigen, atemberaubenden Architektur werden sie zu kleinen, herumwuselnden Ameisen".
Jawohllll!!! - herumwuselnde Ameisen, aber zu Tausenden und Abertausenden, kosmopolitische Ameisen indischer, amerikanischer, europäischer, japanischer, koreanischer, südostasiatischer, chinesischer, russischer und was weiss ich denn noch welcher Gattung. Geht vor dem Außentor schon los - zwei Stunden Schlangestehen und dann erst drinnen! Möchtest das Taj fotografieren und siehst nur Körper und Beine; zugegeben, ein wenig übertrieben. Wie soll ich's sagen - am besten einfach die Wahrheit - bin richtig enttäuscht, oder anders, bin verwöhnt, fett, satt und faul geworden. Das Taj für Heike, direkt aus Europa kommend, erster Tag des herbeigesehnten Indienaufenthaltes, alles ist fremd, riecht neu und aufregend, da braucht's gar kein Taj, aber mit Taj ist's, wenn schon nicht atemberaubend, so doch wunderschön. Der alte Labs hat sechs Wochen Rajasthan und Gujarat hinter sich, sechs verzauberte Wochen voller Paläste, Menschen, Curries und Farben. Es geht einem wie nach dem Genuß von zu vielen Erdbeeren. Man sucht sich nur noch die wirklich Erlesenen, beim kleinsten Makel spuckt man sie aus. Hinzu kommt sicherlich, daß die Erwartungen enorm und völlig überzogen sind, zu oft hat man das Bauwerk, aus idealer Perspektive aufgenommen, auf Bildern betrachtet. Und jetzt bist du da, das Grabmal ist viel kleiner, du kannst dich gar nicht darauf konzentrieren, du wirst geschubst und gedrängelt, oben, unten, hinten, vorne - Knips - Knips - Knips. Wie sehne ich mich nach dem Palast von Jodhpur mit seinen herrlichen stillen Ecken und Winkeln.

Der nächste Morgen; wir sind wirklich früh aufgestanden um das Taj in seiner schönsten Form, noch in Nebelschwaden eingehüllt, in das weiche Licht der aufgehenden Sonne, vom Nebel gebrochen und rötlich verfärbt, bewundern zu dürfen. Wir dürfen! Verzaubert, unwirklich, verträumt, vom Nebel weich gezeichnet steht es da, gespiegelt in den Seen des Paradieses; nun ist sie doch noch wahr geworden, meine Phantasie des erhabenen Taj Mahal.

Kaleodeo

Bharatpur, nur einen Sprung westlich von Agra, bird sanctuary, hier soll es auf fette Jagd gehen. Zugvögel aus Sibirien und Zentralasien haben sich den falschen Platz zum Überwintern ausgesucht! Graugänse, Kraniche, Buntstörche. Die Waffen sind geschärft, das Zielfernrohr (Nikon 300 mm, f = 2.8, 3.5 kg, lag 10 Jahre im Keller, in einem Anflug von Irrsinn gekauft) lag parat. Unser Jagdschloß - mitten, na ja, vielleicht doch nicht ganz, aber wenigstens im Jagdrevier (Park) - The Forest Lodge.

Der Parkeintrittspreis läßt Großes erwarten und durch ein Schild am Parkeingang wurde es bestätigt: ein englischer Lord hatte im 19. Jahrhundert 3491 Graugänse an einem einzigen Tag erlegt! Die Beute ist uns also sicher. Um jedoch jegliches Risiko auszuschließen und zu verhindern, daß nach Meldung unserer Ankunft die Vögel sich zusammentun und irgendwo verstecken, haben wir uns einen ortskundigen Jagdbegleiter angeheuert.

Nächster Morgen: das Taj läßt grüßen - Nebel, weniger verträumt dafür um so grauer und dichter. Wir jagen nicht im Park sondern in der Hotelküche nach Toast, English Marmelade und Spiegeleiern - erfolgreich.

9:30: endlich ist es soweit - walking safari. Heike schießt und schießt, muß als gefährlich eingestuft werden, ich frage mich, was sie da eigentlich schießt - bin ja schon älter, vielleicht liegt´s daran, sehe nämlich nichts. (Man braucht wirklich gute Augen, um Spatzen im Busch auf 20 Meter Entfernung identifizieren zu können!). Heike träumt von National Geographics und schreibt im Geiste schon die Begleittexte für ihre Bilder (der Punkt da hinten rechts, erkennt ihr ihn? Ja, stimmt, das ist Onkel Franz). 13:00, die Jagd endet, Mittagspause. Der Führer hat sich redlich Mühe gegeben. Ich sollte sie jetzt können, englische und lateinische Namen, Gattung, Untergruppe, Heimat, Verhaltensweisen von mindestens 10 Vogelarten! Was hängen geblieben ist, ist nur der gemeinsame Nenner: keines der Tierchen war größer als 10 cm. Der Rest - na ja, ich bin und bleibe auch im Alter ein seltsamer Vogel - zumindest diese Gattung kenne ich - aber hier war ich der Größte!! (zumindest der Längste).

Wir haben vor, die Distanzen zu verkürzen, auf Rädern zu jagen, ja, ganz grün in Einstellung und Überzeugung, das Fahrrad wieder zu entdecken. Ich hatte ein Damenrad erwischt; leider wurde ich nicht gefilmt, wie es einem Gentleman wie mir gebührt hätte. Der Sattel zu tief, die Pedale zu nah, der Hinterreifen fast platt, elegant geduckte Haltung, prustend, schwitzend - Scheiß Kaleodeo! Nach einer Stunde Schinderei, hatten's wir vollbracht, ein Pythonloch - was heißt hier Loch - ein riesiger Bau. Schlangen sind zwar in Indien nicht heilig, werden jedoch, ob ihrer Rolle in vielen Mythen, verehrt. Über die Jahrtausende hat dies wohl, wie bei den heiligen Kühen auch, zu einer Veränderung des Erbgutes geführt. Versuchen Sie einmal eine heilige indische Kuh, die mitten auf der Straße steht, zu verjagen - hoffnungslos! Die Kuh hat's gelernt; selbst der Busfahrer, der sonst hemmungslos mit Vollgas eine Schneise in den Verkehr säbelt, steht auf der Bremse. Die Python, ob ihrer gesellschaftlichen Stellung, gräbt nicht mehr selbst für ihren Bau, sondern läßt graben. Architekt, Baumeister und Handwerker in Personalunion ist das Stachelschwein, das willig buddelt, um dann als Untermieter einziehen zu dürfen (das Erwürgen eines Stachelschweins ist selbst einer Python zu stachelig!). Das Loch hatten wir gefunden, mit der Baubesitzerin ging´s uns wie mit den Zugvögeln - ausgeflogen.

Nächster Morgen: die Pythonjagd wird fortgesetzt. Beim Fahrradverleiher gabs erst einmal große Augen, der Labs hat dazu gelernt und guckt schon gar nicht mehr nach dem Sattel. Fotorucksack auf, heraus kommen Nuß und Ratsche - ratsch - ratsch - ratsch und die Sattelhöhe stimmt!

Unser Ziel heißt „Python Point" - nomen est omen, da konnte doch kaum noch etwas schief gehen. Klappte auch alles, der Bau war noch größer, zu Hause war aber niemand - Weihnachtsferien?

Unserem lieben Führer wurde es langsam unangenehm; well, you know, there is another place where I found a python last year. Labs machte gute Miene zum bösen Spiel, wieder strampeln, last year (!), vergiß es einfach, aber, ich bin ja kein Spielverderber (Scheiß Kaleodeo). Es kam, wie's kommen mußte, denn alle guten Dinge sind bekanntlich drei. Strampeln - schwitzen - Loch finden - anpirschen........! Aber immerhin gab´s hier noch eine neue Variante. Der Führer war vorausgeeilt, sah eine riesige Python und winkte, psst, psst, kommt. Heike trat auf einen Ast, blöde Kuh, Poltergeist. Wir nähern uns dem Loch.......leer! Dem Führer traten die Tränen in die Augen (beinahe), well, sorry, she's just gone. (Sure, just gone, having tea, hey? - der kriegt kalte Füße und erfindet 'ne Python, wie ich meine Geschichtchen aus Indien). Aber was sollen wir machen, der Führer will eine Viertelstunde warten - she will come back, for sure, just be patient...........she did! Die Python räkelt sich träge in der Sonne, blinzelt uns zu und gab zu verstehen, daß sie gewillt sei, sich porträtieren zu lassen, aber leise bitte, wir sind hier schließlich nicht irgendwo im Busch. Letzteres wiederum ist mit einer Spiegelreflexkamera nicht so ganz einfach. Klick -  klick, die Primadonna ist indigniert und zieht sich beleidigt in ihr unterirdisches Heim zurück. Auf meine zugegebenermaßen etwas dümmliche Frage an den Führer, ob man denn eine Python, wenn schon nicht sehen, dann wenigstens (theoretisch) essen könne, erhalte ich mit dem Hinweis, die meisten Inder seien Vegetarier, auch keine Antwort.

Den Höhepunkt des Tages gab's dann aber doch noch. Der Vorderreifen unseres Führers und mein Hinterreifen waren platt - wir durften schieben.

A pro Pos Zugvögel - vorne am Wegesrand eine Gruppe, zwei Fernrohre, viel Aufregung, rote Gesichter (in Afrika hätte man meinen mögen, sie hätten einen Leoparden samt Beute in einem Baum entdeckt). Der Blick durchs Okular offenbarte sie: zwei Graugänse (sehr grau). Bedächtiges Schweigen, die Ornithologen dachten an Lorenz, ich träumte von einem Braten.

Jaipur

Wir residierten, anders kann man das kaum bezeichnen, im Raj Palace, einem der besten 5-Sterne Hotels der Stadt. Sie meinen ich hätte inzwischen im Lotto gewonnen, mich nächtelang in Jaipur's Spielhöllen herumgetrieben oder meine kriminellen Energien im Knacken einer Bank bewiesen? Gefehlt - viel prosaischer - gab nichts mehr - Weihnachten - Teutonensturm, Gallier, Wikinger und wie sie alle heißen mögen belagern Rajasthan - Ausnahmezustand - selbst eine Matte auf der Straße ist schwierig. Im Raj bewohnen wir „heritage rooms", zwar mehr heritage als room, aber fürstlich, zumindest die Preise. Linsen (Dal) in den verschiedensten Formen zubereitet, Dal fry, ein Weißlinsengericht, Dal makheni, weiße und dunkle, herrlich gewürzte Linsen sind fast zwangsläufig Bestandteil eines jeden größeren indischen Mahles. Im Raj gabs eine rajasthanische Linsenspezialität, in Yoghurt gekocht, über Nacht gesäuert und erst dann mit der nötigen Schärfe versehen, ein Leckerbissen, den man sich nicht entgehen lassen sollte - ich hatte zum ersten Mal in Indien Durchfall.

Heike erkundet Jaipur auf eigene Faust; ich bin abgestellt, die hunderte von Fotos, die sie jeden Abend anschleppt, in meinem Heritage Room zu sichten und zu bearbeiten (und ab und zu ein besonders gutes zu klauen und meiner Sammlung einzuverleiben). Nebenbei werden noch die Vorbereitungen für eine Hochzeit festgehalten. Der riesige Innenhof des Hotels verwandelt sich unter den Händen von zig Dutzenden von Handwerkern und Helfern in einen Thronsaal. Ein Meer aus Blumen entsteht, Girlanden werden zu großen Torbögen geschnitten, Tische, Bänke, die tiefen indischen Sitzsofas für die Ehrengäste, selbst der Hof und die umliegenden Bäume erstrahlen in einer Orgie aus Blumen und Farben. In der Mitte entsteht der prächtigste Teil, die Empore für die Trauungszeremonie, in der heiligen Farbe orange. Es ist gegen vier, als der Wind die ersten Zeichen der nahenden Prozession heran trägt, indische Musik, von einem Blasorchester intoniert. Die Vorboten mehren sich, Seidensaris, rosafarbene Hochzeitsturbane, indische Beinkleider, goldbestickter Brokat bei beiderlei Geschlecht; wollte man erfahren, was indische Schneider so alles zu zaubern imstande sind, hier wurde es geboten, klassische indische Haute Couture.

Was wir an diesem Abend zu sehen bekommen sollen, ist die ganz große Ausnahme, eine Liebesheirat eines Europäers mit einer Inderin. Weit über 90 % aller Ehen sind arrangiert,  nur das Bild, das uns im Westen von den Medien über solche Verbindungen präsentiert wird, ist oft zu einseitig. Die arrangierte Ehe wird in negativer Form als reine aus wirtschaftlichen Gründen eingegangene Zweckverbindung dargestellt, was so sicherlich schlicht falsch ist. Klar, die religiöse Zugehörigkeit muß stimmen, die wirtschaftlichen Fakten müssen auch stimmen,  außerhalb der Kaste wird selten geheiratet, aber die Erfolgswahrscheinlichkeit einer Ehe wird gründlich abgewogen. Beide Familien beauftragen einen Verhandlungsführer und diese wiederum (das gilt für die Vergangenheit wie für die Gegenwart) ziehen Astrologen zu Rate. Stimmen auch die Horoskope, beginnen die eigentlichen Verhandlungen. Es gibt eine über weite Teile Indiens verbreitete Punkteliste, ein Scoresystem, in dem die Eigenschaften, Vorlieben und Gewohnheiten beider potentieller Ehepartner abgefragt werden. Ein niedriger Score lässt eine harmonische Verbindung unwahrscheinlich erscheinen und die Gespräche werden beendet. Bei positivem Scoreergebnis beginnen die Verhandlungen ob der Dawry (der Mitgift) und damit nicht nur über eine Maßnahme zur Absicherung der Braut sondern Verhandlungen, die oft genug über die zukünftige finanzielle Überlebensfähigkeit der Brauteltern entscheiden können.

Was regen wir uns zu Hause auf, wenn irgendeine Regelung, die auf einem Gesetz aus dem 18. Jahrhundert beruht, den heutigen Gegebenheiten nicht mehr entspricht Die  Regeln, die die Rolle der Frau bezüglich religiöser Riten, Heirat, Erbe, Eigentumsverhältnisse, aber fatalerweise auch die zu fordernden weiblichen Persönlichkeitsmerkmale beschreiben, sind etwas älter und lassen sich auf Schriften zurückführen, die zur Zeit Christi Geburt entstanden sein dürften (Manu Texte). Bilder und Vorstellungen sowie Sittenkodici, wie damals beschrieben, beeinflussen bis heute, insbesondere auf dem Lande, den Stellenwert sowie die Lebens- und Verhaltensweisen der Frau. „Die Frau hat ihrem Ehemann wie einem Gott zu dienen und zu huldigen und geht damit, zu ihrem Wohle, ganz im Sein ihres Mannes auf: ist er zufrieden und glücklich, wird sie es sein, ist er traurig, soll auch sie traurig sein, holt ihn der Tod, soll sie ihm folgen", soweit die Manu Texte. Diese Forderung nach Selbstaufgabe kennt kaum Grenzen, denn selbst bei krassem Fehlverhalten des Ehemannes, in welcher Form auch immer, gilt, ihm weiter zu dienen und zu huldigen als sei er Gott und diese Forderung endet auch dann nicht, wenn er sie verlassen oder verkaufen sollte. Noch sarkastischere Formen nimmt das Ganze bei sexuellem Mißbrauch und Vergewaltigung an: während ihm zu vergeben ist, gilt die mißbrauchte Frau als „verdorbene Ware"; entspringt einer Vergewaltigung ein Kind war, zumindest in der Vergangenheit, ein Tötungsdelikt an der Frau ein eher selten geahndetes Vergehen. Sollte es nach einem Mißbrauch zu einem Prozeß kommen, liegt die alleinige Beweispflicht bei der Frau; damit dürfte der Prozeß auch schon verloren sein, aber dazu später.

Soll ein solches Wesen nun verheiratet werden, wird das für die Brauteltern eine teure Angelegenheit, denn sie müssen für die Mitgift aufkommen. Nach indischem Recht verläßt die Frau mit ihrer Verehelichung ihre Familie ohne jeglichen Anspruch auf ein Erbe. Die Mitgift war also ursprünglich als eine Form der finanziellen Absicherung, so zu sagen als vorgezogenes Erbe gedacht, wobei es (zu großen Teilen) Brauteltern und Braut oblag, den Umfang zu bestimmen. Das heute praktizierte, sehr viel mehr „gewinnorientierte" Mitgiftsystem ist im Prinzip den Briten zu verdanken. Mit Einführung eines westlichen Verwaltungssystems begann das Buhlen der Brauteltern um junge Männer, in höheren Verwaltungspositionen. Die Zahl der Kandidaten war, verglichen zur Zahl der zu verheiratenden Mädchen, sehr klein mit der Konsequenz einer ausgezeichneten Verhandlungsposition der Bräutigamfamilie, die ihre Mitgiftforderungen bis ins Irrationale hochschrauben konnte. Aus der finanziellen Absicherung der Mädchen war ein gewinnorientiertes Geschäft für die Männer geworden und das ist bis heute so geblieben. Der hohe traditionelle Stellenwert des Familienprestiges hat im Gegenteil dazu geführt, daß Angehörige niedriger Kasten dieses für sie gegebenenfalls ruinöse System übernahmen, da eine gute Partie das Familienprestige so sehr aufwertet, daß sehr viel finanzielles Risiko in Kauf genommen wird. Ein weiteres „Druckmittel" für die Bräutigamfamilie ist das Alter der Braut. Einem ungeschriebenen Gesetz zu Folge muß ein Mädchen, spätestens mit 24 verheiratet sein; ist sie es nicht, gilt nicht nur sie als Schande für die Familie, sondern auch das Familienprestige und die Akzeptanz der Familie in der Gesellschaft leidet. Sie erinnern sich an „Bambi" aus Amritsar, der in Manila ein westliches Leben führende Inder, mit dem ich das Vergnügen hatte, eine Woche lang zu reisen. Seine Tochter ist 26 und unverheiratet; Bambi ist gebildet, gehört zu einer der alten renommierten Familien in Amritsar und verkehrt sicherlich in den „besseren Kreisen". Thema Nr. 1 bei jeder Einladung, so Bambi, ist das völlige Unverständnis, daß er und seine Frau die Tochter nicht verheiratet haben und dem Mädchen die Freiheit gewähren, über ihr Leben selbst zu bestimmen, und diese Reaktion beschreibt nicht das Jahr 1956 sondern 2006! Die Mitgift heute kann als Lotteriegewinn für den zukünftigen Bräutigam gesehen werden und beinhaltet alles, was die neue Familie zum Leben benötigt, von Haus über Haushaltsgegenstände, über PC zum Auto, bis zu einem wohl gefüllten Konto. Um so besser die Partie, um so höher der Preis. Es lebe die marktwirtschaftliche Orientierung!

Wir schreiben das Jahr 2007 und das alles soll noch so gelten? Jein, Indien war lange, bis Anfang der 90er Jahre, wirtschaftlich wie kulturell nach außen abgeschottet. Mit Öffnung folgte die Globalisierung, wirtschaftlich mit zunehmender Geschwindigkeit, kulturell und ideell viel langsamer mit heftigen Differenzen und Konflikten zwischen ländlicher und städtischer Bevölkerung, den Kasten und den verschiedenen Generationen. Das Mitgiftsystem ist ungerecht und unsozial, das Mitgiftsystem ist eherne, hinduistische Tradition!

Man lese die Hindustan Times am Wochenende - seitenlanger Annoncenteil, Braut sucht Bräutigam, Bräutigam sucht Braut, aber nicht wie bei uns (Lebensfroher LKW-Oldie sucht Verrückte zum Reifenwechseln und ähnliche intellektuell hochstehende Aufgaben), sondern mit fast uniformem Text, streng nach Religionszugehörigkeit geordnet. Ein typisches Beispiel würde z.B. lauten: „Bestens situierte Kaufmannsfamilie aus Delhi sucht Bräutigam aus entsprechenden Kreisen für ihre wunderschöne, schlanke 23 - jährige Tochter (wunderschön sind sie alle!), Hochschulabschluß in Medizin mit Prädikatsexamen und Anstellung als Assistenzärztin im St. Mary's Memorial Hospital in Delhi. Kastenzugehörigkeit unerheblich". (Aussage Bambi: Blödsinn, nur auf dem Papier, klingt einfach besser). Ein neues Argument ist in die Kampagne eingezogen, ein Argument, das es mir persönlich noch schwieriger macht, das System irgendwie intellektuell nachzuvollziehen, der Bildungsstand der Tochter. Was soll dieses Argument, wenn es sich im zweiten Schritt selbst widerspricht. Bildung heißt Fortschritt, Bildung heißt Verständnis, Bildung heißt Wandel. Ich erlebe hier in Städten, je größer desto ausgeprägter, Bombay als exemplarisches Beispiel, eine junge Generation, die von der unseren in den Verhaltensweisen nicht mehr zu trennen ist. Unverheiratete Paare, Jeans, Discobesuch, Flirten (aber kein Bett!), etc., etc. Studenten (beiderlei Geschlechts) diskutierend, demonstrierend, phantasierend, zielstrebig, engagiert, kritisch. Hochschulaufnahmeprüfungen, die es in sich haben und der Ehrgeiz sich in der enormen Konkurrenz der Mitbewerber durchzusetzen - das müßte doch eigentlich prägen, oder?

Und dann plötzlich der Wechsel des Planeten; vieles dessen, was man sich an kritisch, engagierter Lebensauffassung, an Lebensvorstellungen erarbeitet und an Wünschen entwickelt hat, wird urplötzlich hinfällig, man wird verheiratet, (schnellstmöglich) geschwängert (und damit als Konkurrentin aus dem Verkehr gezogen) und der Traum ist zu Ende, was ja nur heißen kann, wenn das Gros der Mädchen das System weiterhin akzeptiert und ihm folgt, daß der eigentliche, primäre Traum immer noch der Tradition entsprechend (oder von der Tradition diktiert/erzwungen) auf Familie und Mutterschaft ausgerichtet ist und daß die Bildung eher als Mittel zum Zweck denn aus Bildungsgründen erworben wurde (?).

Junge Familien bestimmen hier das tägliche Straßenbild, bei einem mittleren Lebensalter der Bevölkerung < 20 Jahre auch kein Wunder. Eigentlich machen die meisten einen recht zufriedenen und glücklichen Eindruck, es wird zumindest kein nach außen ersichtlicher negativer Effekt einer arrangierten Ehe vermittelt, wären da nicht die immer wieder auftauchenden Zeitungsartikel über häusliche Unfälle, denen ausschließlich junge Frauen zum Opfer fallen (wir alle haben im Westen davon gehört, ich war der festen Überzeugung, daß dies ein Problem der Vergangenheit sei; ist es wohl auch, aber eben doch nicht ganz). Das „Kommerzialisieren" des Mitgiftsystems hat unter anderem dazu geführt, daß nicht nur vor, sondern auch nach der Eheschließung Forderungen gestellt werden, die, wenn unerfüllt, zum Schikanieren der Frau bis hin zum Mord führen können (Haushaltsunfall, der Gasherd ist explodiert). Solche Schwierigkeiten würde in Europa zur Trennung des Paares führen, eine Vorstellung, der sicherlich auch manche betroffene Inderin nachhängt, ohne daß sie sich verwirklichen ließe. Allein bei Erwägung einer Trennung würde sie sich des Widerstandes von Mann und Schwiegereltern (zu denen sie ja jetzt, de jure, gehört), aber leider auch der eigenen Familie, einschließlich der eigenen Schwestern, sicher sein können. Es geht ums Geld und das Familienprestige. Die Mitgift ist bezahlt und die Frucht der Bemühungen soll jetzt verloren gehen? Die Tochter, wenn denn eheflüchtig, ist nicht nur verdorbene Ware, sondern eine Schande für die ganze Familie, verbunden mit dem sozialen Abstieg der Eltern und, ob des Rufes der jetzt die Schwestern der Übeltäterin anhaftet, ein größeres Problem ob deren Verheiratung. Der Haushaltsunfall, der Tod der Tochter, die Ereignisse des Lebens sind vorausbestimmt, es hat so kommen müssen, unbeeinflußbar, das Schicksal wird fatalistisch ertragen.................aber die Schande!!!

Wäre eine legale Ehescheidung die Lösung gewesen? Die Möglichkeit ist real, Scheidungen sind legal. Aber - jetzt wären Schande und Demütigung nicht nur über die Eltern sondern auch die Schwiegereltern gekommen, man wird gemeinsam alles daran setzten zu verhindern, was zu verhindern ist und andere „Lösungen" akzeptieren, bis hin zu dem geplanten „Haushaltsunfall". Das ist Ihnen alles zu extrem, 2007, es gibt Rechtsanwälte, auch in Indien! Vorsicht - die Beweispflicht liegt bei der Klägerin, die gegen die Tradition arbeiten muß. Einverstanden, würden Sie sagen, aber bei Extreme wie einem Mord? Ich muß Sie leider enttäuschen, vergessen Sie nicht, die Klägerin ist eine Frau (hat sie wirklich das Recht für einen solchen Schritt?). Und ein „Mord"? Der „Täter" war schließlich ein Mann, was war der eigentliche Hintergrund für das, was da geschehen war? Ist Ihnen die Argumentation zu spitzfindig, zu unwirklich, zu gestellt? Muß Sie schon wieder enttäuschen. Nehmen wir ein aktuelles Beispiel aus den Medien, das wirklich in breitester Öffentlichkeit diskutiert und von  Zeitungen aller Couleur aufgenommen wurde, nicht nur einmal, sondern regelmäßig über einen langen Zeitraum hinweg.

Eine junge, 20-jährige, gut aussehende Schauspielerin jobt in einem Restaurant, das um 10 Uhr abends schließt. Kurz nach 22:00 erscheint eine Gruppe junger Männer und verlangt nach Bier, das ihnen, den Regeln entsprechend, verweigert wird; es kommt zu einer Auseinandersetzung, das Mädchen wird getötet, der Täter ist bekannt, leider aber auch seine Familie, welche zu den besseren Kreisen Delhis zählt. Der Sachverhalt ist völlig klar, es kommt zum Prozeß. Das ganze passierte (wann? - raten Sie bitte........................................................................................................................................................................................................)
vor sechs Jahren, seitdem schleppt sich das Verfahren! Ein Urteil wegen minderschweren Totschlages erfolgte vor einigen Tagen, Mitte Januar 2007. Ich konnte das Drama und die bemerkenswerte Argumentation der Verteidigung seit meiner Einreise nach Indien in der Presse verfolgen. Kurz vor der Verurteilung holten die Anwälte des Angeklagten, nachdem es zwischenzeitlich schon so ausgesehen hatte, als könnte der Täter freigesprochen werden, das Blatt sich aber dann auf Grund einer massiven Intervention der Medien wieder gewendet hatte, zu einem letzten Schlag aus. Der Tötungsdelikt wurde zugegeben! - aber die Tötung erfolgte aus verständlichen und nachvollziehbaren Gründen! Es sei nämlich nie um einen Drink gegangen, sondern um Sex. Als sich die junge Frau verweigert habe, hätte sich der Täter so in seiner männlichen Ehre gekränkt gefühlt, daß eine Tötung unausweichlich gewesen wäre! Müssen wir den Sachverhalt noch weiter diskutieren?

Eine weiteres Thema aus den Medien: der deutsche § 285, die Abtreibung - und die Ärzte mischen kräftig mit. Die moderne Medizin macht's möglich - eine mögliche Mitgift wird umgangen! Wie? - ganz einfach und legal. Eine Ultraschalluntersuchung hilft bei der Entscheidung was zu tun ist. Zu tun ist? Na ja, bei einem männlicher Fötus erübrigt sich die Diskussion, aber bei einem Weiblichen???

Per definitionem verfügen Ärzte über ein ausgeprägtes ethischen Bewußtsein und hohe Moralvorstellungen. Dementsprechend ist auch der in der Tagespresse verbreitete Werbeslogan „Lieber 50 Rupien jetzt als 50.000 Rupien, wenn es zu spät ist", natürlich neutral zu sehen! Ich hatte das Vergnügen, vor einigen Wochen eine Fernsehdiskussion zu diesem Thema miterleben zu dürfen. Die Argumente entsprachen weitgehend denen einer Debatte im Westen, wenn auch die gegensätzlichen Positionen viel schärfer und akzentuierter herausgearbeitet wurden. Da hier aber Inder diskutierten, die von dem deutschen Unwesen in Talk Shows und Podiumsdiskussionen, dem anderen ins Wort zu fallen und zu schreien nicht infiziert sind und sich (undeutsch) auch vor laufenden Kameras zivilisiert benehmen können, war die Sendung interessant und spannend. Das Meinungsspektrum reichte von der Forderung nach schlichtem gesetzlichen Verbot jeglicher medizinischen Diagnostik, die eine pränatale Geschlechtsbestimmung erlaubt, bis zur uneingeschränkten, selbstverantwortlichen Befürwortung. Der Fokus der Gegner konzentrierte sich, wie zu erwarten, auf die Ethik, wobei, Politiker typisch, eine deutliche opportunistisch-politische Komponente mitschwang.

  • Die Abtreibung ist ein Tötungsdelikt, das grundsätzlicher Ahndung bedarf oder, wenn überhaupt, nach striktester medizinischer Indikationsstellung (vielleicht) diskutabel ist
  • Schon die Vorstellung, selektiv weibliche Föten abzutreiben, setzen Würde und Wert der Frau herab.

Interessant, letzteres Argument war im Repertoire sowohl der extrem Konservativen als auch liberaler Kreise gleichermaßen enthalten, interessant deshalb, weil die rechten Nationalisten im allgemeinen die Bedeutung von Religion und Tradition herauskehren und sich gerne auf den Inhalt der Manutexte beziehen. Schade für sie, diesmal paßte es nicht, also mußte man, Brahma wird's verzeihen, die Argumentation einfach umdrehen. (Sie sehen, die Globalisierung war unter den Politikern am schnellsten und erfolgreichsten). Die Manutexte wurde aber nicht ausgespart, wenn sie auch diesmal von der Gegenseite, den (konservativen) Liberalen als Waffe benutzt wurden; es bot sich an, die Rechten vorzuführen und ihnen ihre opportunistische Doppelmoral unter die Nase zu reiben. Die Ärzte, beide Seiten waren in der Diskussionsrunde vertreten, bekamen auch ihr Fett ab, und das nicht zu wenig. Die Transplantationsskandale, die von der internationalen Presse kräftigst und berechtigt breitgetreten worden waren zusammen mit dem oben zitierten Werbeslogan ergaben Munition genug, Raffzahn Arzt einmal wieder an den Pranger zu stellen.

Die Gegenseite, also die Befürworter einer pränatalen Geschlechtsbestimmung hatten wirklich keinen leichten Stand, wurde ihnen doch immer wieder vorgeworfen, sie würden das Selbstbestimmungsrecht der Frau nur als Vorwand benützen um ihr Ziel, die Abtreibung weiblicher Föten zu erreichen. Die wahren Vertreterinnen weiblicher Emanzipation, denen es wirklich um weibliches Selbstverständnis, ihre Würde, ihr Selbstbestimmungsrecht ging, verhallten in diesem Chor fast ungehört. Es wird ein langer Weg werden, in dieser komplexen, von so unterschiedlichen Traditionen und Wertvorstellungen geprägten hinduistischen/moslemischen/ sufistischen/jainistischen/sikhistischen Gesellschaft einen Konsens zu finden.

Zurück zu unserer Hochzeit. Die Honoratioren waren am Einmarsch, der Bräutigam unter einem Baldachin in der Mitte. Der Bräutigam alleine? Klar, in konservativen Kreisen hätte er bis heute seine Braut noch nie gesehen. Diese Zeiten scheinen allerdings wirklich vorbei. Zumindest kennenlernen dürfen sich die beiden, natürlich im Beisein eines Dritten. Moderne Inder lassen den Partnern dann auch das letzte Wort, obwohl der Wunsch der Eltern enormes Gewicht hat (ich liebe sie/ihn aber nicht, dürfte wenig zählen). Die Hochzeitsempore füllt sich, der Priester, die Eltern beider Partner, die Trauzeugen und der Bräutigam. Aufklärung über die Phasen des Lebens, ihre Bedeutung, ihre Erfüllung, die Bedeutung der Ehe, Rechten und Pflichten - drei Stunden lang! Wie gesagt, Bräutigam und Trauzeugen sind Europäer, aber ihrer Mimik und dem Erfüllen ritueller Handlungen nach zu schließen verstehen sie, was der Priester ihnen vermittelt. Die Trauzeugen spannen ein großes Tuch, der Bräutigam verschwindet dahinter. Klassische indische Klänge auf Sitar, Shenai und Tabla, heiliger Rauch steigt auf und die Braut wird auf die Empore geleitet, vom Priester empfangen, erhält ein kurzes Seil (das Pendant zu dem, das auch der Bräutigam in Händen hält) und wird vor den Vorhang geführt. Shoot, shoot, shoot, so mein Begleiter, this is the most important moment of the ceremony! Der Vorhang fällt, ein wildes Durcheinander, ich drücke ab, schieße (f = 2.8 bei 1/15 Sekunde, „tolles" Ergebnis), das Paar ist gebunden, der Bund fürs Leben symbolisch geschlossen, die Eheschließung vollzogen. Eigentlich ein wunderschöner Ritus, die beiden Partner müssen den jeweils anderen mit ihrem Seil fangen, umschlingen und halten; diese Bande werden sich dann nie mehr lösen. Es folgt die Unterweisung der Ehefrau; keine Ahnung ob des Inhaltes aber eines meiner Fotos zeigt die hinter der Braut stehende jüngere Schwester mit hochkonzentrierter, gespannter Miene, als ob es z.B. um das Horoskop der Ehe ginge. Auch hier hoffe ich auf die Zukunft, um mehr sehen, hören und lernen zu können.

Die vorgesehene Route für die nächsten Tage ist identisch mit der, die ich schon früher beschrieben habe. Von Jaipur aus nach Süden (Ajmer, Puschka), nach Nordwesten (Jodhpur), nach Westnordwest (Jaisalmer), nach Süden (Barmer, Sanchore), nach Osten (Palanpur), nach Süden (Mahesana) und, um den Kreis wieder (fast) zu schließen, nach Nordosten (Udaipur). Aber erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Fast am Ziel des ersten Tages noch einmal ein Leckerbissen, der wirklich nur in Indien funktioniert. Wir fahren durch Puschka. Dem alten Labs hat das Hotel nicht gefallen (habe es schon einmal betont, bin schon etwas älter, sehe nicht mehr so gut, habe aufs falsche Haus geschaut), Tochter Heike wollte es wenigstens ansehen aber Papi ist stur und fährt weiter Richtung Innenstadt, was nicht sonderlich schwierig ist, da es nur eine Straße gibt. Diese aber wird enger und enger, wir müssen uns zwischen abgestellten Autos und Rikschas durch die Fußgängermenge hindurch schlängeln. Rokala wird von Jugendlichen lautstark begrüßt, denn so ein Ungetüm hat sich hier lange nicht mehr hinein verirrt. Dementsprechend angeheizt und euphorisch fahre ich an der einzigen Möglichkeit zu  wenden vorbei. Mut zur Lücke! Wenn's aber keine Lücke mehr gibt? Nach ein paar hundert Metern war's dann soweit, es langte weder in der Breite noch in der Höhe. Steckengeblieben, dumm gelaufen. Ca. 400 Meter im Rückwärtsgang in Schlangenlinie durch die Hindernisse, wäre eine gute Fahrschulaufgabe, ich war nicht allein auf der Straße, alle hinter mir mußten den gleichen Weg zurück, sozusagen ein Rückwärtskonvoi, zum Ausweichen war's viel zu eng. In Deutschland hätten mich die Passanten gesteinigt, die Autofahrer tot gebrüllt und die Polizei wegen totaler Verkehrsblockade und groben Unfugs verhaftet, so sicher wie das Amen in der Kirche! Hier in Indien: Gejohle, Gelächter, ein Spaß, den man sich nicht entgehen ließ, und keiner half! - falsch, alle halfen, aber auf wen sollte man hören? Fünf Minuten später waren wir draußen, wohlbehalten - Handschlag mit unserem Haupthelfer. Ein einziger Passant hatte sich beschwert und das war ein Europäer der fürchtete, wir würden ihm über den Fuß fahren; stand einen guten Meter von Rokala entfernt und dachte gar nicht daran, sich von der Stelle zu bewegen, die Inder waren alle auf Tuchfühlung.

In der folgenden Nacht hat's mich dann erwischt, die gesamte Planung für Heike Makulatur? Schüttelfrost, hohes Fieber und was sonst so dazugehört. Levofloxacin war für die Katz (nein, habe es schon selbst geschluckt), Amoxicillin + Clavulansäure haben mich dann langsam wieder aus dem Loch heraus krabbeln lassen. Wenn man aber drin sitzt, wird's auch psychisch etwas enger - was, zum Teufel, mache ich hier in Indien? Hat 8 Tage gedauert bis ich mich überhaupt wieder in der Lage sah, hinterm Steuer zu wirken, leintuchfarben und schlapp, schlapp, schlapp, von Ajmer direkt nach Udaipur. Und Heike? Urlaub zu Ende? War sehr lieb, ist bei mir geblieben solange das Fieber hoch war und der Alte unter allen Decken, die er auftreiben konnte, herumschüttelte. Ist aber nicht so schnell klein zu kriegen, die Kleine. Was, das Taxi steht? OK. - nehme ich halt den Bus. Hat auf diese Weise sicherlich mehr und anderes zu sehen bekommen, von den sozialen Kontakten mal ganz zu schweigen, als dies mit Rokala möglich gewesen wäre. Hat in den kleinsten Innenstadt Havelis mit den wohl schönsten Dachterrasse gehaust und hat einen Sack voll Menschen- insbesondere aber Frauenportraits mitgebracht, an die ich als Mann nie herangekommen wäre.

Udaipur

08.01.2007, 12:00, die Nachrichten, zuerst das Wichtigste:

  • Gott im Himmel, ist das kalt
  • Wir logieren im Hotel und trinken abends Bier im Paradies (Rokala mit laufender Heizung)
  • Heike schießt wettbewersgewinnträchtiges Bild: ihren Vater im Hotelzimmer, mit zwei
    übereinandergezogenen Hosen, seinem dicksten Pullover und darüber einen
    wattierten Skianorak

Die Nachrichten im Einzelnen: Objektiv gesehen war das mit der Kälte gar nicht so schlimm, die Abendtemperaturen lagen bei 10°C, aber im Hotel war's lausig zugig und grausig naßkalt, so ganz wiederhergestellt war ich wohl auch nicht - kurz, ich habe wirklich in meinem Leben noch nie so gefroren. Da aber auch Heike sich bibbernd nach Rokala's Heizung sehnte, war's vielleicht doch mehr als nur Einbildung.

Udaipur zeigte sich auch beim zweiten Besuch so eindrucksvoll, wie beim ersten. Der Stadtpalast, die Tempel, der Bazar, der See im Abendlicht, nichts hatte eingebüßt, nichts war langweilig. Im Stadtpalast hatten wir uns diesmal einen Führer genommen, einen älteren Herren, 65, also so meine Altersklasse, lagen spontan auf der gleichen Wellenlänge; er machte seine Führung und erzählte nebenbei aus seinem Leben. Der Vater war noch Fahrer beim Maharadscha gewesen - Rolls Royce - er hatte als Kind und Jugendlicher den Hofstaat, die Unabhängigkeit, Elephantenkämpfe und Udaipur ohne Touristen miterlebt und konnte einfach herrlich erzählen. Was für ein Unterschied zu einer „normalen" Führung.

Heike ist abgeflogen - will Delhi noch für einen Abend unsicher machen und morgen nach Frankfurt weiter fliegen. Traurig - Urlaub zu Ende, ich bin wieder allein (man kann sich an Gesellschaft verflucht schnell gewöhnen). Beschließe der Kälte zu entfliehen und meinen Standort 1600 km nach Süden zu verlegen - auf nach Goa!