Mumbai

Mumbai

 

Indien ist fern, uns fremd, wenig einschätzbar, Stoff für Träume, voller Dynamik, eine wachsende Wirtschaftsmacht, Ärgernis in Kopenhagen, ein Subkontinent mit eigenen Regeln, ein Subkontinent mit eigenem Hass.

Zu häufig hat man sich überfallen, gemordet, unterdrückt, der eigenen Werte beraubt, moslemische Invasoren aus Zentralasien und hinduistische Königreiche, als das dies, über Jahrtausende, nicht prägen würde.

Als Indien 1947 unabhängig wird soll ein Schlussstrich gesetzt werden unter die Gewalt, aus Indien wird Indien und Pakistan, aus Pakistan schließlich Pakistan und Bangladesh, aber der gefeierte Neubeginn beginnt mit einem Trauma, als Züge voll von hinduistischen Extremisten gemeuchelter Moslems die neue Grenze passieren. Und die Umsiedlung der Moslems bleibt unvollständig, warum muss, warum soll man das Land seiner Eltern und Ahnen verlassen?

Extremisten hassen Frieden, den fehlenden Nährboden für die Aufzucht ihrer Brut, die fehlende „Begründung" für Gewaltexzesse, und so sucht und findet man Gründe, den Hass weiter zu tragen, Moscheen einzuäschern, die an heiligen hinduistischen Orten errichtet wurden (und was ist in Indien schon nicht heilig?), im Gegenzug Tempel zu zerstören, einen unseligen Kreislauf zu erschaffen, der sich selbst am Leben erhält. Religionskonflikte sind wahrlich nur ein kleiner Teil des indischen Gewaltszenarios, das die Schlagzeilen bestimmt. Maoisten, Kommunisten, Rechtsextremisten und nicht zuletzt die Lebensbedingungen selbst, die für die Ärmsten der Armen gelten, tragen ihr Scherflein bei; aber in dieser Geschichte geht es um Religion, um die Religion und die Geheimdienste. Nicht das man von Gewalt viel merken würde, im täglichen Leben, Schlagzeilen werden zur Kenntnis genommen, man lebt, man liebt, man isst wie sonst wo auf der Welt, vielleicht eine Spur mehr Fatalismus, in diesem brodelnden Lebenskessel Indien.

Seit 10 Tagen hat sich die Welt verändert, ein Name ist in aller Munde, prägt die Schlagzeilen der indischen Medien aller Couleur: David Coleman Headley alias Daood Gilani, 49, amerikanischer Staatsbürger pakistanischen Ursprungs, vom FBI in den Staaten verhaftet und der Drahtzieherschaft der Anschläge angeklagt, die Mumbai (Bombay) Ende November 2008 für drei Tage in Atem hielten und mit 166 Toten endeten. Man muss es in der Historie dreier indisch/pakistanischer Kriege sehen, im Kontext mit dieser uralten Feindschaft, um zu verstehen, welche Rolle diese Geschichte in Indien spielt und warum alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, den Hintergrund des Dramas zu erhellen. Die Geschichte vermittelt den Stoff eines Krimis, die Brutalität des Djihad und einen Einblick in die unsägliche Welt der Geheimdienste.

Headley, selbst von seiner Mutter als schizoide Persönlichkeit beschrieben, die westliche Werte und moslemische Grundsätze nie hatte vereinen können, wird 1987 zum ersten Mal aktenkundig, als er am Frankfurter Flughafen wegen Drogenbesitzes verhaftet, an die US- Drug Enforcement Administration (DEA) überliefert und in den Staaten vor Gericht gestellt wird. Fünfzehn Monate Haft und fünf Jahre Bewährung resultieren, ein für die USA extrem mildes Urteil, der erste Akt des eigentlichen Spieles musste damals schon begonnen haben. Die Bewährungsauflagen für einen deutschen Strafgefangenen sind hart, die in den USA nicht minder, für David Coleman Headley schien dies alles nicht zu gelten, er durfte reisen, reiste nach Pakistan mit Wissen und Genehmigung der zuständigen Richterin Carol Amon. Zwei Monate nach dem 11. September und zwei Jahre vor dem Ende der Bewährungsfrist wurde diese offiziell aufgehoben.

Im November 2001 sind die Kontrollen an amerikanischen Flughäfen scharf, schon fast hysterisch, ein neues Ministerium wurde geschaffen um die Geheimdienste, die die Tragödie nicht hatten verhindern können zu koordinieren, die Sicherheitsauflagen sind enorm aber in Headley's Pass finden sich viele Stempel, zumeist aus Pakistan. Mit einem solchen Stempel wird auch heute noch fast jeder Antrag auf eine Einreise in die Vereinigten Staaten abgelehnt. David Coleman Headley reiste, wie Gerald Posner von der US Menschenrechtsorganisation „Daily Beast" meint, wohl im Auftrag der DEA, anders wäre die Bewegungsfreiheit eines Drogenhändlers pakistanischen Ursprungs, Monate nach dem World Trade Center Desaster, wohl kaum zu erklären.

Pakistanische Koranschulen haben Tradition in der Unterrichtung der reinen Lehre, etwa 15.000 gibt es im Lande, allein vier der Größten, in welchen sich auch Ausländer einschreiben können, in Karachi. Jamia Binoria ist eine davon, etwa 600 Studenten aus 29 Ländern zusammen mit 5000 pakistanischen Schülern erlernen hier, sich nach islamischen Regeln und entsprechend des Koran zu verhalten, aber eben nicht nur dies. „Ganz selbstverständlich achten wir die Gesetze und die Grundlagen der Ethik", so der Direktor zu einem Journalistenteam von Associated Press, aber das Feld der Ethik ist weit und so finden sich denn auf der Webseite der Schule die Zitate Geistlicher, die Selbstmordattentate gegen Ungläubige und den Gotteskrieg gegen die Besatzungstruppen Afghanistans ausdrücklich legitimieren.

Pakistan ist ein Rechtsstaat und glaubt man den Behörden, so werden Visumanträge von Ausländern gründlichst überprüft, bevor sie genehmigt werden. Der Innenminister Rehman Malik geht weiter und versichert der Presse überzeugend, dass eine Einreise mit Zielen einer extremistischen oder gar terroristischen Ausbildung unmöglich gemacht und Verdächtige umgehend verhaftet und deportiert würden; vielleicht ist der Wunsch Vater des Gedankens, ich war sehr dankbar dafür, mein drei Monate gültiges Visum innerhalb von Stunden ausgestellt zu bekommen. Pakistan ist komplex, eng, sehr eng ist das Netz, gesponnen zwischen Behörden, Geheimdienst und Koranschulen, vieles wird beschlossen und als Gesetz verankert, ohne jemals den Weg in die Realität zu finden, zu gegensätzlich sind die Interessen der am Netzwerk beteiligten. Und die Wege nach Pakistan sind vielfältig und führen nicht notwendigerweise über einen internationalen Flughafen.

So ist es denn leider eine Tatsache, dass viele der Madrassas (Koranschulen) die wahre Lehre heftig verbiegen und sich als Brutstätten des Militantismus erweisen, mit engen Beziehungen zu Terrorkreisen aber selten isoliert, sondern wohl eingebettet in dieses so enge und so problematische „pakistanische Netz".

Hier war wohl auch David Coleman Headley zu Hause, eingeschleust von der DEA oder der CIA oder wer weiß von wem, aber solche Fragen werden sich nie klären lassen und sind letztlich auch irrelevant, denn was drogenfinanzierten Terror angeht verwischen sich die Grenzen zwischen der Zuständigkeit der einzelnen Dienste und für unsere Geschichte spielt es keinerlei Rolle.

Headley reiste nicht nur nach Pakistan sondern in die Vereinigten Arabischen Emirate und nach Indien, ausgestattet mit problemlos erteilten Geschäftsvisa des indischen Generalkonsulates in Chicago, 2003, 2006, 2007, 2008, knüpfte Beziehungen, unternahm Boottrips in und um Mumbai und zeigte sich ausgesprochen vielseitig interessiert mit ausgedehnten Fotoexkursionen um die berühmtesten Hotels Mumbais, das Taj, das Oberoi, aber auch das Leopold Café, Treffpunkt von Ausländern und Intellektuellen, das Nariman House, das jüdische Zentrum in Mumbai, das National Defense College in Delhi.

„Lashka-e-Toiba" ist seit 2002 in Pakistan verboten aber wohl eingebettet in das berühmte pakistanische Netz und entschlüpft dem Zugriff immer wieder durch weiter gewebte Maschen, wenn es denn überhaupt entschlüpfen muss, sind doch die Ziele der Organisation so wohlfeil im Lande. Man hat sich auf Indien spezialisiert, als Terrororganisation, auf den Erz- und Urfeind, dem zu schaden im nationalen Interesse liegt.

Und dann kam der 26. November 2008, zehn jugendliche, pakistanische Männer nähern sich von See her der Metropole Mumbai, erstürmen exzellent vorbereitet und ausgerüstet, wild um sich schießend das Taj- und das Oberoi Hotel, das  Leopold Café wie das jüdische Zentrum. Drei Tage hält das Massaker an, drei Tage lang zeigt das Fernsehen die Apokalypse, drei Tage lang wird die Welt in Bann gehalten, drei Tage lang wird das Szenario von Pakistan aus orchestriert. "Shall we shoot them, yes do it, in the back head, in the name of God - gunshots are heard - did you get all of them, yes, all together", so der makabre Mitschnitt eines Telefonats aus der pakistanischen Terroroperationszentrale in Karachi. Die Täter waren immer informiert, konnten immer adäquat reagieren, kamen Polizei und Militär zuvor, die Inszenierung eines Albtraumes. Der „Angriff" wurde vom Fernsehen übertragen, von geheimen Kameras überwacht, man war im pakistanischen Karachi immer einen Schritt weiter, als es für die indischen Sicherheitskräfte gut war.

Auf welche Ziele Headley von wem angesetzt war werden wir nie erfahren, zu grau und dunstig ist diese Welt der Geheimdienste, um klar sehen zu können. Aber an Lashka-e-Toiba ist er geraten, sehr eng und intim wurde diese Beziehung, wobei dahin gestellt sein mag wie schwierig es war, Headley zu konvertieren, gespalten war er immer gewesen, fundamentalistischem islamischen Gedankengut offen, Indien habe er gehasst, aus tiefster Seele, so seine geschiedene amerikanische Ehefrau. Vielleicht bedurfte es nicht viel, David Coleman Headley umzudrehen; nur das „Umdrehen" weisen die Amerikaner weit von sich, hat er doch nie für DEA oder CIA gearbeitet.

Das Attentat von Mumbai war schrecklich, hätte auch woanders passieren können, reiht sich ein in die weltweiten Tragödien der Terrorwelt, verdiente kurzzeitig das Interesse der Medien, war eine der vielen Episoden, die da geschahen und geschehen werden.

David Coleman Headley steht vor Gericht in Chicago, angeklagt der Vorbereitung und der Mittäterschaft an den Mumbai Attentaten, der aktiven Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, des Aufbaus eines indischen Lashka-e-Toiba Netzwerkes, des Schmuggels von Sprengstoff und Waffen und nicht zuletzt der strategischen Planung einer zukünftigen Serie von Anschlägen, die ganz Indien überziehen sollten.

All das nur ein weiterer Fall unter vielen? Man könnte es meinen, gäbe es da nicht einige Besonderheiten, die Indien tief erschüttern. Zumindest lebt der Laie, lebe ich in dem Glauben, dass Geheimdienste ein Minimum an Kontrolle über ihr Agentennetzwerk ausüben, dass irgendjemand noch wissen müsste, wer wo in welchem Auftrag und mit welchem Ziel unterwegs ist. David Coleman Headley besuchte nachweislich Terrorausbildungscamps in Pakistan, man muss geglaubt haben, das Risiko sei kalkulierbar, Headley wurde umgedreht und keiner will etwas bemerkt haben, bei der Vergangenheit und dem Psychogramm dieses Mannes? Was machte ein auf Pakistan angesetzter Agent so häufig in Indien? Ist wirklich niemandem aufgefallen, dass diese Reisen konspirativen Zwecken dienen könnten? Und warum bitte hat niemand jemals auch nur den Versuch unternommen, die indischen Behörden zu informieren? Fragen, Fragen, Fragen, die wohl nie beantwortet werden.

 

Quellen:

 

Elektronische- und/oder gedruckte Ausgaben der

 

Times of India

The Hindu

Hindustan Times

Deccan Herald

Indian Press.com

The Washington Post

US blog "The Daily Beast"

 

Brian Jenkins, Research and Development Corporation (RAND). "The Lesson of Mumbai"

HBO Documentation: Dan Reed, Fareed Zakiria: "Terror in Mumbai"

(Der HBO Film sei all denen wirklich ans Herz gelegt, die sich für dieses Thema interessieren)