Das Paket

Das Paket

 

Habe ein neues Töchterchen, in meinem Alter wird so etwas nicht gezeugt sondern einfach adoptiert, Seelenverwandte, hat das Herz auf dem richtigen Fleck, hat Mut, 31, begnadete Künstlerin, mit dem Motorrad quer durch die Welt. Wie das so mit Töchtern ist, man kann ihnen einen Wunsch nur schwer versagen; wie das halt mit 31 so ist, ein Paket soll verschickt werden, doch leider, leider wird es erst in allerletzter Sekunde fertig und die Form des Gebildes ähnelt eher einem über die Kuchenform herausquellenden Gugelhupf denn dem, was man sich landläufig unter einem Paket vorstellt. Aber wozu gibt es Väter wenn nicht dazu, dass diese doch zumindest ein kleines Paket aufgeben können; richtig. Habe lange genug im Ausland gelebt um wissen zu können oder doch zu erahnen, dass man in Indien nicht einfach nur zur Post geht, dass man vielleicht wissen sollte, was in dem Paket drin ist und dass es vielleicht nützlich wäre beweisen zu können, dass hier keine Briefbombe tickt. Aber richtig geraten, ich stehe mit meinem gut verklebten Gugelhupf in der Schlange, einfach so, auf der Post.

Der Postbeamte heißt Kumar und ist ein freundlicher, älterer Herr, der mir mit großer Liebenswürdigkeit versucht klar zu machen, dass er das Paket nur zu gerne annehmen würde, aber, wie ich ja wisse gäbe es in Indien Bestimmungen, ja die Bestimmungen.....es sei aber gar kein Problem, ich müsse nur zur Polizei, die würden helfen, security check, you know, mit schriftlicher Bestätigung, dass mein Gugelhupf im Teig nicht etwas Sprengstoff oder ein Prischen Drogen enthalte. Nun habe ich mit der indischen Polizei so meine Erfahrungen, das sind die, die man meist im Schatten großer Bäume findet, ethnologisch dem Faultier verwandt, mit gar unheimlich viel Zeit und es sind die, die lange Gebührenlisten auswendig kennen, denn Gebühren sind notwendig, verständlich, irgendwie muss jeder seinen Lebensunterhalt bestreiten. Und eine schriftliche Bestätigung, das wäre gegen die Natur dieser Spezies und wird dauern, und der Vorgesetzte muss eingeschaltet werden, und der Vorvorgesetzte...... ich wende mich mit Grauen.

Im Zeitalter der Globalisierung reisen Kuriere durch die ganze Welt in die hintersten, abgelegensten Zipfel mit der Konsequenz, dass man nicht nur im finstersten afrikanischen Busch eine kühle Coca Cola bekommt sondern auch, und das wäre schön, dass mein Päckchen vielleicht befördert werden könnte. Fereral Express heißt meine nächste Adresse, aber wir sind eben in Indien und nicht in Afrika, die Bestimmungen, die lieben Bestimmungen. Bei National Indian Express ist's nicht anders und auch nicht bei India Speedy und auch nicht bei DHL, aber hier werde ich von einer langhaarigen, mandeläugigen Hübschen empfangen, die mir mit herzlichem Lächeln versichert "we take care of you", wie soll man sich da wenden? They took really care of me, wenn auch das Interesse mehr auf meinen Geldbeutel denn auf meinen Gugelhupf ausgerichtet war und natürlich, die Bestimmungen. Meine verschämte Frage nach einer Röntgenkontrolle wurde mit einem traurigen Lächeln beantwortet, und schon war sie am Rupfen, die Mandeläugige, mein Gugelhupf, wie man das von einem zum Bersten voll gestopften Paket nicht anders erwarten kann, zerfiel in Teile. Bücher, Schriftstücke, Andenken, ein Paar Schuhe und vieles, vieles, vieles quer über den DHL Empfangsschalter. In solchen Augenblicken kennt selbst die Liebe zu Töchtern Grenzen.

Die Weiblichkeit, kann man wohl vorsichtig verallgemeinern, hat stets ein Interesse an Döschen, speziell wenn ein solches Döschen auch noch ein Pülverchen enthält und auf ein solches Döschen, wirklich mit einem Pülverchen, fixierte sich der Blick meiner Schönen, wenn auch ihr strahlendes Lächeln etwas strenger wurde.

Die Diskussion war rege, an einem indischen Empfangsschalter ist man nie alleine, um Kommentare ist man, ob nun gefragt oder nicht, selten verlegen und so reichten denn die Spekulationen ob meines Pülverchens ins Endlose. Meine schüchterne Bemerkung, ich pflege nicht in den Habseligkeiten meiner Tochter herumzuwühlen und wisse auch nicht, was es mit dem Pulver auf sich habe, wenn ich ganz sicher sei, es sei nichts Böses, wurde vernommen, trug denn aber nicht wirklich zur Lösung bei. Wie war das mit der Polizei....der Vorgesetzte, der Vorvorgesetzte, ein längeres Telefonat der abgekühlten Glutäugigen und sie waren da, einschließlich, warum bin ich nicht gleich selbst hingegangen, der Polizei, die, Beamtenwesen im Blut, erst einmal ein Protokoll aufsetzen wollten. Ein Tag hat 24 Stunden, dieser aber schien länger zu werden.

Sechs Stunden sind eine schöne Zeit, nicht aber, wenn sie so indisch kurzweilig gestaltet werden. Das Pülverchen, mein Töchterchen war sauer, hatte schließlich Salz aus einem iranischen Wüstensalzsee bis nach Indien geschleppt, wurde konfisziert, Protokolle wurden gefertigt, ich lernte Amritsar und seine hintersten Winkel kennen auf der Suche nach einem neuen Karton, beim Elektrohändler, dem ich erfolglos versuchte einen Kasten von einer Mikrowelle abzuschwätzen, beim Gemüsestand, und, und, und, und.

Ein jedes Abenteuer findet ein Ende und so fand ich meinen Karton, stabil, etwas größer, alles war verstaut, mit Zeitungen gepolstert, verklebt, adressiert und bei DHL abgegeben, das Lächeln der Schönen erwärmte sich langsam und ich war eigentlich ganz zufrieden; war wieder einmal richtig in Indien gewesen.

Dieses Land ist voller Mystik, die Götter sind allgegenwärtig, verhalten sich menschlich, launisch, wenig berechenbar und so konnte es nicht verwundern, als das Wesen mit den berückenden Augen strahlend eine letzte Bitte hervorbrachte "Excuse me Sir, would you please open the box".

Ich erspare mir und Ihnen den Rest des Tages; vier Tage später war das Paket zu Hause.