Die Pfuetze

Die Pfütze

 

Es war kurz vor Zahedan im südöstlichen Iran, als Nici's Blick den Vorderreifen streifte und die Spur sah, schwarz, glänzend, ölig, vom Achsschenkel, Tropfen auf dem Boden. Der Tag war heiß, die Sonne stand fast senkrecht, obwohl es schon Herbst war, wir dösten vor uns hin, auf die nächste Polizeieskorte wartend. Iranisch-afghanisch-pakistanisches Grenzgebiet, zur Zeit weniger einladend, unberechenbar, Reisende befinden sich in Schutzhaft der Polizei die den Tagesrhythmus bestimmt, das ewige Warten an den Kontrollpunkten, die Konvoistrecken mit einem Pick-up schwer Bewaffneter, eintönig, die einzige Abwechselung die Turnübungen Nici's, die auf ihrem Motorrad vor mir fährt. Der Sattel ist zu weich, die Backen schlafen ein, Kribbeln bis in die Beine, Nici reckt sich, hebt die linke, die rechte Schulter, fährt stehend, den Kopf weit nach vorne über die Lenkstange und vollführt, als Krönung der Kür, einen unbeschreiblich grazilen Bewegungsablauf, den ich Nici Pirouette taufe. Vor ihr Roel, ebenfalls auf einem Bike aber fest, in stoischer Ruhe. Es ist nicht der Ort, sich um technische Defekte zu kümmern.

Dalbantin, schon 300 km weit in Pakistan, eine kleine Oase, vielleicht 3000 Einwohner, die übliche Reihe von Bretterbuden und Verkaufsständen am Straßenrand, Männer beim Tee, Frauen weggesperrt zu Hause, ländliche pakistanische Idylle in der Wüste Lut. Die Polizeistation war eigentlich unser Anlaufpunkt aber es hatte nicht sein sollen; höflich aber doch bestimmt wurde ein Telefonhörer gereicht, aus dem die Stimme des Managers des örtlichen Hotels ertönte, der die Vorzüge seines Hauses pries. Gegen soviel Überzeugungs-kraft begleitet vom nickenden Kopf des Polizeichefs war wenig auszurichten.

So wird das nicht gehen, das tropft nicht mehr, das läuft, Nici's Stirn liegt in Falten, ihr Mund spricht die Wahrheit aus, vor der ich mich so gerne gedrückt hätte. Nicht das Nici eine Mechanikerin wäre, weiß Gott nicht aber sie ist eine Bikerin, die sich und ihr Bike alleine durch die Welt bringt, das zählt. Autowracks, Traktorteile und ein Mechaniker, das Improvisationstalent der Pakistani ist berühmt, wir sind im lokalen „Autohaus", das sich um alles Vierrädrige in Dalbantin kümmert, sei es nun ein Eselskarren, ein liegen gebliebener LKW oder ein Traktor. Der Mechaniker, ein Allroundtalent versichert der Hotelmanager, der die Verhandlungen auf Urdu übernommen hat, ist schon mit schwierigeren Situationen zurecht gekommen, in Dalbantin fließt der Verkehr Dank der Fähigkeiten dieses Herrn; die Wrackteile die mich umgeben sprechen eine etwas andere Sprache und sind nicht unbedingt überzeugend, aber wo Alternativen fehlen muss der Anspruch sinken und was soll's schaden, Inshallah.

Das Fahrerhausdach ist mit Staukisten überladen, MAN in Deutschland hat gefehlt und anstatt eines verstärkten Teleskoparmes zum Kippen der Fahrerkabine eine normale Version eingebaut, die, ist das Fahrerhaus angekippt, nicht verhindern kann, dass dieses eine Eigendynamik entwickelt und in den freien Fall übergeht; zumindest theoretisch kann man nicht ausschließen, dass sich die Kabine nach dem Kippen vor dem Rest des Fahrzeugs auf dem Boden vergnügt; Fahren ohne Fahrerhaus wäre etwas schwierig. Gibt eigentlich nur zwei Alternativen, das Dach entladen oder Roel. Vierzig Grad im Schatten, die Entscheidung fällt leicht, Roel ist ein sehr athletisch gebauter junger Mann, man kann Anatomiestudien der Oberarmmuskulatur betreiben als er, etwas gerötet im Gesicht und mit hervortretenden Halsvenen, das Fahrerhaus weich in der Kippendstellung aufsetzt.

Er braucht nur fünf Minuten, um mit großer Sicherheit zu verkünden, dass man sich um das Radlager keine Sorgen zu machen brauche, was hier tropfe sei Öl, aber aus der Hydraulik und nicht aus der Achse, ob ich normal lenken könne, ja, leichtgängig und problemlos; ein Mann wird in den Bazar geschickt und bringt eine Dose Hydrauliköl, 1l, Castrol, made in USA.
der Zeigefinger des Mechanikers steckt im Ölbehälter, sehen Sie, die Fingerspitze ist trocken, wir füllen nach und Sie lassen das Leck in einer der Hydraulikleitungen in der nächsten größeren Stadt beheben; Hochstimmung, die Aufregung war umsonst! Tee, am Abend wird es Bier vom Schwarzmarkt geben*.

Die 300 km nach Quetta sind eine Katastrophe, Uraltstrasse, Schlaglöcher, Querrillen, abgebrochene Straßenränder, einige Sandverwehungen, Schotter, unzählige Umleitungen durch die Wüste, neun Stunden, todmüde, nicht vorzustellen was hätte passieren können, wäre es wirklich ein Radlagerschaden gewesen. Aber Problem beheben in Quetta, in dieser Stadt im Ausnahmezustand, mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizei in jeder Straße, an jeder Kreuzung, anhaltende Fahrzeuge werden weiter gewinkt, man hat Angst vor Bombenanschlägen im (ehemaligen?) Hauptquartier von Al-Qaida und Taliban. Das Verkehrschaos im schon nachtdunklen Quetta stört kaum, unser kleiner Konvoi fährt hinter Polizei mit Blaulicht und Sirene, ignoriert Ampeln und andere kleine Hindernisse, durchquert Quetta von Süd nach Nord und endet im Moslemhotel, das ein schönes Quartier hätte sein können, hätte mein LKW durch die Einfahrt gepasst. Ein zweiter Anlauf verlief nicht besser, Bloomstar Hotel, aber jed Ding hat zwei Seiten und das „Gute" an der Sache war, dass es wenig Alternativen gab, es sei denn man entschiede sich für das Serena, fünf Sterne, herrliche Zimmer, Gärten, Restaurants, Buffets. Serena Hotel, Nici und ich entschieden uns in unseren Zimmern für das Gleiche, wir verschwanden in den Badewannen.

Wir hatten am nächsten Morgen auf dem riesigen Hotelparkplatz noch einmal Hydrauliköl nachgefüllt, eine Reparatur in Quetta war illusorisch, es schien vernünftiger zu versuchen, bis nach Indien durchzukommen; letztlich waren wir ganz zufrieden mit unserem Werk.

Peinlich, schon richtig peinlich, unter dem Hydraulikölbehälter entsteht eine immer größer werdende Pfütze rotöliger Flüssigkeit und noch viel peinlicher, bei genauerer Inspektion des Ölbehälters findet sich ein eingeschraubter Ölmessstab und am allerpeinlichsten wird es, wenn man diesen herausschraubt und erkennen darf, dass die Hydraulik massiv überfüllt ist.

Mit der alten Weisheit, dass es sinnvoll sein könnte erst zu denken und erst danach zu handeln, hat es schon seine Richtigkeit. Woher soll das Öl kommen? Aus dem Hydrauliksystem? Das Leck war rechts, der Hydraulikzylinder der Servolenkung aber links, Servobremse? Braucht ein LKW nicht, der bremst mit Druckluft, macht alles keinen rechten Sinn. Natürlich nicht, kann es auch gar nicht, ist der Dichtring des Radlagers, was denn sonst!

Natürlich hätte das gewaltig schief gehen können auf der Strecke von Dalbantin nach Quetta, natürlich waren/sind wir Volltrottel, Denkmaschine ausgeschaltet. Zwei ziemlich zerknirscht wirkende Männer waren, unter den Augen einer sich ansammelnden Zuschauermenge eine gute Stunde lang damit beschäftigt, mit einer 5ml Spritze die 250 ml Öl wieder herauszusaugen, die wir vorher nachgefüllt hatten. Peinlich-peinlich-peinlich!

Es sollte noch gut 4000 km dauern, bis eine Fachwerkstatt sich des Schadens annahm, der Schutzengel hatte alle Hände voll zu tun gehabt - Danke!

 

 

* In der Islamischen Republik Pakistan, wie auch im Iran ist der Verkauf von Alkohol strikt verboten