Bericht 7

Noch einmal über Land nach Indien

 

Basel - Amritsar

Der Himmel ist grau, trotz der Sonne, die immerhin für angenehme 25°C sorgt; die Smogglocke über Amritsar, anders wird es nie. Das Gehupe rundherum hat sich auf ein erträgliches Maß reduziert,  happy Divali, das Fest des Lichts wird gefeiert. Neben mir Schule, Philippe und Yvonne absolvieren ihre täglichen 2 Stunden, so ist das nun einmal, wenn man mit seinen Eltern um die Welt reist. Die beiden, 6 und 8 Jahre alt, sind extrem autark, parlieren, im Gegensatz zu ihren Eltern in fließendem Englisch mit den anderen Reisenden, beschäftigen sich mit sich selbst, jagen Eichhörnchen, balgen sich mit den Hunden auf dem Hof und sehen aus wie die sprichwörtlichen Dreckspatzen; so wird man nun einmal, wenn man mit seinen Eltern um die Welt reist. Isolation, fehlende feste Sozialkontakte? Die Kinder vermitteln einen ausgeglichenen, fröhlichen, selbstsicheren, wenn auch etwas wilden Eindruck - es scheint nicht zu ihrem Schaden zu sein.

Amritsar, Mrs. Bhandari's Guesthouse, Anlaufpunkt aller Fernreisenden im Punjab, die indische Grenze ist passiert, der „Ritt" absolviert. Anders hätte es werden sollen als im letzten Jahr, langsamer, ohne die Aufregung einer ersten langen Reise mit Rokala meinem Wagen, meinem zu Hause, neugieriger, fragender in dieser fremden islamischen Welt der Osttürkei, des Iran und Pakistans. Anders ist es auch geworden, aber nicht langsamer - leider!

Die Fähre

Wieder virtuos und wieder kann's, wenn man es nicht beherrscht, gewaltig daneben gehen. Schlangen von LKW Fahrern rangieren ihre 20 Meter langen Sattelzüge mit traumwandlerischer Sicherheit rückwärts in das verworrene Labyrinth des Fährenbauches. Nirgendwo herrscht Hektik, nirgendwo wird ein Zentimeter verschenkt. Die Fahrer grinsen mich, die Fluppe im Mundwinkel, ob meiner faszinierten Blicke an; einer spricht deutsch, mach nur langsam! Der kommerzielle Verkehr geht nach Griechenland und Istanbul, selbst die Speditionen scheuen den Balkan mit seinen zum Straßenzustand umgekehrt proportionalen „Autobahn"-Gebühren, der unfreundlichen und korrupten Polizei und den teuren Spritpreisen. Macht einfach keinen Sinn. Bulgarien hat bei den Fernfahrern einen besonders guten Ruf, hier wird richtig abgezockt, die Gründe für die Strafzettel sind frei erfunden, Bulgarien, willkommen in der EU.

Auf meiner etwas altersschwachen Ceşme, die mich von Ancona nach Izmir schippern soll, ist alles ganz anders. Das Ende der Fährsaison naht, keine Sattelzüge, gähnende Leere. 25 Wagen auf einem für 300 Fahrzeuge ausgelegten Autodeck, wenn man will, kann man quer parken. Da dies meine dritte Reise mit der Ceşme ist, bekomme ich eine 4 Bett Kabine, ganz oben auf dem 8. Deck für mich alleine; eine Außenkabine mit einem von Decke bis zum Fußboden reichenden Fenster, ein Logenplatz, ich werde verwöhnt. Die Klimaanlage ist nicht abschalt- oder regelbar und wird mit Handtüchern und Bettlaken (habe ja schließlich genug davon) fest „ausgestopft"; das Klima stimmt und ein Schnupfen wird vermieden. Ansonsten alles wie gewohnt. Die Besatzung ist von ausgesprochener Höflichkeit (solange man nichts von ihnen will), das Essen noch schmackhafter als im letzten Jahr, der Kapitän hat den Hilfsmaschinisten in die Kombüse versetzt, mit Öl kann er ja schließlich umgehen, aus dem Fernseher in der Bar tönt Marschmusik, die Bilder zeigen knatternde Maschinengewehre, marschierende Soldaten, feuernde Panzer, Düsenjäger und das unerträgliche Grinsen von George W., die Türkei befindet sich in einem „lokalen Konflikt" mit der kurdischen PKK, die Bilder sprechen eher für einen ausgewachsenen Krieg. Meine Vorstellung durch Kurdistan, entlang der irakischen Grenze durch diese rauhe, einsame Bergwelt in den Iran zu reisen, kann ich wohl aufgeben, hier ist kein Durchkommen. Zu schade, ich kann den Fersehinterviews nicht folgen, es gibt nur einen Kanal, auf türkisch. Doch, etwas habe ich verstanden, die Wetterkarte, die Temperaturen, selbst im westanatolischen Hochland (vom Osten ganz zu schweigen), liegen bei 8 - 10°C, für den sonnenhungrigen Labs, der sich momentan genüßlich auf dem Freideck, im Windschatten des Schornsteines räkelt, nicht ganz das Ersehnte. Die Entscheidung, zum zweiten Mal die Südküstenroute zu fahren, fällt nicht allzu schwer.

Der Computer

So ist er nun einmal, der Computer, hinterlistig und tückisch und immer darauf bedacht, seine Benutzer zu ärgern; so mehr man sich bemüht, so ärger treibt er sein Spiel. Fragt die türkischen Zollbeamten, sie können ein Lied davon singen. Die Brüsseler Bürokraten waren am Werk; mit langen Listen, die denn wohl erfüllt sein müßten, wolle man die Türkei in die EU aufnehmen. Wie war das Leben doch so einfach, die Carnet-de-Passages Dokumente für alle Fahrzeuge, die man so mit sich führte, wurden abgestempelt und man war in der Türkei - man war! Jetzt wird das Grenzabfertigungsprozedere angepaßt, aber eben nicht so ganz, der Weg in die EU ist ja noch dornig. Fahrer und Fahrzeug bekommen zusammen eine Transitnummer, die im Paß eingetragen und im Computer hinterlegt wird. So weit, so gut. Der Teufel steckt im Detail, bei mir im Motorrad. Fragt man den Computer nämlich, für den gleichen Fahrer und zwei Fahrzeuge (Auto, Motorrad) zwei Transitnummern zu generieren, so streikt das Programm, macht einfach nicht mehr mit. Da sitzen sie nun in ihrem Kabäuschen, das Zollarbeitstier und der Vorgesetzte. Letzterer faucht das Arbeitstier an, der hackt die Daten noch einmal und noch einmal in den PC, der Computer grinst, das Arbeitstier schwitzt und der Vorgesetzte schäumt - 45 Minuten lang. Zigaretten-Nachdenk-Pause: was nicht geht, geht halt nicht, tragen wir doch einfach das Motorrad mit dem Kennzeichen in den Paß ein und sind das Problem und diesen Kunden endlich los. Halleluhja, freue mich jetzt schon auf die Ausreise!

Vorweggenommen: ich wurde nicht enttäuscht, Teil zwei des Dramas erfolgte auf 1700 Meter Höhe, 3000 km weiter östlich. Tja, was nicht eingeführt wurde, kann auch nicht ausgeführt werden, denn was eingeführt wurde, hat eine Transitnummer, das müßte ich doch eigentlich verstehen. You have a problem, Sir. Das Motorrad ist aber im Paß eingetragen, mit Zollstempel und Unterschrift. Höhere Offiziere werden zugezogen, diskutieren und gehen wieder, ein Problem, das einen nicht beschäftigt, ist keines mehr. Irgendwann erinnert sich jemand meiner, nur um mir noch einmal zu versichern, daß ich ein Problem hätte. Danke - habe ich inzwischen auch gemerkt. Langer Rede kurzer Sinn, was schließlich folgte, war voraus zu sehen. Die Vorschriften wurden ein zweites Mal gebrochen und - das Motorrad in den Paß eingetragen. Geht doch, oder?

Die Türkei

Graubraun, öde, steile, glitschige, sich in die Berge windende Straßen, kahle Hänge, die Wolken tief, durchsetzt von Regenschauern, so zeigte sich das Bild meiner Erinnerung. Da war nur ein Wunsch, weiter, durch, vor einem Jahr. Eine neue Türkei ist es nicht geworden, aber die so düsteren Eindrücke weichen der Toskana, durchsetzt mit ein bißchen Ardèche. Die Sonne muß gebrannt haben, hier oben in den Bergen, einen ganzen heißen Sommer lang. Trotzdem wechselt das Grün der Büsche mit dem dunklen Gelb geernteter Kornfelder, satte gelbe Tupfen ginsterähnlicher Blumen kontrastieren zum Blaugrün des Eukalyptus. Gemächliches Rollen gen Antalya auf dem Thron eines LKW, ohne Drängen, ohne Hupen, nicht der Terminkalender sondern die Laune bestimmt das Tempo, 60 km/h, unter strahlend blauem Himmel.

Was soll das sein, eine Traumstraße der Welt? Jeder wird sie anders definieren, nach eigenem Empfinden. Ich habe meine gefunden, eine neue gefunden, es gibt so viele davon. Sie trägt einen von Alanya nach Cap Anamur und Selifke. Es gibt einen „Rauschindikator", der Tachometer, meine mittlere Geschwindigkeit sinkt von 45 auf unter 20 km/h. Die Szene: eine Pinien bewachsene Steilküste mit einer in den Berg geschlagenen, verwunschenen Straße, hoch über dem Meer, Heidekraut unter Büschen, das Meer, von Sonne, wechselnder Tiefe und Reflexionen des Lichtes zu einem Traum in allen nur denkbaren Schattierungen des Blaus verwandelt, ich sitze auf einem Felsen und schließe die Augen und vor mir ergießt sich eine Symphonie in orange, gelb, violett, geziert mit verschlungenen, immer wechselnden Mustern, ich öffne die Augen und der Traum bleibt, ein fließender Übergang von Phantasie, Traum und Realität, das Blau des Meeres, das Grün der Pinien. Was ist eigentlich Realität? Das, was sich mir heute und jetzt erschließt und das so anders sein kann, als ich es morgen an gleicher Stelle empfinden werde. Die Realität ist fließend und verschwenderisch reichhaltig. Entschuldigen Sie diesen Ausflug ins Sentimentale, aber ich spreche schließlich von einer Traumstraße.

Ein kleiner Platz am Strand, eine türkische Familie hat sich hier schon niedergelassen, ein Dorf aus ein paar Häusern, vor mir wird an Booten gehämmert, geschliffen, hinter mir sitzen die Männer beim Tee. Die Welt ist ruhig und in Ordnung.

Gastfreundschaft

So muß es denn einmal gewesen sein, bevor die Anonymisierung in unseren Großstädten, die Globalisierung und unsere Arbeitswelt unser Leben im Westen so sehr verändert haben. Mein Strandplätzchen, ich bleibe einen Tag und schraube am Wagen. Eine Tasse Kaffee steht vor mir, meine türkischen Nachbarn strahlen mich an, ich möge doch rüber kommen, sie erwarten ihre Großfamilie. Wir sitzen zusammen, 20 Personen, sie sprechen ein paar Brocken englisch und können so herzlich lachen.

Es gibt ein „Restaurant" im Dorf, könnte man übersehen aber der Geruch und die fröhlichen Stimmen einer Gruppe locken, die Großfamilie. Ich habe kaum bestellt, da steht ein Teller gebratenen Fisches vor und mein „Nachbar" neben mir, die Mund-winkel reichen von Ohr zu Ohr - guten Appetit. Was soll man sagen - ich fühle mich willkommen und zutiefst zufrieden.

Vorweggenommen: die iranisch/pakistanische Grenze. Pakistan, hier hat mein Abenteuer im letzten Jahr begonnen, die Zollinspektoren sind die Gleichen und an Herzlichkeit kaum zu überbieten, ich bin bekannt. Wageninspektion - fällt aus, die Formalitäten werden nebenbei erledigt. Ich warte im Privatzimmer des Chief Custom Superintendents, der Fernsehapparat läuft, English channel, amerikanische Schnulze, man zeigt mir wie die Fernbedienung funktioniert, vor mir stehen Tee und Plätzchen. Ich warte und werde gerufen - das Mittagessen ist serviert, zusammen mit allen Zollinspektoren an einem Tisch, die Unterhaltung ist noch vorsichtig, abtastend, ich bringe ein Gastgeschenk, das Eis ist endgültig gebrochen.

Am Ende der Welt, fünf Gänge, serviert von Bediensteten in weißer Livrée mit rotem Turban, man läßt sich nichts nehmen. Ich habe mich umgezogen, Tuchhose, weißes Hemd, meine besten Schuhe - ich bin zum Galadiner in den Privatgemächern des Zollchefs geladen und werde von den Offizieren der Einheit begrüßt. Der Formalteil ist wichtig, ist fester Bestandteil der Zeremonie und wird ernst genommen. Der gegenseitige Respekt muß bezeugt, die Dankbarkeit, einen Ehrengast bewirten zu dürfen bzw. als Gast geladen zu sein, ausgesprochen und die Bedeutung und Größe und Freundschaft der Nationen (Pakistan, Deutschland) beteuert sein. Dann wird es erstaunlich unkonventionell und lustig. Wir sitzen auf einer großen Decke auf dem Boden, Gesprächsfetzen fliegen, es wird gelacht, der Teller ist noch nicht halb leer und ist schon wieder übervoll, es werden keine Gesprächsthemen umgangen. Der Konflikt der Religionen, der keiner ist und keiner sein oder werden darf, der politische und Macht orientierte Hintergrund, fundamentalistische Ansätze auf beiden Seiten, die eher unrühmliche Rolle des Papstes, der weder protestantischen Christen geschweige denn den Moslems zusteht, einer Kirche anzugehören (Argument wird sichtlich genußvoll vorgetragen, nicht zu vergessen in Taftan, einer schon sehr entlegenen Ecke dieser Welt), das Ausufern und die Unkontrollierbarkeit des Irakkonfliktes, in dem jetzt auch die Türken mitmischen, der Iran an der Schwelle zur Atommacht, die mögliche Mitgliedschaft der Türkei in der EU (die hier ausdrücklich gewünscht wird) und die politische Situation in Pakistan, doch dazu später. Eine Zeitbombe tickt und man hat keine Schwierigkeiten, die Angst vor einer Explosion zum Ausdruck zu bringen. George W. (nicht die Amerikaner) kommt am schlechtesten weg und dieser Eindruck soll im weiteren Verlauf der Reise etliche Male bestätigt werden. Das politische Handeln und die Rhetorik dieser „Administration" sind verhaßt und werden von etwas ruhigeren Individuen schlicht als unsensibel, ziellos und dumm bezeichnet. Ich kann nicht widersprechen. Wie auch immer, was hier an Gastfreundschaft und moslemischer Tradition gezeigt wurde, ist tief beeindruckend. Wir trennen uns nach dreieinhalb Stunden.

Noch einmal Türkei

Zurück zur Türkei, die Route führt von der Südküste nach Kayseri, über Elazig nach Van und weiter in die Gegend, in der Noah mit seiner Arche gelandet ist/sein soll, dem meist schneebedeckten und wolkenverhangenen Berg Ararat bei Dogubayazit an der Grenze zum Iran. Die Türkei erlebt, an West- und Südküste ausgeprägter aber auch Anatolien wird einbezogen, einen gewaltigen Bauboom. Man steht der Sache schon gespalten gegenüber, Neu-Belgrad oder das ehemalige Ostberlin lassen grüßen. Plattenbausiedlungen riesigen Ausmaßes, in Inner- und Ostanatolien an Häßlichkeit kaum zu überbieten, an der Südküste aber mit Phantasie und Farbe trotz völlig identischer Bauweise und -form für das Auge abwechslungsreich, von Grünanlagen unterbrochen, gestaltet. Breite Alleen durchziehen diese Retortenstädte, es ist sauber, es wirkt modern. Ich fahre durch ein solches Neubaugebiet, kein unangenehmer Eindruck aber ich finde keinen einzigen Supermarkt, von Restaurants oder Bazar ganz zu schweigen; nur Tausende und Abertausende von Wohnungen. Keine Ahnung, ob türkische Tradition und die Liebe zur Kommunikation die Anonymität solcher Wohnsilos noch entschärfen können oder ob hier ein erster Stein zur menschlichen Vereinsamung auch in der Türkei gelegt wird - wohnen möchte ich hier nicht!

Die Kontraste in der modernen islamischen Welt sind verblüffend. Die Türkei bewegt sich nach Westen. Die schleiereulenähnliche schwarze Einheitstracht der Schiitinnen des Iran, das von der Bildfläche völlig verschwundene weibliche Geschlecht in Pakistan (obwohl sich die Männer sehr gerne, auch in der Öffentlichkeit, indische Filme mit unverschleierten Schönheiten gönnen) und, ob mit oder ohne Kopftuch, die hübschen, jungen Frauen mit Jeans und Pullover in türkischen Großstädten. Im Iran beschleichen mich regelmäßig Depressionen, in Pakistan die Aggression, welch eine Wohltat in der Türkei, was dem Stellenwert des Islam offensichtlich keinen Abbruch tut. Wenn die Türken diese Entwicklung wirklich durchhalten würden, könnte ich mir zum ersten Mal eine Türkei in der EU vorstellen, wobei, zugegebenermaßen, dieses Bild stark von dem ausufernden Chaos in den islamischen Nachbarländern, ob des Iraks, Afghanistans oder Pakistans, bestimmt wird. Nicht daß dies heißen sollte, daß ich mich mit der Rolle, die man im Islam der Frau zuschreibt, in irgend einer Weise anfreunden könnte, da liegen Welten zwischen den Religionen, der heutigen EU und der Türkei, aber ein strikt säkularer Staat moslemischen Prägung an den Grenzen des Chaos ist schon ein einladender Gedanke. So sehen es übrigens auch viele gebildete Pakistani, die sich eine Mitgliedschaft der Türkei in der EU wünschen und eine Rückentwicklung in Richtung einer Theokratie fürchten. Ich bin und bleibe etwas gespalten, Ankara würde in Brüssel vieles gewaltig aufwirbeln, für einen Europäer alter Prägung eine fremde Vorstellung.

Der Konflikt in Kurdistan wirft seine Schatten voraus. Umso weiter man nach Osten kommt, um so dichter werden die Polizei- und Jandarma Kontrollen. Die Jandarma, auch so eine wenig vertrauenseinflößende türkische Besonderheit. Offiziell eine Polizeitruppe, zuständig für den außerstädtischen Bereich, real eine paramilitärische Spezialtruppe, in Kampfuniform, bis an die Zähne bewaffnet, an den Kontrollposten den Lauf der MP auf dich gerichtet, Sandsackbarrikaden, Maschinengewehrnester und dahinter meist ein Schützenpanzer oder ein ausgewachsener Panzerkoloss. Man macht keinen Hehl aus dem, was man wirklich ist. Im Gegensatz dazu die Polizei, ordentliche Uniform, ausgesprochen höflich, ja liebenswürdig, Fragen nach woher und wohin, Paßkontrolle und häufig genug ein Abschiedsgeschenk in Form eines Apfels oder einer Apfelsine; hier zeige ich meinen Paß gerne vor. Die Jandarmen blaffen auf türkisch, es hat sich ein Ritual entwickelt. Paßkontrolle, die „Herren" wollen den Innenraum durchsuchen, der Labs brüllt - Schuhe aus (versuchen Sie einmal einem Soldaten dazu zu überreden, seine verdreckten Kampfstiefel auszuziehen). Das Gebrüll lockt meistens einen Offizier an, der Durchsuchungsbefehl wird zurück genommen - gute Fahrt. Meistens, aber nicht immer.

Ostanatolien bei Sonnenschein, eine völlig kahle, gerundete, schroffe, einsame Bergwelt, westlicher Lebensstil hat hier noch keinen Einzug gehalten, Männer füllen Teehäuser, die traditionelle türkische Tracht bei beiden Geschlechtern. Die Rollenverteilung stimmt hier noch, die Frauen gehören auf die Felder, die Männer bestimmen das Geschehen bei Wasserpfeife und Tee.

Iran

Es ist wirklich eine Schande! Da fährt man zum dritten Mal durch den Iran und kennt weder Quom, noch Isfahan, noch Schiraz, noch Yazd, noch irgend etwas anderes, nur den Teer der Straßen und der ist durchweg gut. Und, wie ich jetzt gelernt habe, es wäre alles vermeidbar gewesen. Paul und Gerda, seit Wochen mit einem Wohnmobil kreuz und quer im Iran unterwegs und über den Oman, die Emirate und Saudi-Arabien auf dem Wege nach Jordanien, klären mein Problem. Nur die ganz Dummen beantragen ihre Visa im Frankfurter Generalkonsulat, die etwas schlaueren wenden sich an die Botschaft in Berlin. Hilfsbereite, freundliche Konsularabteilung, Ratschläge für die Reise, Tee und ein multiple-entry Visum für 3 Monate ohne Einladung aus dem Iran und ähnlichem Schnick-Schnack. Man spricht auch ganz offen das Frankfurter Problem an, einflußreiche Leute mit Rückendeckung aus Teheran, faul wie die Sünde. Ein sieben tägiges Transitvisum kann lokal ausgestellt werden, für ein Touristenvisum bedarf es des Kontaktes zum Außenministerium, welch ein vermeidbarer Aufwand.

Ich scheue Teheran, der 5 stündige Suchmarathon des letzten Jahres wirkt nach, und folge dem Kompaß in Takestan nach Süden. Takestan - Hamedan - Isfahan, noch eine Traumstrasse der Welt. Der Iran liegt auf einem Hochplateau, die Kevir und die Wüste Lut auf ca. 1000 Metern, das westliche Hochland höher, 1500 Meter, die Pässe bis 2600 Meter. Viele träumen davon, einmal einen der berühmten Sonnenaufgänge in der Assakren Hütte im Hoggar Gebirge der Sahara zu erleben, aber wer weiß denn auch schon, daß der Iran die ganze Breite der Wüstenszenarien bei hervorragender Infrastruktur bietet, wer weiß schon von dieser liebenswürdigen, hilfsbereiten Bevölkerung, den guten Straßen, den feinen Konditorwaren, den Wüstenbergformationen, Sedimentablagerungen in ziegelrot, ocker, lehmfarben, mal streng geometrisch horizontal oder vertikal ausgerichtet, mal zu herrlichen Mustern verschlungen, erinnern Sie sich noch an die Zauberberge, die ich im letzten Jahr in Pakistan habe schildern dürfen, dies hier sind auch welche, nicht düster schwarz sondern in den unerwartesten Farben.

Ich höre schon die Wüstenfahrer protestieren, Teerstraßen ohne Schlaglöcher anstatt der geliebten Schotterpisten, kein Sandschaufeln, keine unerwarteten Abenteuer in Wadis? Entschuldigung, ich bin 60, die Schaufelei überlasse ich gerne anderen, wenn diese mir das Genießen lassen. Sie suchen ein exotisches Reiseland mit grandiose Landschaften, freundliche Menschen und Bergen von Kulturschätzen? Sie sind ein  Schleckermaul das an feinstem Gebäck nur schwer vorbeikommt? Sie wollen sich Ihr normales Wohnmobil nicht von pakistanischen Straßen zerlegen lassen? Sie suchen mehr Sicherheit vor Einbrüchen als Italien und Spanien es bieten können? Sie wünschen eine Küche, die der französischen Paroli bieten kann?
Sie sind hier richtig, lernen Sie ein wenig Farsi und erobern sie den Iran!

(Dieselpreis: 1 Cent/Liter)

Pakistan

Hier begann mein Abenteuer im letzten Jahr und hier beginnt es heute. Waren es damals Landschaft und Straßen, so ist es diesmal die Politik, die das Salz für die Suppe liefert.

Taftan, es begann mit einem Festmahl, Dalbantin, ich fahre ein Verkehrsschild um, Quetta, in der festen Hand von Taliban Sympathisanten.

Wir sind inzwischen ein Konvoi aus 3 Fahrzeugen, vom ausgewachsenen Bus bis zum Landcruiser ist alles vertreten. Am 3. November 2007 wird der Ausnahmezustand verhängt und die Verfassung ausgesetzt. Die außer Kontrolle zu geraten drohende Talibanisierung in Belutchistan, Rebellen in der Provinz Sindh und fundamentalistische Aktivitäten in Waziristan und Islamabad seien die Gründe, die Sicherheit der Bevölkerung oberstes Gebot, der Einsatz des Militärs unumgänglich und deswegen der Ausnahmezustand gerechtfertigt, so heißt es in offiziellen Verlautbarungen. Erstaunlich nur, daß Musharraf sich in diesem Zusammenhang gezwungen sah, die Richter des Verfassungsgerichtes zu entlassen und zu verhaften sowie das Militärrecht zu verhängen, das es der Armee (nicht aber der Polizei) erlaubt, ohne Gerichtsbeschluß „Verdächtige" zu verhaften, zu „verhören" und einzusperren. Erstaunlich auch, daß der Zeitpunkt der Aktion exakt mit der Rückkehr von Benazir Bhutto aus dem Exil zusammenfällt, die ihm bei den für Februar nächsten Jahres geplanten Präsidentschaftswahlen als Gegenkandidatin gegenüberstehen wird. Etwas zuviel für einen Zufall und eine ziemlich fadenscheinige Begründung finden wenigstens die Pakistani und gehen auf die Straße. Erstaunlich auch, das sich die Rhetorik der regierungsfreundlichen Presse ändert. Mitglieder der PPP (Pakistan People's Party), deren Vorsitzende Frau Bhutto ist, werden plötzlich zu Terroristen erklärt.

Wie immer wenn es gilt, die Massen zu mobilisieren, sind Parolen und Schlagwörter bestimmend, wird vereinfacht und gelogen, werden Wahrheit und Dichtung vermischt; hier nicht anders. Nur ist zur Zeit nicht klar, ob der Schuß nach vorne oder nach hinten losgeht. Folge des de jure Ausnahmezustandes ist der reale Ausnahmezustand. Proteste der Intellektuellen, Schriftsteller, Universitätsprofessoren, Juristen mischen sich mit den schon etwas „aktiveren" Protesten der Studenten, harmlose Demonstrationen werden zu Krawallen, das Militär scheint erbarmungslos zuzuschlagen. Fundamentalisten und Separatisten nutzen das „Fest", viel einfacher lassen sich ihre fragwürdigen Ziele nicht als prodemokratische Aktivitäten tarnen - Danke, Präsident General Musharraf!

Wie, wo, was im Hintergrund wirklich geschieht, welche Rolle die USA in dieser Posse spielen, bleibt dem Beobachter ohne Zugang zu informierten Quellen verborgen. Sicher scheint nur, daß sich die Sicherheitslage wirklich zugespitzt hatte, man mag sich des Desasters rund um die rote Moschee in Islamabad erinnern, die sogenannte Talibanisierung scheint Faktum, wenigstens wird aus Polizeikreisen bestätigt, daß zunehmend Taliban nach Belutchistan und Peschawar einsickern, ohne daß sich allerdings bisher jemand groß darüber aufgeregt hätte. Sicher ist auch, daß Musharraf mit allen ihm zur Verfügung stehenden legalen und nicht legalen Mitteln um den Erhalt seiner Macht kämpft, inzwischen jegliche Rücksicht verloren zu haben scheint und in einem schon fast verzweifelt wirkenden Zickzack Kurs zu retten versucht, was wohl (mit legalen Aktionen) nicht mehr zu retten wäre.

  • Der Ausnahmezustand wird verhängt, das Militärrecht eingesetzt, die Wahlen auf unbestimmte Zeit verschoben
  • Musharraf will die Posten des Regierungschefs und des Oberkommandierenden des Militärs in Personalunion weiter führen
  • Frau Bhutto soll verhaftet werden
  • Musharraf sichert zu, den Hut des Oberbefehlshabers an den Nagel zu hängen, sollte er als Präsident bestätigt werden
  • Bhutto wird unter Hausarrest gestellt, politische Aktivitäten werden ihr untersagt
  • Sollte Musharraf nicht nachgeben plant Bhutto einen langen Marsch (Gandhi) von Lahore nach Islamabad
  • Musharraf sichert Wahlen für nächsten Januar zu, nennt aber keinen Termin
  • In einer Rede an die Nation verteidigt Musharraf das Militärrecht als zwingend erforderlich um, wie zugesagt und jetzt noch einmal versprochen, massiv, sichtbar und ohne Zweifel gegen Taliban und Fundamentalisten vorgehen zu können. Am nächsten Tag wird bekannt, daß die Taliban 300 Soldaten „entführt" und erfolgreich gegen 8 des geplanten Sprengstoffattentats überführten Terroristen ausgetauscht haben, darunter auch der Cousin eines Provinzgouverneurs, den man mit umgelegtem Sprengstoffgürtel. geschnappt hatte
  • Musharraf argumentiert, daß Frau Bhutto laut pakistanischer Verfassung gar nicht mehr für das Präsidentenamt kandidieren dürfe, da sie dieses in der Vergangenheit schon zwei Mal inne hatte (welch Pech, daß Musharraf gerade die Verfassung außer Kraft gesetzt hat)
  • usw.,usw.

Wir sind in Quetta und diskutieren mir der Polizei, wie es weiter gehen soll. Ein Hauptmann mit drei Sternen auf der Schulter und viel Lametta auf der Brust leitet das Gespräch, wir sitzen im Kreis auf dem Boden, Tee ist serviert und die Stimmung gespannt. Ironische, gegen den Westen gerichtete Worte fliegen durch den Raum, grundsätzliche moslemische Höflichkeitsregeln werden mißachtet, beide Seite reagieren zunehmend aggressiv. Ironie auf Ironie, die Folgen bleiben nicht aus. Ein Wortführer aus dem Hintergrund bringt einen Toast auf die Taliban aus, sein Vater sei dort Kommandant, der 3-Sterne Offizier bestätigt "the Taliban are the best people in the world" (ob aus Überzeugung oder aus Angst vor den Taliban bleibt unklar); wie auch immer - eindrucksvolle Worte aus dem Munde eines Regierungsbeamten; wir sollten solche Kommentare allerdings noch häufiger zu hören bekommen. Dann wird die Diskussion wirr, Schlagworte ohne Hintergrund. Musharraf sei an allem Schuld, vor Musharraf sei Pakistan eine Oase des Friedens gewesen (wann soll dies bitte gewesen sein?), jetzt müsse jeder Polizist um sein Leben bangen, Bhutto sei eine das Vaterland verratende, korrupte Dissidentin und gehöre vor Gericht, die Politik habe versagt, nur der Islam sei unbestechlich und könne Pakistan einer Lösung näher bringen. Daß es die gleichen, gelobten Taliban sind, die möglicherweise ihn und seine Polizisten ins Paradies bomben, bleibt ungesagt.

Wir werden erst einmal ins Polizeihauptquartier verfrachtet, einem Ort, der uns in den nächsten Tagen noch häufiger als Quartier dienen sollte. Freies Fahren wird unmöglich, Polizei und Militär bestimmen den Tagesablauf. Hat auch seine Vorteile; immer wenn wir an die nächste Eskorte übergeben werden und insbesondere an Bundesstaatsgrenzen bleibt Zeit für einen Schwatz mit den Polizeioffizieren und die scheinen recht gut über "was und wo" informiert und besorgen auch schon mal eine englische Zeitung. Wir passieren den Bolan Paß, der das belutschische Hochland vom Indus Tal trennt, am nächsten Tag wird der Paß durch eine Bombe vorübergehend unpassierbar. Um abzukürzen, nimmt unsere Eskorte den Weg durch eine Innenstadt, was einem Eselskarren ein Rad und mehreren Telefonleitungen sowie über die Straße gespannte Banner das Leben kostete und uns die Verwünschungen der Bevölkerung einbrachte. Beim Bus bricht die Federaufhängung, er bleibt unter Polizeischutz liegen. Marco & Yogini (Besatzung) werden am späten Abend beim Provinzgouverneur als Gäste einquartiert und vom Gouverneur bewirtet, eine weitere hervorragende Informationsquelle. So geht es weiter, quasi bis zur indischen Grenze, die letzten 400 km können wir der Eskorte entkommen, herrlich, wieder selbst über sein Tempo bestimmen zu können.

Tja, ein bißchen Abenteuer in Pakistan, abwechslungsreich, spannend, wenn es nicht so bitter ernst wäre. Der Kommentar aus der Tageszeitung „Dawn" aus Lahore bringt es auf den Punkt: "They were working for a military-liberal coalition, Musharraf and Bhutto atop the same wagon. What they have got instead, thanks to the ineptitude on display in Islamabad, is this mess, threatening to become a disaster. For the Yanks a destabilised Pakistan is bad enough, but a nuclear armed Pakistan teetering at the edge of chaos comes close to the ultimate nightmare".

In diesem Zusammenhang sei erwähnt, daß die Zahl der Bombenattentate im Irak eher zu- denn abzunehmen scheint, der Iran offiziell bestätigt hat, über 36 einsatzbereite Zentrifugen zur Urananreicherung zu verfügen und Indien räumt 28.000 Hektar noch aus den indisch-pakistanischen Kriegen von 1965 und 1972 verminten Gebietes, um seine Truppen gegebenenfalls schneller in Grenznähe zu bringen (Pressemeldung). Bin tief beeindruckt; seit mehr als 35 Jahren liegen die Minen da rum und niemand hat es gekümmert, wenn ab und zu ein Kind oder ein Bäuerlein in die Luft flog, jetzt wird mit Hektik geräumt, um wieder schießen zu können.

Hier brennt die Lunte zu einem Pulverfaß und zwar zu einem recht gewaltigen.