Selbstreflektion - ein Versuch wenigstens

 

 

Es war noch nie schwierig, Katastrophenszenarien zu zeichnen und beliebt ist es außerdem, man braucht nur einen oberflächlichen Blick auf die Medien zu richten und schon wird das Bedürfnis befriedigt, es bringt Quoten, es bringt Geld, schnelles Geld, viel Geld, hinterfragt werden die Schlagzeilen selten, warum auch, die Medien berichten uni sono, wie auch, trotz Informationsflut wird die Trennung von Fakten, Interpretationen und Gerüchten immer schwieriger, aufwendiges Recherchieren ist aus der Mode gekommen.

Seit nun mehr 14 Monaten reise ich in diesem Subkontinent der Gegensätze, der Widersprüche, der Schlagzeilen und Katastrophen, der Armut, des unermesslichen Reichtums, der Menschenverachtung und einer Lebensphilosophie, die Aussteiger, Intellektuelle, Suchende nach dem Sinn des Lebens wie Esoteriker gleichermaßen seit jeher magisch anzog, die Wahrheit zu erfahren, und die in der gelebten Realität an Grausamkeit und Menschenverachtung kaum zu überbieten ist - meine Hass/Liebe Indien. Umso länger ich hier lebe, um so weniger verstehe ich es, dieses Indien, und komme trotzdem immer wieder. Wegen des Nobelpreises? Des Nobelpreises, so Jairam Ramesh, Minister für Forstwirtschaft und Umwelt, den Nobelpreis für Filz und Dreck? Unsere Städte gehören zu den schmutzigsten der Welt, so der Minister, wenn es dafür einen Nobelpreis gäbe, er wäre Indien sicher. Und billig ist dieser Dreck auch nicht, kostet uns immerhin zwei Milliarden Rupien im Jahr und 800.000 Tote, Umwelttote, verstorben in den Dunstglocken der Städte und der Industrie, an verseuchtem Trinkwasser, zu Grunde gegangen an verhinderbaren Krankheiten. Ehrliche Worte aus dem Munde eines Ministers, aber da kann man denn ruhig auch einmal ehrlich sein, er hält „GREEN INDIA 2047" in den Händen, den Report des Indian Energy and Resources Institutes, der aufzeigt, wie Indien von einer Kloake zur grünen Insel wird, bis 2047, aber bis dahin hat es ja noch etwas Zeit.

Nein, wegen dieses Nobelpreises bin ich nicht in Indien. Vielleicht schon eher wegen der Bhagavad-Gita, dieses heiligsten Buches aus den heiligen Schriften Indiens, den Veden, das ich lese und lese und doch nicht verstehe, das im Stile des alten Testamentes Leben pur bietet und zwischen den Zeilen doch soviel Wahrheit enthält, wäre ich denn nur etwas weiser.
Oder ist das auch nur eine Ausrede vor mir selbst, klänge ja schön, wäre ja schön, wenn ich etwas zurückbringen könnte von diesen Reisen, etwas, das mich mir selbst näher brächte, das mir gehört, etwas spirituelles, das tief in mir Zufriedenheit schaffen würde. Oder ist es nicht viel eher die schiere Sensationslust, dieses vor Kraft berstende Indien, das in Dreck, Filz und Korruption zu ersticken scheint, das trotz Zwangssterilisation und Notstandsgesetzgebung zu Zeiten Indira Gandhis heute wieder eine Bevölkerungswachstumsrate aufweist, die einen zum Himmel blicken und fragen lässt, wohin das alles führen und wie dieses Volk in Zukunft ernährt werden soll, ohne sich mit Streitaxt, Donner und Schwefel neuen Raum zu schaffen.

Neugierde gepaart mit Sensationslust, fein getarnt hinter kulturellem Interesse am Lande, irgend so etwas muss es sein, dass mich immer wieder nach Indien treibt, zu sehen, zu riechen, zu fühlen, wie sich dieses Leben, diese Gesellschaft entwickelt, Konflikte austrägt oder löst, der Globalisierung, zumindest ob deren Konsequenzen, entrinnt oder unterliegt.
Vor zehn Jahren noch stürmten hinduistische Traditionalisten die erste McDonalds Filiale in Bangalore und legte das Etablissement in Schutt und Asche, den Schwestern in Delhi und Mumbai ging es nicht viel besser. Die Polizei soll anwesend gewesen sein, konnte aber leider erst eingreifen, als die Trümmer schon rauchten, heute, einen Pulsschlag der Geschichte später, esse ich mit Vergnügen einen „Paradies Burger", strikt vegetarisch, der Kultur des Landes wird Rechnung getragen, für 150 Rupien, dem Dreifachen des Mindestlohnes eines Arbeiters, und in einem Vorort von Bangalore genieße ich einen Cappuccino mit einem frischen Croissant.

In Deutschland würde man wohl meinen Geisteszustand hinterfragen, als ich mich zu einer Gruppe Jugendlicher setze, hier aber werde ich mit „hi uncle" begrüßt, was ich hier mache, wie ich ihr Indien finde will man wissen, und ich möchte wissen, was sie trotz Coca Cola noch von der Bhagavad-Gita wissen und höre zu und staune als mir vieles, was trotz aller Bemühungen unklar geblieben war, von diesen jungen Studenten so ganz spontan erklärt wurde. Noch lebt die indische Tradition in diesen Jugendlichen, möchte nicht wissen was ich in Europa zur Antwort bekommen hätte, hätte ich spontan nach dem Inhalt des neuen Testamentes gefragt, noch gehören die alten Mythen, die alten Schriften zur Allgemeinbildung, noch werden sie zwischen den Generationen vermittelt, noch hat, bei aller Hektik, die auch hier das moderne Leben prägt, die Religion ihren Stellenwert, einen grundlegenden, einen Basisstein des Lebens; und das trotz Globalisierung, Kommerz, allüberall gegenwärtiger Werbeplakate, Coca Cola, McDonalds und Cappuccino.

Was sie von den Call Centers in Delhi, Mumbai, Bangalore und Chennai halten, 12 Stunden Schichten, regelmäßige Nachtarbeit um die Zeitdifferenz zum Hauptkunden, den USA auszugleichen, nur um von Indien aus einem Geschäftsmann in New York ein paar Theaterkarten zu bestellen oder der depressiv übergewichtigen Mummy aus Georgia einen Termin beim Psychiater zu vermitteln, das ei doch schlicht pervers, ein extremer Auswuchs der Globalisierung. Kiran, 24, westlich gekleidet, elegant, das schwarze Haar keck kurz gestutzt lacht, sie hat es versucht, zwei lange Jahre lang. Pervers schon, aber was sollen wir machen, gutes Geld, ich studiere Informatik, auch in Indien regnet es kein Geld vom Himmel, in Indien schon gar nicht, meine Eltern sind einfache Leute, man braucht keine spezielle Ausbildung, wird drei Monate lang trainiert, auf die üblichen Fragen, den amerikanischen Akzent, auf die Informationsquellen, man sei stolz den Job ergattert zu haben, die Konkurrenz, das Angebot sei riesig, aber..... Aber, Kiran ist ernst geworden, länger als zwei Jahre seien nicht drin gewesen, die Nachtarbeit, der Stress, die Schlafstörungen die gekommen seien, die Familie, die sie nicht habe verstehen können, das parallele Studium. Viele hätten viel früher aufgegeben, viel länger würden es sehr wenige aushalten. Schon pervers, eigentlich, wirklich pervers. Und dein Traum Kiran? Die Antwort kommt schnell und ohne viel zu überlegen, alle scheinen den Gleichen zu haben, alle nicken, „Infosys", eine der großen Erfolgsgeschichten Indiens, erst 1981 als Hinterhofsgaragensoftwareschmiede gegründet, heute prägt das Unternehmen einen eigenen Stadtteil im Süden Bangalores, "Electronic City", so weisen die Straßenschilder aus, 32 Hektar, 70.000 Angestellte, Software für Airbus und Boeing, sieben Restaurants auf dem Firmengelände, Fitnessstudio, Golfplatz, Meditationszentrum, Kirans Augen leuchten, das wäre aller Mühe wert! Und, wage ich einzuwenden, das mittlere Alter der Angestellten (habe ich wenigstens gelesen), 26, bist du nicht jetzt schon zu alt? Ist das nicht amerikanischer als amerikanisch, hire & fire trotz aller Ausbildung, trotz aller Bemühungen? Kiran hat große, dunkle Augen, sie nennt mich jetzt „Baba" (Opa), und wo bitte liegen die Alternativen? Du hast gut reden in deinem Alter. So ganz ohne Auswirkungen scheint die Globalisierung doch nicht an Indien vorbeizuziehen.
Ich wünsche diesen jungen Leuten von Herzen viel Glück!

Zwei Stunden später bin ich wieder draußen, Bangalore liegt hinter mir, ländliches Indien mit Spitzhacke und Ochsenkarren, kein Cappuccino, kein PC, 50 Rupien Mindestlohn, Armut. Und doch liegt hier eine der Antworten auf meine Frage. Das was ich hier erlebe sind unterschiedlichste Welten, durch Wurmlöcher mit einander verbunden, das was ich hier sehe, fühle, erahne ist ein wenig Geschichte, die sehr schnell, sehr dramatisch geschrieben wird; wo sonst, denn in Asien, kann man so etwas miterleben?

Ich krame einige Zeitungsartikel hervor, die ich schon geraume Zeit mit mir herumschleppe. Die Monsanta Geschichte, eines der verheerendsten Beispiele von Profitgier, Kommerz, Verantwortungslosigkeit, die im Namen der Globalisierung hier in Indien geschrieben wurde. Es geht um Bauern, Saatgut, Dünger, Pestizide, Schulden und Tod und um sehr viel Gewinn. Die Baumwolle ist ein sehr empfindliches Pflänzchen, den asiatischen Baumwollkapselwurm mag sie gar nicht, noch mag sie Trockenheit oder zu große Feuchte, nur das steuern die Götter mit ihrem Monsun, den sie jedes Jahr schicken oder der auch mal ausbleibt, dann wird es sehr heiß und sehr trocken in Zentralindien im Juni, im Juli und im August. Und wenn der Lebensspender versagt, die Götter nicht wohlgesonnen sind, den Bauern die Ernte auf den Feldern verkommt, dann helfen die westlichen Götter mit neuem Saatgut, das viel resistenter ist gegen Trockenheit, Feuchte und den Baumwollkapselwurm. Und natürlich viel bessere Erträge und damit den Wohlstand garantiert, für die Ärmsten der Armen, den Bauern von Maharashtra, dem größten Flächenstaat Zentralindiens. Die neuen Götter sind verlässlich, man braucht nicht zu ihnen zu beten, nicht zu opfern, und wenn wirklich, am Saatgut kann es nicht liegen, die Pflanze doch einmal und wider jegliches Erwarten von einem Schädling befallen werden sollte, dann liefern sie gleich das Beste aller möglichen Pestizide mit. So hilfreich sind die neuen Götter, nur, das Gute hat seinen Preis und in den Erfolg muss investiert werden, soll er denn kommen und anhalten, marktwirtschaftliche Prinzipien muss man erlernen, sofern man sie nicht kennt und woher sollten die illiteraten Kleinstbäuerlein Maharashtras diese schon kennen.

Und wo Erfolg winkt, winkt Hilfe in Form von Banken und Geldverleihern, die erst einmal vorstrecken, was der Erfolg verlangt. Und wie das mit den modernen Märchen so ist, entwickelte sich auch dieses. Das Saatgut trug doch nicht so wie es sollte und war auch nicht so resistent, selbst wenn man literweise Pestizide darüber kippte und der Boden wurde ausgelaugt und trug kaum noch und der „American Bollworm", wie man ihn inzwischen hier nannte, blühte und gedeihte. Und den Bauern blieb keine Ernte aber sehr viele Schulden und Monsanto hatte verkauft und die Geldverleiher freuten sich und der Staat schaute zu; wir leben schließlich in einer (fast) freien Marktwirtschaft, auch hier in Indien.

Surkhvinder Singh wurde 32, bevor er die Pestizide nicht mehr auf seine Pflanzen kippte sondern selbst trank. Er hinterließ Vater, Mutter, Frau und drei Kinder. Surkhvinder war fleißig und erwirtschaftete 100.000 Rupien im Jahr, eine beachtliche Leistung. Er hinterließ eine erdrückende Schuldenlast von 800.000 Rupien. Ramchandra Gohokar wurde 48, auch er trank Pestizide wie Vithobe Wate (34), B.J. Jayanna (59) erhängte sich, Armarchand Rajput (50) suchte den Freitod vor einem Zug. Sie alle hinterließen Schuldenberge, die niemals tilgbar sein werden. Mehr als 3000 Bauern sind es seit 2005, die sich allein in Maharashtra umbrachten. Erhängt, vor dem Zuge, vergiftet in hoffnungsloser Ausweglosigkeit. Massenselbstmord als Protest? Es scheint wenige zu kümmern; nur einige Hundert Kilometer vom Tatort des Geschehens entfernt liegt Mumbai, die wohl boomendste Metropole Indiens und Hauptstadt Maharashtras. Business as usual, auch das ist Indien, Selbstmord?
Schlechtes Karma, niedrige Kaste, selbstverschuldet in früheren Leben, hat so kommen müssen! Nächstenliebe, Mitgefühl, eher selten, business as usual.

Wie man in einem solchen Land leben, reisen, sich wohlfühlen kann? Überall sind Kinder, die lachen, winken, spielen, die wunderschöne Augen haben und mit Begeisterung in Kameras blicken, überall sind junge Menschen die aufzeigen, dass sie weiter wollen, überall sind blühende Bäume, Bourgainville, Farben, Gerüche, Vielfalt, überall sind Tempel, ist Geschichte, Tradition, Indien brodelt vor Kraft.