Bericht 8

Indien zum Abgewöhnen

 

Bin 2500 km nach Süden gefahren, so weit als möglich auf Nebenstraßen, ruhiges, schönes, ländliches Indien. Was im letzten Jahr noch aufregend und berichtenswert war ist Alltag geworden, gehört einfach dazu, kein Grund zur Aufregung, eher ein Grund zur Freude, kann Indien mit ganz neuen Augen und viel gelassener sehen.

Straßenverkehrsordnung auf indisch

Aufregend ist und bleibt der Verkehr in den Städten und Ballungsgebieten, kostet Nerven und erinnert manchmal an russisch Roulette. Europa ist weit, Europäer sind europäisches gewohnt, der Verkehr in Rom wird als chaotisch empfunden. So ist alles relativ aber die Vorstellungsbreite ist beschränkt. Schlimmer als...., bezogen auf die persönliche Norm kann es nicht sein. Kann es doch, nur ist es nicht vermittelbar; man berichtet und beobachtet sein Gegenüber, die Mimik verrät die Gedanken, „der erzählt Geschichten, macht sich wichtig". Am ehesten nachvollziehbar, da bildlich vorstellbar ist das Beispiel eines Busses. Fünfzig Sitzplätze, in Europa normalerweise 50 Passagiere; o.k., 20 stehen noch im Gang, macht 70 Passagiere. Besetzt man jeden Sitzplatz mit zwei Personen und quetscht in den Gang halt 40 anstatt 20 Mitreisende, so kommt man auf 140; auf das Dach passen das Gepäck und noch einmal 30, 10 werden auf Trittbretter und Stoßstangen verteilt. Der 50 Personen Bus transportiert 180 Passagiere - indische Norm, nichts besonderes, alles ist relativ.

Der indische Subkontinent ist klein, flächenmäßig nicht größer als die alte EU vor der Osterweiterung. Die Einwohnerzahl liegt gegenwärtig bei 1.2 Milliarden, bezogen auf den Quadratkilometer findet man hier 124, dort 370 Menschen wobei dieses Bild noch geschönt ist, da es die Landflucht bzw. den Städtezulauf nicht berücksichtigt. Nicht umsonst drängen sich in „Groß-Delhi" circa 18, in „Groß-Mumbai" 24 Millionen Menschen. Das Klima ist heiß, feucht, die Wohnfläche pro Familie winzig, der Wohnraum alt und stickig, häufig genug ohne Fenster, das Leben spielt auf der Straße. Supermärkte und Einkaufszentren sind unbekannt, am Straßenrand reiht sich Bude an Bude, meist illegal aber sie sind da, die so schon engen Straßen werden enger. Indien ist bitter arm, Indien ist reich, im städtischen Bereich ballen sich beide, die auf der Straße leben und die Bessergestellten. Die Zeiten, zu denen es in Indien keine Mittelschicht gab sind in urbanen Bereichen endgültig vorbei; die Mittelschicht ist da, hat Geld und investiert mit Vorliebe ins Prestige, in Autos. Die Verkehrsinfrastruktur ist 100 Jahre alt oder älter; viel getan hat sich nicht, das Resultat ist sichtbar, hörbar, riechbar: Stagnation, Schlangen, Dauerhupen, Dreck, Qualm. Die Bevölkerung wächst, gegenwärtig um 5% pro Jahr. Die Wachstumskurve wird bekanntlicherweise durch eine Exponentialfunktion beschrieben, im Jahre 2020 werden sich 2 Milliarden Inder den jetzt schon viel zu kleinen Lebensraum teilen müssen. Die Überbevölkerung und der Konkurrenzkampf prägen: die Umgangsformen, auch im Verkehr, sind rüde. Ich-ich-ich-ich. Da stehen sie, Stoßstange an Stoßstange, Trittbrett an Trittbrett und wenn sich irgendwo eine Lücke zeigt wird sie gefüllt, von allen Seiten. Sie können es sich immer noch nicht vorstellen, dann gehen Sie bitte auf einen Jahrmarkt und fahren Autoscooter, kreuz und quer, vorwärts, rückwärts, ohne Rücksicht auf Verluste. In Europa würde dies im Chaos, in einer einzigen großen Karambolage enden, in Indien passiert gar nichts (von ein paar Kratzern, die niemanden stören, abgesehen); die Polizei hält sich raus, niemand flucht, jeder hupt, indische Normalität.

Dreamway to Heaven, road to Hell

Graubraune, vom Wind zu Fetzen zerrissene Gasschwaden, Husten, die Augen brennen, Konzentration auf die Straße, eine Querrille oder aufgeworfener Teer schlägt die Federung durch, meine gerissene Windschutzscheibe, der Gedanke daran ist schon lange aufgegeben, der Konvoi fährt immerhin, nach Stunden des Stehens. Es ist stickig, 35°C, das Hemd naß, die Haut schmierig, verklebt, Schweiß, Dreck, Abgase und dieser Smog. Es geht vorwärts, doch nur ein paar Kilometer und dann ist Schluß, endgültig Schluß. Die Dämmerung ist hereingebrochen, rechts, links, verfallene Hütten, Wellblech, Slums. Hier und da ein Licht oder ein offenes Feuer, überall Menschen zwischen und in dem unsäglichen Dreck, auf der Straße, zwischen den Wagen, Eselskarren versuchen sich am Rand vorbei zu drängen, eine Achse bricht, dann ist auch da Schluß. 18 Uhr 30, stockfinster, der Wind hat nachgelassen, die Schwüle ist erdrückend; der letzte Rest Wille wird durch die Moskitos herausgesaugt. 21 Uhr 30, es hat sich etwas bewegt, der Konvoi hat zwei Kilometer gut gemacht. Ich  habe Hunger, zwei Stück Toast zum Frühstück um 7, das war's für heute. Ich habe Hunger aber die Umgebung erschlägt jede Lust, das Bedürfnis zu stillen. Was mache ich eigentlich in Indien? Ein Schlagloch und der genauso übermüdete Fahrer eines entgegenkommenden LKW reißen mich aus meiner Träumerei. 23:00, Panvel, der Alptraum findet ein Ende. Bei Erich Maria Remarque abgeschrieben oder Apokalypse now entnommen? Gefehlt -  28. & 29.11.2007, Realität. Drastisch überzogen, meinem Hang zur Übertreibung nachgegeben? Ein wenig, aber wirklich nur ein wenig; die Stimmung dieser Tage - obige Stimmung - eine neue schlimme Seite im Buch Indiens wird aufgeschlagen.

Es hatte so schön angefangen, Ahmedabad - Vadodara, Expressway No. 1, bisher einmalig in Indien, 6-spurig, glatt, der breite Mittelstreifen eine Farbensymphonie aus Bourgainville und Azaleen. Vor wenigen Jahren hätte man für diese 70 km noch fünf Stunden gebraucht, die Nord-Süd Achse zwischen den Industriestädten Ahmedabad und Bombay weist die größte LKW Dichte aller Straßen Indiens auf. Ahmedabad - Vadodara ist entschärft, dann folgt der National Highway 8, the road to hell. Gujarat ist arm, Maharashtra der reichste Flächenstaat Indiens, für das Nadelöhr Vadodara-Bombay tun beide nichts, wenigstens nichts sichtbares oder den beeindruckenden Infrastrukturmaßnahmen anderer Bundesstaaten vergleichbares. Die Konsequenz heißt Chaos, der Highway ist dem Verkehrsaufkommen in keinster Weise mehr gewachsen, hier kann man den Stau-Zieharmonika Effekt im Detail studieren. Da die Straße mitten durch die Ortschaften führt, kommt in Stoßzeiten alles zum Erliegen, kein Zieharmonikaeffekt, einfach nur Schluß, für Stunden. Hinzu kommt, ob der Nähe zum Großhafen Bombay, die Industriekonzentration an der Westküste. Dreckschleudern sind sie alle, das größte Dreckloch aber ist Bharlich, zwischen Vadodara und Surat. Was hier zutage tritt ist ein kriegsähnlicher Zustand; ob des Vergleichs zu Remarques „Im Westen nichts Neues" braucht man nicht einmal seine Phantasie zu strapazieren. Inversionswetterlagen zeigen sich durch über der Straße wabernde, nach Chlor, Schwefel und Buttersäure stinkende Gasfetzen, der Himmel ist düster, die Sonne verschwunden.

Noch unbeschreiblicher ist jener Moloch Bombay oder besser das 24 Millionen Monsterkonglumerat Mumbai-Thane-Kalyan-New Bombay, 24 Millionen mit urbanen Inseln des Wohlstandes und sonst Industrie, Dreck, Slums, Moskitos, Malaria.

Wenn es ein Reizwort in der westlichen Hemisphäre gibt, dann ist es wohl das der Klimakatastrophe. Wir werden nicht müde, die Konsequenzen des Klimawandels und dessen möglicher Ursachen zu beschreiben. Wir organisieren Konferenzen, internationale Protokolle, formulieren Verordnungen und Regulierungen was denn zu geschehen habe, wenn sich in der Bahnhofstraße von Kleinhintertupfingen der Schadstoffgehalt um 2 Nanogramm über den Grenzwert erhöht und beweisen wissenschaftlich, daß alles noch rettbar wäre, sofern die westliche Welt ihren CO2 Ausstoß in den nächsten 15 Jahren unter Kontrolle bekommt. Von Indien und China wird gesprochen, aber nur am Rande. Jawohl, irgendwann müssen die Entwicklungsstaaten mitziehen. Entschuldigung, ein Staat mit einer jährlichen Steigerung des Bruttoinlandsproduktes von über 10% ist kein Entwicklungsland, ein Staat, dessen Bankindustrie 9% Zinsen bei einer gegenwärtigen Inflationsrate von 3% zahlen kann verfügt, mit allen Einschränkungen, über eine gesunde Wirtschaft, zumindest aus produktiver Sicht. Diese produktive Industrie stößt, bei völlig unzureichenden Umweltauflagen, höchst produktiv Dreck aus und zwar gewaltig. Das unvorstellbare Elend in den Slums und die katastrophalen Lebensbedingungen in großen Teilen des ländlichen Indiens ändern an dieser Tatsache nichts. Man kann es nachvollziehen, wenn diesen Problemen von der indischen Politik Priorität eingeräumt wird aber wenn es denn wahr ist daß wir alle an einer Welt bauen, dann kann man solch essentielle Umweltfragen nicht auf „irgendwann" verschieben. "Irgendwann müssen die Schwellenländer mitziehen" - ich vernehme es, allein mir fehlt der Glaube. 

Gechichtchen am Rande: Quell der Freude

Die Polizei, sie ist hier in Indien ein steter Quell der Freude, wenn man sie findet. Ich hatte sie im letzten Jahr als eine sehr scheue Spezies bezeichnet, schwer auszumachen und wenn man sie sieht, nur im Schatten eines Baumes. Entschuldigung, ich hatte mich geirrt. Ein indischer Ethnologe hat mich aufgeklärt. Der Ursprung dieser in der Tat sehr interessanten Spezies ist in direkter Linie zum Faultier zurück zu verfolgen, allerdings etwas weiter entwickelt, hängen nicht mehr am Ast, sondern sitzen darunter.

Bewaffnet sind die Herren, der Kolonialzeit sei Dank, mir einem Bambusstock. Wenn ein Faultier erwacht braucht es Bewegung, in Maßen, also wird mit dem Stock gefuchtelt. So geschah es denn, daß ein Ordnungshüter auf die Idee kam, er müsse einen LKW kontrollieren. Der LKW Fahrer tat das, was man üblicherweise in Indien tut, den Beamten ignorieren, was diesen gar mächtig erzürnte, so daß er mit seinem Stock auf den LKW drosch. Dies, verständlicherweise, war nicht ganz im Sinne des Fahrers; ein Satz aus der Tür, ein kurzes Gemenge  und der Ordnungshüter fand sich, bevor er mit dem Stock auch nur wedeln konnte, auf seinen vier Buchstaben wieder.

In Indien sitzt du, wenn du deine Äuglein aufmachst, immer in der ersten Reihe!

Noch ein Geschichtchen: Parfumbazar

Hatte ich nicht im letzten Jahr vom Parfumbazar in Jaipur erzählt, mit den oh so feinen Düften und den hübschen Sari Mädchen? Parke gen Nachmittag Rokala, um mir eine Tasse Tee zu kochen. Glasscherben auf dem Boden, die Luft geschwängert mit Cerrutti Image, man braucht gar nicht bis Jaipur zu fahren, Rokala bietet's gratis. Obwohl, ganz gratis denn auch nicht. Der Spiegelschrank im Bad war wohl nicht richtig verriegelt und eine Bodenwelle steuerte dann das richtige Momentum bei, die Cerruttiflasche im eleganten Bogen aus 1.50 Meter Höhe der Gravitation folgen zu lassen. Alles ist vergänglich, Windschutzscheibe defekt, der Duft verflogen, was ist als nächstes dran? Ich mochte mein Eau de Toilette. Gab einem ein wenig das Gefühl, noch zur Zivilisation zu gehören.

Einen Tag später: fahre elegant an einer Autobahnraststätte vor und halte direkt vor einer indischen Familie, Vater, Mutter und Tochter, 18, International School Jaipur, kurz vor den A-Levels. Ein orientierender Blick und die Kleine begrüßt mich mit einem Augenaufschlag, „where are you from?" Wäre ja zu schön gewesen, wenn der Augenaufschlag mir gegolten hätte, galt aber, war ja klar, Rokala und zwar dem Innenraum. Ich hatte kaum ein Lächeln auf den Lippen, da kam auch schon die Frage, leicht verlegen aber sehr gekonnt inszeniert: „May we, perhaps, Augenaufschlag, have a brief look to the interior?" Zweimal Augenaufschlag, die Tür ging von alleine auf und da saßen sie dann ganz begeistert um den Tisch, Vater, Mutter und Tochter. What a nice smell, war der Kleinen erster Kommentar. Das Cerrutti war verflogen aber ein leiser Hauch, nur für weibliche Nasen wahrnehmbar, schien noch in der Luft zu liegen.