Rupies, Rupies

 

 

Es gibt da ein kleines Büchlein mit dem viel versprechenden Namen „Kulturschock Indien", das die Reisenden auf das vorbereiten soll, was sie denn in der Fremde erwartet und vielleicht, wenn denn gründlich gelesen und auch ein wenig verstanden, die Auswirkung der Schockerkrankung lindern könnte; vorausgesetzt, dass man das überhaupt möchte.  Goa ist nicht Indien, dieser Satz, aus Touristenmunde immer wieder vernommen scheint ausreichend, dem Kulturschock zu entgehen, die Medizin ist einfach und billig, nicht apothekenpflichtig und braucht weder geschluckt noch geschnupft zu werden; Ignoranz heißt das Mittel und scheint in Gepäck vieler Indienreisenden in ausreichenden Dosen vorhanden.

Mein Wohnmobil steht direkt am Strand, ich hatte mich am frühen Morgen mit meiner Kamera bewaffnet auf einen Spaziergang begeben, der Strand ist leer, paradiesisch, die Auslegerboote der vom Morgenfang zurückkehrenden Fischer lassen sich von der mit der Flut anlaufenden Dünung an Land treiben, Netze werden getrocknet, gefaltet, repariert. „Rock Fisch, King Fisch, White oder Black Snapper" im ganz frischen Angebot, wer zuerst kommt malt zuerst und für den halben Preis, in zwei Stunden kann ich die gleichen Leckereien für das Doppelte im Fischmarkt erwerben. Eine Gruppe von Motorrollern hat sich am Wagen versammelt, das Interesse gilt nicht, wie sonst so häufig, dem ausländischen LKW Exoten, nein, viel spannender und wohlgeformter sind die bloßen Rundungen, die sich da am Strand präsentieren, auch ein Schamhügelchen wird feilgeboten, die Party der letzten Nacht lässt grüßen. Goa ist nicht Indien, oder doch?

Wochenende ist Partytime, die Strände werden von Menschenmassen geflutet, von denen, die hierher gehören, die hier wohnen, die ein Anrecht haben auf ihr Indien; wie sehr sich ein Bild innerhalb von Stunden ändern kann. Modeschau am Strand, indische Haute Coiture, golddurchwirkte Saris, rot, gelb, kräftige Farben, die weich geschnittenen Gesichter, das lange schwarze Haar, in dem der Wind spielt, dazwischen auch schon einmal Jeans und T-Shirt, schließlich leben wir auch hier nicht hinter dem Mond, oder auch einmal ein westliches Kleid, Goa ist nicht Indien, 40 % der Bevölkerung bekennen sich hier zum christlichen Glauben, sind westlicher orientiert und ein wenig portugiesisch geprägt, die Unabhängigkeit ließ schließlich 14 Jahre nach Gründung der indischen Förderation auf sich warten. Ein wenig fühle ich mich an Canberra erinnert, ist viele Jahre her, dass ich mich dienstliche Gründen in diese so ländliche, britisch geprägte Hauptstadt Australiens trieben; mein Flug landete an einem Sonntagnachmittag, ich kam gerade recht zum „Five o'clock tea" im Hotel, das Bild das sich mir bot hätte auch gut ins provinziellste England passen können; aber damit endet auch schon die Parallele. Ja man ist konservativ in Indien, auch hier in Goa, Saris, T-Shirts, Kleider sind hochgeschlossen, Rundungen gibt es wohl zu bewundern aber, eigentlich doch viel attraktiver, wohl verhüllt unter eng anliegendem Stoff.

Und da ist Afrika, da ist das, was mich immer faszinierte am schwarzen Kontinent, die Unbekümmertheit, die kindlich anmutende Fröhlichkeit, das spontane Lachen. Liegt es an den vielen Kindern, die überall herumwuseln, die graben, spielen, schreien, lachen, die Erwachsenen benehmen sich auch nicht sehr anders, liegt es an den 12 Stunden Sonne am Tag, der Karibik anmutenden Flora, den tropischen Temperaturen. Ein wenig wohl schon, denn so ausgelassen habe ich Indien sonst selten erlebt. Goa ist eben doch anders! (?)

Das sagt auch Selso Fernandez, der in der dritten Generation in Goa lebt und ein kleines Touristenrestaurant am Strand betreibt, wir sind stolz darauf etwas anders zu sein und irgendwie kommt man ja gar nicht umhin, von den Touristen geprägt zu werden, wir leben nicht nur mit sondern von ihnen, ohne sie wäre der winzige Bundesstaat Goa nicht überlebensfähig und längst von einem der großen Nachbarstaaten geschluckt, wir haben eine gemeinsame christliche Tradition, einige unsere christlichen Schulen zählen zu den Besten im Lande, sollen wir das alles aufgeben? Ich konnte weder englisch noch kochen (und was Selso heute so aus seiner drei Flammen Gasküche  an Fisch- und Reisspezialitäten auf den Tisch zaubert verwöhnt Auge, Nase und Gaumen und gehört zum Leckersten, was mir in Indien je kredenzt wurde), habe alles als Autodidakt von den Touristen gelernt, die haben auch schon einmal in meiner Küche gewerkelt und ich habe zugeschaut, soll ich denn nicht dankbar sein, dem Tourismus? Schon verstanden, Selso, aber wo bleibt das „aber", gar kein aber?  Conception mischt sich ein, Ehefrau und resolute Mutter dreier Kinder, wärest du vor 20 Jahren gekommen hättest du auf dem Markt das gefunden, was man brauchte, im Bazar, an den Ständen an der Straße und nicht all den Nippes, Kleider, die niemand anzieht, Sonnencreme, Alkoholika und Drogen, die ganze furchtbare Palette, die überall unter dem Ladentisch erhältlich ist. Und die Parties, geh einmal den Strand entlang, du kannst ihnen nicht entkommen, den Schleppern, wer hat sie gerufen, wir sicherlich nicht, jeden Abend das Gleiche, frag doch Pater Mathew. Diesen, einen grauhaarigen, 62-jährigen Priester fand ich im Zorne, an eine Abordnung seiner Gemeinde gewand, im Zorne nicht auf seine Schäfchen sondern auf die Taxifahrer, die, obwohl so oft ermahnt, in Ermangelung eines Standplatzes ihre Rikschas auf der Straße vor der Kirche parkten und diese Straße, zumindest deren eine Hälfte, gehört nun mal der Kirche. Und, Nächstenliebe hin, Nächstenliebe her, wenn sie da nicht verschwinden, mögen sie denn im Fegefeuer schmoren und das bitte etwas länger! Pater Mathew gehört nicht zu den zahmen Lämmern und überzeugt seine Gemeine, am nächsten Tage in einem goaweit in den Zeitungen berichteten Protestmarsch durch die Straßen und Gassen zu ziehen, was wiederum die Polizei auf den Plan rief und dazu führte, dass Polizei und Gemeinde friedfertig vereint zur Polizeiwache zogen, um dort eine Großkundgebung abzuhalten. Die Taxifahrer waren für zwei Tage verschwunden, standen dann aber wieder, wir sind schließlich in Indien, da wo sie immer standen, auf der Straße vor der Kirche.

Pater Mathew ist bodenständig und, wenn er nicht gerade von Tod und Teufel predigt, voll hintergründigem Schalk und wahrlich nicht ohne Witz. Ob ich die Welt verändern wolle, so käme ich ihm vor mit meinen Fragen, die Antworten lägen doch auf dem Tisch, selbst für ihn als hinterwäldlerischen, konservativen Theologen, wie er sich selbst etwas ironisch bezeichnet, der Teufel habe sie gebracht, die Versuchung, die Globalisierung und das Internet. Natürlich sei der Tourismus ein Problem, ein Segen und eine Plage, die Fischerorte seien nicht mehr wieder zu erkennen, die gewachsenen Dorfstrukturen gehörten der Vergangenheit an und damit auch vieles, was seit Urzeiten die Stabilität dieser Gemeinschaften garantierte, aber das sei in Europa doch nicht anders. Den Tourismus per se zu verteufeln hieße weltfremd zu sein, aber hier schieße „Bambushotel" nach Bambushotel aus dem Boden, mindestens die Hälfte davon illegal, die Behörden und die Polizei Goas gehöre zu den Korruptesten Indiens, die touristische Entwicklung sei geplant, die Zahl der Lizenzen für Hotels, Restaurants, Strandhütten limitiert, zumindest theoretisch, seit Jahren werde darüber diskutiert, dem Wildwuchs einen Riegel vorzuschieben aber passieren würde gar nichts. Rupien, Pater Mathew redet sich in Rage, nur ein paar Rupien bringen in Indien die Exekutive schnell zum Erliegen.

Goa würde in den Händen einiger weniger unverantwortlicher Geschäftemacher verkommen, was hier von Korruption gestützt entstehen würde sei ein Paradies für Pauschalbilligtouristen, mit all den Konsequenzen bezüglich Niveau, Verhaltensweisen, Benimmregeln, Alkohol- und Drogenexzessen. Zwanzig Kilometer von hier gäbe es ein Intercontinental Hotel, ein Ressort, erzählt Pater Mathew lächelnd, der Mindestlohn in Goa sei fast doppelt so hoch wie in anderen indischen Bundesstaaten,  100 Rupien pro Tag (1.20 €), die Zimmerpreise dort beginnen bei 30.000 Rupien pro Nacht, eine für den einfachen Goaner unvorstellbare Welt, aber wenigstens ein Satellit, abgekapselt, sauber, weniger störend. Aber hier in den Fischerdörfern am Strand!

Wissen Sie, ich bin sehr stolz auf unsere Schule, die unserer Kirchengemeinde angegliedert ist. Wenn Sie staatliche Schulen gesehen haben, wissen Sie den Unterschied zu schätzen. Dort fehlen Lehrer nicht weil sie krank wären sondern weil sie so wenig verdienen, dass sie sich nur durch einen Zweitjob über Wasser halten können und das Bildungsniveau, häufig genug nur zum Grausen. Ich werde mit „Guten Morgen Pater Mathew" begrüßt, wenn ich einen Klassenraum betrete, unser Lehrpersonal ist fachkundig und kompetent, ja, konservativ, aber wem bitte soll das schaden? Über 90 % unserer Schüler kommen zu einem Abschluss, Grund genug wirklich stolz zu sein, das soll uns in Indien erst einmal jemand nachmachen und jetzt haben wir die ersten Drogenprobleme, zwar noch vereinzelt, aber vor fünf Jahren wäre das alles undenkbar gewesen. Man kann das auch nicht einfach nur als globalen Trend sehen, selbst wenn die Entwicklung in unseren Metropolen Mumbai und Delhi in diese Richtung weisen, wir leben in einer gewachsenen ländlichen Kultur und sollten immuner sein. Ja, selbst wenn es anmaßend klingen sollte, wir sehen einen Zusammenhang mit dem Verhalten der Touristen, schauen Sie sich doch die Partyszene an, um sich ein Bild zu machen. Wie bitte soll das auf junge, zu formende Persönlichkeiten ohne Einfluss bleiben?

Ich habe es mir angesehen, weit brauchte ich nicht zu gehen, es wurde so zu sagen vor der Haustür serviert, am Overlanderstrand, dem Strand der Weitgereisten. Ein Weihnachts- und ein Silvestermenu, gemeinsames Einkaufen, Vorbereiten, Kochen am offenen Feuer, 15 Europäer, die sehr viel Spaß und Freude miteinander teilten, aber ich war wohl der Einzige, dem die Welt auch so bunt genug schien, um auf eine „Bewusstseinserweiterung" zu verzichten.