Ein Blick nach Westen

Ein Blick nach Westen

 

Neeraj grinste sein breitestes Grinsen, als er mir die Zeitung unter die Nase hielt, ihr habt es geschafft, in unsere Schlagzeilen! Neeraj ist Zeitungsjunge, kommt aus den Slums von Mumbai, hat die Schule geschafft, paukt für die Aufnahmeprüfung zum Technical College, ist nach Goa heruntergewandert und bessert sein dürftiges Budget auf, indem er von Hotel zu Hotel und eben auch zu meinem Wagenstandplatz am Strand zieht und mit Charme und beredten Worten jedem Touristen eine Zeitung andreht. Die Marge ist gut, der Verkaufspreis überhöht, der Einsatz lohnt, sein Lächeln ist gewinnend, wenige können widerstehen, und wen stören schon 10 Rupien, selbst wenn es am Zeitungsstand nur zwei kosten würde. Neeraj kennt die Welt, zwar hat er seine Heimat nie verlassen aber er liest die Zeitung, bevor er sie verkauft, die Schlagzeilen, die Berichte, den Leitartikel und er hat Phantasie, malt sich seine Bilder von Europa und der Welt selbst; er hat auch Garcia Marquez gelesen, ein Tourist ließ ihm die „Hundert Jahre Einsamkeit", die ihn aber nie einsam machten sondern, ob der Wortgewalt des Autors, seine Phantasie beflügelten. So landet denn zwar die Schweiz in der EU, aber solche Kleinigkeiten dürfen nicht stören.

Neeraj hat es nie leicht gehabt, die Slums von Mumbai sind eine harte Schule, selbst wenn er über „Slumdog Millionaire" etwas lächelt, aber Kriminalität, bis zum Exzess von rechtsextremen Kreisen angeheizte und ausgelebte Ausländerfeindlichkeit, Ethnien- und Religionshass, Korruption, Dreck, Erniedrigung sind Begriffe, die er durchaus nicht nur als Worthülsen kennt.

57,5% der in der Volksabstimmung befragten lehnen den Bau weiterer Minarette und Moscheen in der Schweiz ab, Neeraj's Augen sind groß, dunkel und fragend, doch dann lacht er, ihr seid Feiglinge, ihr habt etwas verloren, eure Identität.

Ich fühle mich an Mr. Chordia erinnert, den Seniorchef einer LKW Werkstatt in Belgaum, der es in einem längeren Gespräch vor zwei Jahren auf den Punkt brachte: Indien wird sich ändern im Rahmen der Globalisierung, zwangsläufig, ob wir es denn wollen oder nicht und selbst wenn ländliche Gebiete den Anschein erwecken, die Tradition sei dort in Erz gegossen, Indien wird sich wandeln aber wir werden eure (europäischen) Fehler nicht nachmachen, wir werden unsere Werte, unseren Glauben behalten, unsere Identität. Oder Sandeep Jain, ein guter Freund aus Jabalpur in Zentralindien, der bei einem hervorragenden südindischen Abendessen verkündete, Indien sei das reinste Chaos, nichts sei nachvollziehbar, alles widersprüchlich aber alles habe immer und unvermeidlich mit der Religion zu tun; das ist unser gemeinsamer Nenner, trotz aller Gegensätze, trotz der Vielfalt der Glaubensrichtungen, trotz des tief verwurzelten Hasses, der Gewaltexzesse zwischen Hindus und Moslems, das ist unsere Identität. Und ich höre Sandeep im Geiste fortfahren, dass die Unterschiede doch gar nicht so groß seien, das christliche Abendland, auf das wir so stolz gewesen seien, unsere Königshäuser, unsere Nationalfarben, die Kirchtürme über unseren Dörfern und Städten, nur 50 Jahre zurück und ihr standet zu euren Werten; nur 60 Jahre zurück und ihr habt ein in Schutt und Asche liegendes Europa neu aufgebaut und heute habt ihr McDonalds, eine hohe Scheidungsrate, viel Ziellosigkeit, Nihilismus, ein tolles Sozialsystem, Angst und einen fehlenden Glauben; identitätslos, es sei denn man glaubt an den Fußball, man gehört zu den Wiedergeborenen, den Neoliberalen, den Rassisten und den Faschisten oder man sei der Pabst in Rom. Ihr habt eure „Freiheit" sehr teuer bezahlt.

Ein gerüttelt Maß Prügel, das ich da bezogen habe.

Ich bin kein Priester, noch bin ich wiedergeboren, noch möchte ich bekehren aber ich bekenne: in Indien wird die Auseinandersetzung zwischen den Glaubensrichtungen viel schärfer ausgetragen, aber Minarette verboten hat hier noch niemand. In Indien ist das Gewaltpotential viel höher, ob zwischen den Kasten, den Religionen, der Gesellschaft und extremen Gruppierungen aller Couleur, aber die Ruhe verloren hat hier noch keiner, in Indien hätte man Grund Angst zu haben und lebt trotzdem in Gewissheit, Ruhe und Frieden. Ja, wir haben etwas verloren, Neeraj der Zeitungsjunge hat schon recht, sicherlich etwas, mit dem wir uns tief identifizieren könnten und Sandeep hat recht, wir leben in Angst, vor der Zukunft, vor wirtschaftlicher Unsicherheit, eigentlich vor allem, und es ist sicherlich nicht eine Islamophobie, die uns zum Verbot von Minaretten treibt sondern eher die Angst vor Unbekanntem und vielleicht auch ein wenig Neid, dass jene Moslems, Hindus, Bhuddisten, die im Glauben noch verwurzelt sind, diese Angst weniger kennen; und wenn man Angst hat, haben die Scharfmacher schon gewonnen, ein als waffenstarrende Rakete verunziertes Minarett, gerichtet auf die Schweizer Flagge*, welch unerträgliche Diskriminierung.

 

 

 

* Wahlplakat vor dem Referendum in der Schweiz