Pakistan - Die Festung

Pakistan - Die Festung

 

Das letzte Mal, als ich nach Pakistan einreiste, am 03. November 2007, wurde die Verfassung außer Kraft gesetzt und der Notstand ausgerufen, dieses Mal, auf den Tag genau zwei Jahre später, explodieren Bomben in Rawalpindi und Lahore, 400 Tote, in Quetta und Karachi werden Politiker gezielt erschossen. Der Krieg hat sich verlagert, von Afghanistan nach Pakistan, einem Land 2 mal so groß wie die Bundesrepublik mit 167 Millionen Einwohnern, traditionell gespalten in in sich gekehrten Traditionalismus, westlicher Orientierung, konservativem Islam, liberalen Kreisen und theokratischen- als auch demokratischen Ansätzen. Aufgemischt wird die per se schon explosive Mischung durch das Unabhängigkeitsbestreben der Belutschikken (Nordwest Pakistan) und die Unberechenbarkeit von Taliban und Al Qaida, die, und darüber wird offen in Polizei- und Militärkreisen gesprochen, ihre Hauptquartiere aus Afghanistan nach Belutschistan und Waziristan verlegt und die hochgelegenen Bergtäler des Swat von Touristenoasen in Kriegsschauplätze verwandelt haben. Die deutsche Politik wagt es nicht auszusprechen, aber US Militär und ISAF Truppen waren erfolgreich, völlig unabhängig von der gegenwärtig eskalierenden Sicherheitslage, völlig unabhängig vom Wiederaufbau Afghanistans, um den es in Wirklichkeit und trotz aller verbalen Erklärungen ja auch nie ging, obwohl, und das scheint inzwischen begriffen worden zu sein, es den Schlüssel zur politischen Stabilisierung darstellen könnte, wären da nicht auch noch die Interessen der Warlords und Clans. Vor zwei Jahren wurde auch geschossen in diesem Land, aber man schoss zur Erhaltung eines Status quo, zur Erhaltung des Einflusses von General Muscharraf, der zivile- und militärische Macht in seiner Person vereint hatte, zur Erhaltung einer Balance zwischen den Wünschen und Forderungen konservativ islamischer Kreise und der für die Erhaltung des Staates (und die Ausrüstung des Militärs) essentiellen westlichen Geldgebern. Diesmal geht es um mehr, um sehr viel mehr, in einer weitaus komplizierteren Situation.

General Muscharraf musste gehen, verwickelt in Korruptionsskandale, der willkürlichen Entlassung des obersten Gerichts, der Aussetzung der Verfassung, des atomaren Gemischtwarenladens, den Chefnuklearphysiker Khan wohl nicht ganz ungesehen eingerichtet hatte und der sehr profitabel, wohl auch zum Wohle Nordkoreas und des Iran, weltweit arbeitete. Muscharraf ging und machte Premier Asif Ali Zardari Platz, Muscharraf ging aber nicht sein Geist. Wie sollte der auch, ist er doch seit 1958 zutiefst in der pakistanischen Gesellschaft oder besser deren Eliten verwurzelt. 1958 übernahm das Militär die Macht und hat diese bis heute nicht wirklich wieder abgegeben.

Europäische, westliche Vorstellungen einer Gesellschaftsordnung sind hier fremd, unangebracht, so schwer es uns auch fällt, dies zu begreifen; Pakistan ist eine Welt mit ihren eigenen Regeln. Korruption, Vetternwirtschaft, Bevorzugung von Familie und Clan, Bestechung gehören dazu, genauso wie die Erhaltung von Macht, Einfluss und Vorteil, die aus jahrzehntelanger Vorherrschaft resultieren. Die Fäden für dieses Land wurden seit Staatsgründung 1947 im Hintergrund gesponnen, angesichts dreier Kriege mit dem Erzrivalen Indien und dem Dauerkonflikt um Kaschmir verständlicherweise auf Ebene von Geheimdienst und Militär. Man wurde und wird verwöhnt, die Geldmittel aus US-Quellen flossen stetig, zu wichtig war dieser Alliierte, als Gegenpol zur Sovietmacht in Zentralasien, zur Ausbildung von Milizionären nach der sovietischen Invasion Afghanistans und zur Eingrenzung des Taliban- und Al Qaida Problems in heutiger Zeit. 75 Milliarden Dollar für die nächsten fünf Jahre stehen gegenwärtig auf der Liste der vom US Kongress zu genehmigenden Geldmittel; und trotzdem, die fetten Jahre scheinen vergangen. Man war so daran gewöhnt, dass die Quellen unkontrolliert flossen, es war zu schön zweckgebundene Mittel zu missbrauchen, um Armee und Geheimdienst aufzurüsten, wen interessierte schon
Al Qaida, Indien war der Gegner. Allein unter der George W. Bush Administration verschwanden auf diese Weise angeblich 11 Milliarden von für den Antiterrorkampf bestimmten USD.

Und man darf es dem Geheimdienst wirklich nicht verübeln, es galt schließlich die Balance zu erhalten, das Staatsgleichgewicht sozusagen, die USA waren bei weiten Teilen der Bevölkerung in den Ruf geraten, sich Pakistans Dienste nur zu erkaufen, ohne eigentliches Interesse am Lande, mit einer willfährigen Regierung als Handlanger. So wurden denn Terroristen ausgebildet, vom Geheimdienst, konservative, fundamentalistische Kreise beruhigt und gleichzeitig die Notwendigkeit kontinuierlich fließender Antiterrorgeldmittel sichergestellt. Das Spiel, das hier auf verschiedenen Ebenen gespielt wurde, gehört wohl mit zu den undurchsichtigsten Bühnenstücken des letzten Jahrhunderts.

Der Ruf der USA ist mit steigender Truppenstärke auf pakistanischem Boden nicht besser geworden, radikale, Al Qaida nahe Fraktionen der Taliban behaupten sich erfolgreich und bestimmen die Schlagzeilen der Tagespresse, Quetta, die Hauptstadt Belutschistans gleicht einer Festung, in Waziristan wurde offiziell und mit Zustimmung der pakistanischen Zentralregierung, das westlich orientierte Rechtssystem ausgesetzt und die Scharia eingeführt, im so idyllischen Swat Tal liefern sich Taliban, Al Qaida und Regierungstruppen erbitterte Gefechte. Und die Bevölkerung? Sie steht der Sachlage wohl genauso hilflos gegenüber wie die Regierung Zadari in Islamabad. Nicht das irgendjemand glauben würde, dass Taliban und Al Qaida sich einen weitergehenden Einfluss auf größere Teile der pakistanischen Gesellschaft sichern könnten, nein, dies wohl nicht, aber es geht um etwas viel brisanteres.
Al Qaida hat an Boden verloren, ihre Basen in Afghanistan weitgehend zerstört, viele Führungskader durch ISAF Truppen und Spezialeinheiten getötet, die Terrorinfrastruktur geschwächt. Aber dies alles ließe sich ändern, recht einfach, denn dieses chaotisch zersplitterte Pakistan besitzt Atomwaffen - welch eine Versuchung!