Bericht 6

Von Madhya Pradesh nach Delhi

 

Schlechte Laune - die Zeit läuft, verfliegt, saß drei Wochen in Jabalpur fest. Die drei Wochen fehlen jetzt hinten und vorne, Khana, Pana, Bandhargarh - drei Tigerressorts in greifbarer Nähe, angeblich die Schönsten in Indien, aus Zeitgründen gestrichen. Warum die Hetze? Weil ich mir die Tempelanlagen von Khajuraho nicht entgehen lassen und der Diözese von Gwalior einen Besuch abstatten möchte und damit rechnen muß, in Delhi längere Zeit auf meine Visa warten zu müssen. Ich darf 5 Jahre bleiben aber Rokala muß Ende April außer Landes sein.

Viele der Vorstellungen, die vor Abreise in Europa Gestalt annahmen, wie zum Beispiel den Wagen hier (unter Aufsicht) stehen zu lassen um für einige Wochen nach Europa zurück zu fliegen, erweisen sich als Luftblasen; schlecht recherchiert, Blase geplatzt. Sowohl in Pakistan als auch in Indien wird nicht nur das Carnet de Passages abgestempelt, sondern der Wagen zusätzlich im Paß eingetragen. In anderen Worten, keine Ausreise ohne Rokala, fürs Handgepäck vielleicht doch etwas zu sperrig.

Habe ich in meinem letzten Bericht von Indien geschwärmt? Jetzt bin ich am schimpfen - Scheißland - nicht im übertragenen, sondern im wahrsten Sinne des Wortes. Das ist wirklich eine Haßliebe geworden. Je nach Laune und Umständen dominiert mal die eine-, mal die andere Seite. Der Dreck, überall, andauernd, der Dreck, ich fange an hysterisch zu reagieren. Habe die letzte Nacht an einer Tankstelle verbracht; furchtbar laut, die LKW Fahrer schienen ihren Spaß daran zu haben, wann immer sie auch kamen, erst einmal den Motor jaulen zu lassen. Um 6:30 böllerte dann jemand gegen den Wagen: good morning, Sir. Soweit im Inneren Madhya Pradeshs kann man beruhigt mit einem freundlichen „go to hell" antworten, versteht sowieso keiner. Nützte aber auch nichts, die Nacht war zu Ende. Die draußen tragen Pudelmütze und Anorak, gebe zu es war wirklich frisch. Wie soll das bloß in Deutschland werden? Innentemperatur 24°C, Außentemperatur 21°C und ich empfinde das als (unangenehm) kühl. Zugegeben, die 21°C müssen mit einer Tagestemperatur um 40°C verglichen werden; es sind die 20 Grad Differenz, die einem den Morgen als frisch empfinden lassen. Links neben mir liegt die Tankstelle, begrünte Anlage mit Blumen, rechts, über die Straße, ein Restaurant (Bretterverschlag mit Wellblech, aber immerhin, es wird Tee serviert). Links neben der Bude pinkelt einer, auf der rechten Seite sitzt einer in der Hocke. Wirklich, der Dreck und diese Scheißerei, diese unerträglichen Hygienevorstellungen! OK, sehr unfair, was mache ich eigentlich mit meinem Toilettentank? Ist etwas anderes, muß schließlich irgendwo hin. Eben, sagt mir ein imaginäres Inderlein, muß schließlich irgendwo hin!

Ich war's nicht! Die Prostata war's, die und der Reifen haben mich drei Wochen in Jabalpur festgenagelt. Sie erinnern sich an das schwarze Loch? Wollte drei Tage zum Schreiben bleiben, dann kamen Fieber und Schüttelfrost und ein eindeutiger Urinbefund. E. coli, ein weniger freundliches Bakterium, resistent gegen alles, was man hätte schlucken können;

Vierzehn Tage intravenöse Therapie stehen an. Kaufe mir einen Reifen, den es gar nicht gibt. Schon recht, rufen Sie meinetwegen einen Psychiater, ein nicht existenter Reifen und mein heutiger Schreibstil, alles etwas chaotisch - entspricht meiner Stimmungslage!

Bin auf dem Wege vom Hotel in Jabalpur zum Krankenhaus, um mir meine morgendliche Dosis verpassen zu lassen; sehe einen Reifenhändler (nicht wie bei uns, indisch halt). 365/80 R20? Gibt es nicht - darf's vielleicht etwas mehr sein? Man verfrachtet mich auf ein Moped und bringt mich zu MRF - Nummer 1 unter Indiens Reifenherstellern. 365/80 R20? Haben wir nicht, darf's vielleicht etwas größer sein? Das meinen die ernst! Die schleppen alles an, was auf eine 20 Zoll Felge passen könnte; Rokala ist doch kein Traktor!

Die MRF Zentrale liegt in Chennai (Madras), der Kundenservice wohl noch im Bett. Der General Manager MRF Jabalpur wird mit dem Management MRF Chennai verbunden. Verstehe zwar kein Hindi, aber die internationale Zeichen-, Mimik- und Gestensprache. Haben wir nicht. Aber jetzt wird es indisch, in Europa wäre es bei dem „haben wir nicht" geblieben, hier will man helfen, es werden Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt. Es wird eine Stunde lang telefoniert, zuletzt mit der Entwicklungsabteilung. Ja, die schwedische LKW Firma Scania steht vor der Markteinführung. Richtig, wir haben den Auftrag, einen indischen Reifen für Scania zu entwickeln; auch richtig, auf der Basis einer 20 Zoll Felge. 365/85 R 20, ist 5% höher als der Reifen eures Kunden, aber wenn der in den Radkasten paßt. Man verlangt den Kunden selbst zu sprechen, und, nachdem dieser glaubhaft versichert hat, daß der Reifen der Ersatz des Ersatzreifens sei und mit größter Wahrscheinlichkeit nie zum Einsatz kommen werde, geschieht das Unvorstellbare - man sagt mir, da der Reifen noch nicht auf dem Markt eingeführt sei, einen Prototypen zu, für den, und das dauert weitere zwei Stunden, erst einmal ein Preis kalkuliert werden muß. Man ersetze MRF durch einen europäischen Reifenhersteller - never, never ever would this have happened! Das ist Indien!!! Was dann folgte leider auch. Der Reifen geht morgen per Luftfracht raus, nach Nagpur (das Provinznest Jabalpur hat trotz seiner 3 Millionen Einwohner nur eine einzige Flugverbindung nach Delhi) und dann per Kurierservice auf der Straße nach Jabalpur. Raus ging der Reifen auch, leider von Küste zu Küste von Chennai nach Bombay und dann (MRF Jabalpur hat sich vergeblich die Finger wund telefoniert) auf der Straße quer durch den Subkontinent. Hat 14 Tage gedauert, mit der Bahn wären's 18 Stunden gewesen! Jetzt sitzen die beiden Reservereifen huckepack an Rokala's Rückwand, der deutsche TÜV hätte seine Freude, ein Dunlop Stahlgürtelreifen, schlauchlos, 365/80 R20 und ein MRF Brüderlein aus Nylon, mit Schlauch und ein wenig höher, zugelassen für maximal 60 km/h, „heavy duty sand grip", selbst in der Wüste kann mir nichts mehr passieren.

Mein behandelnder Arzt im privaten Jabalpur Hospital ist Dr. Swamy, Internist, Diabetologe und Pulmonologe, in Indien, in England und den USA ausgebildet, fachlich einfach gut und sehr sympathisch. "Just be my guest" ist seine Antwort auf meine Frage nach einer Rechnung und dies gilt für alles, einschließlich Labor, Urinkultur, Ultraschall und die Chefs der jeweiligen Abteilungen. "Just be my guest", diese Form der Kollegialität  gab es an europäischen Krankenhäusern auch einmal, nur ist dies leider lange, lange her. Schade eigentlich!

"Just be my guest" - wörtlich - what would you like - Einladung zum Abendessen. Your favourite please - Chicken Curry? OK, we'll have that - Punjabi style.

Gemischte Herrenrunde, die Frauen sind dabei, alles Akademikerinnen, man sitzt getrennt, die Herren der Schöpfung essen zuerst. Man wäscht mir den Kopf ob meiner Vorstellungen über Indien , Gleichberechtigung der Geschlechter, aber selbstverständlich, wir hatten schließlich mit Indira Gandhi eine Ministerpräsidentin, als ihr in Europa noch gar nicht wußtet, was eine weibliche Präsidentin eigentlich ist. Kollegium im Krankenhaus - zu 60% weiblich, Liebesheirat, klar, hier anwesend, der plastische Chirurg und die Allgemeinchirurgin. Irgend etwas stimmt hier nicht. Die meinen's ernst, ich aber auch.

Fortsetzung zwei Abende später: Einladung bei einer 21-köpfigen Familie, alle möglichen Verwandtschaftsgrade inklusive. Dominiert wird die Familie vom Patriarchen, einem 87-jährigen, geistig brillanten, über ganz Indien bekannten Künstler und dem 67-jährigen Autor der in Indien führenden Lehrbücher der Pathologie, die gegenwärtig auch auf dem englischen- und dem US Markt herausgegeben werden. Ein Sohn des Patriarchen, über den die Einladung zustande kam, ist Rechtsanwalt am High Court (Oberlandesgericht).

Das Kastenwesen? Wenige sozialpolitische Gegebenheiten haben uns soviel Ärger eingebracht wie dieses! If an untouchable is untouchable, I don't want to be a Hindu - Mahatma Gandhi - schon 1945. But, you know, every one knows this and most do accept this, but it's the inertia, the caste system exists since more than 3000 years, it will take a few generations to wash it away (hat der von "generations" oder von "centuries" gesprochen?).

Liberalität, demokratisches Selbstverständnis?
Du liest doch die Zeitung, du warst in den Städten, du erlebst es doch selbst!

Internationale Ausbildungsstandards?
India can compete - oder fühlst du dich etwa am Jabalpur Hospital schlecht behandelt?

Gleichberechtigung der Geschlechter?
We live according to our own tradition; Western standards are not necessarily superior!

Arranged marriage? Clearly superior!

Die Diskussion läuft fast ausschließlich zwischen dem Patriarchen, dem Pathologen und mir, alle anderen lauschen andächtig, der High Court Anwalt grillt mit einem Tennisschläger ähnlichen elektrischen Gerät die allgegenwärtigen Mücken, wenn der Vater spricht, hat auch ein 45-jähriger Sohn zu schweigen. Die Tür fliegt auf, herein stürmt Neha, 19, bildhübsch, enge Jeans und noch engerer Pullover, gerade an der zahnmedizinischen Fakultät immatrikuliert, der Pathologen-Onkel schaut indigniert, der Opa muß grinsen.

Gegessen wird geschlechtsgetrennt, die Männer zuerst, von den (gleichberechtigten) Frauen bedient. Gekocht wird in einer (relativ kleinen) Küche. Die Logistik für 21 Personen erscheint mir kompliziert genug, um eine Frage zu rechtfertigen. Die Antwort ist einfach, ich seh's halt nur zu kompliziert. "Food has always to be ready", so der High Court Anwalt, I have my lunch at 10:00 a.m., before going for the first case. Feste Essenszeiten - Fehlanzeige, die Küchencrew hat parat zu stehen, wenn's den Herren gelüstet oder der Magen knurrt. Klingt zwar einfach, scheint mir aber doch sehr kompliziert, zumindest für das (ausschließlich weibliche) Küchenteam.

Das 25 Zimmer Haus putzt sich Gott sei Dank von alleine - stellen Sie sich das mal vor - 25 Zimmer - das nähme ja kein Ende. Die Heerschar der Sklaven wird kaum wahrgenommen; Arbeitszeiten, Minimallohn, soziale Absicherung oder was mir sonst noch so spontan einfällt, die Themen sind nicht existent, zumindest aber unangebracht, was nicht heißen soll, daß Indien keine starken Gewerkschaften hätte, ein Drittel der Bundesstaaten wird schließlich von kommunistisch dominierten Linkskoalitionen regiert. Es geht hier um die Ebene, man kämpft im frühindustriellen Indien um menschengerechte Arbeitsbedingungen in der Produktion, davon, sich um die Lebensumstände eines „Niedrigkastigen" zu kümmern ist man noch Lichtjahre entfernt. Wie schön, wenn man zu abstrahieren in der Lage ist; „das Kastenwesen, wenige sozialpolitische Gegebenheiten haben uns soviel Ärger eingebracht, everyone knows this and most do accept this.....but, you know, the inertia!" Prima für das 25 Zimmer Haus, hoffentlich hält die inertia noch eine Weile!

Wie viele Bücher sind zum Thema interkulturelle Kommunikation geschrieben worden, wie viele Unternehmensberater verdienen sich daran im Zeitalter der Globalisierung eine goldene Nase, das Trägheitsmoment scheint nicht nur für das Kastenwesen sondern auch für meine mentalen Fähigkeiten bestimmend, schon wieder darauf herein gefallen, zum x-ten Male. Wir sprechen zwar mit gleichen Worten doch in verschiedenen Sprachen! - so einfach ist das, wenn Begrifflichkeiten und Wertvorstellungen soweit auseinander klaffen, oder vielleicht besser, weil nicht wertend, einfach essentiell anders sind.

Der Abend endet mit einer Präsentation des künstlerischen Werkes des Patriarchen. Um Bilder zu malen, muß National Geographics dran glauben. Nach dem Lesen werden die Seiten, je nach Bedarf, fein zerschnipselt und mit den Schnipseln Collagen angefertigt. Man muß sehr nahe herangehen, um die Collagentechnik zu identifizieren. Mit etwas Entfernung scheint es wie mit grobem Pinselstrich gemalt - phantastisch!!!

Eine Einladung zum Abendessen bei einer Sikh Familie, alles ist etwas anders. Die Frauen sitzen mit am Tisch, nehmen an der Unterhaltung teil, die kleinste Tochter (10) macht es sich auf meinem Schoß bequem. Alle sprechen fließend englisch, in Europa war man noch nie, ist aber aufgeschlossen und interessiert. Das Kastenwesen, bei Sikhs wie bei den Jains nicht existent, wird wieder zum Thema. Natürlich existiert es, mit allen Konsequenzen. In intellektuellen und gebildeten Kreisen wird es nur gerne heruntergespielt, ggf. glaubt man wirklich an den delitären Effekt des Systems in einem sich in eine globalisierende Welt einpassenden Indien, aber in ländlichen Kreisen dominiert das Kastenwesen das tägliche Leben und das wird wohl noch lange so bleiben, wie auch die tiefsitzende Abneigung der Religionen untereinander, besonders was Moslems und Hindus angeht. Man sprach in letzterem Zusammenhang ausdrücklich nicht von fundamentalistischen Tendenzen, sondern von einem über Generationen und Jahrhunderte hinweg vererbten Problem. Die sich dem Reisenden zeigende Ruhe, der Liberalität, die offensichtliche Gleichberechtigung der Religionen seien ein trügerisches Bild. Das Problem sei vergleichbar mit dem uns Europäern so wohl bekannten Jugoslawien Phänomen. Da leben Serben und Kroaten seit Generationen friedlich miteinander und dann zündet ein Funke und alles ist anders. Familien werden gespalten, Ehen gehen zu Bruch, man schlägt sich mit großer Wonne und Selbstverständlichkeit gegenseitig die Schädel ein. Natürlich sei Indien im Wandel, mehr denn je. Im industriellen Bereich drehe sich das Karussell ähnlich schnell wie im Westen, im kulturellen und sozialen Bereich sei der Bruch zwischen Land und Stadt nicht mehr zu übersehen. Aber Indien habe mehr als eine Milliarde Einwohner und über 80% davon leben auf dem Lande, Fortschritt ohne Einbindung der Landbevölkerung sei eine Illusion und zwar eine gefährliche; hier reiben zwei Erdschollen aneinander, die Globalisierung und die tief verwurzelte, in der Konsequenz engstirnige, sich nicht öffnen wollende Tradition; man hat Angst vor einem Beben.

Auch bei der Sikh Familie leben verschiedene Generationen unter einem Dach mit einer Reihe von Gemeinschaftsräumen, sonst aber separat. Ich bin zu exotisch, um einer größeren Runde zu entgehen. Die Töchter des Hauses sind frech: "uncle, how do you manage to be so fit at your age"? Was heißt hier bitte "at your age", die sind schon dabei den Sargnagel einzuschlagen! Ansonsten fällt auf, und das gilt über alle Einladungen, daß ausgerechnet hier, im hintersten Madhya Pradesh, wo man draußen auf der Straße ohne Hindi aufs Rätselraten angewiesen ist, alle Kinder von klein an englisch sprechen. Von den Christen hält man wenig, das haben sich diese durch eine sehr „aktive" Missionsarbeit bis hin zu Geldgeboten bei Konvertierung selbst zu zuschreiben, aber in einem Punkt ist man sich, ob Hindu, Sikh oder Jain, dann doch wieder einig: die Kinder werden auf christlichen Privatschulen unterrichtet und erzogen (dem Toleranzverständnis der Kinder wird's sicherlich nicht schaden).

Crazy, just crazy: der Fotoclub entstand bei einer dieser Einladungen. Ein HNO Arzt hatte, da er gerade einen Fotowettbewerb gewonnen hatte, seine Bilder dabei. Spannend - der knipste nicht, der hatte Geschichten zu erzählen. Ich solle doch am nächsten Abend während seiner Spätsprechstunde von 18 bis 21 Uhr in seiner Praxis zum Bilderanschauen vorbei kommen. Praxis - Sprechstunde - Bilder anschauen???

Handlungsort: HNO Praxis

Bühnenbild:     Schreibtisch in der Mitte, auf der einen Schreibtischseite der Praxisinhaber, gegenüber meine Wenigkeit und der genau so
                         Foto besessene High Court Anwalt, an der Schreibtischschmalseite, Stühle für Patienten.

                         

Handlung:        Die Praxishelferinnen servieren Tee, auf dem Schreibtisch werden Fotovergrößerungen, alle so 40 x 60 cm, ausgebreitet, 
                        es entwickelt sich eine lebhafte Diskussion. Ein Patient samt dreier Angehöriger kommt herein, HNO Routine: Aaaaah, linkes
                        Ohr, rechtes Ohr, Nasenlöcher, die Fotodiskussion wird nicht unterbrochen, kurzer Befund auf ein leeres Blatt, Rezept,
                        50 Rupien wechseln den Besitzer, wir sind wieder beim Thema: Fotos.

 

Habe dieses Spielchen x-mal so oder in ähnlicher Form erlebt. Man stolpert im Krankenhaus irgendwo in eine volle Sprechstunde, niemand schmeißt einen raus, im Gegenteil, es wird erst einmal ein Stuhl angeboten. Niemand regt sich auf, auch der halb bekleidete Patient auf der Untersuchungsliege nicht, Übervölkerung, engstes Auf- und Miteinander, fehlende Privatsphäre - ist doch alles ganz normal so. Sitze in der Notfallambulanz, um mir meine Spritze verpassen zu lassen. Der neben mir schnappt sich mein Krankenblatt und studiert erst einmal in Ruhe die Befunde. Verstanden hat er wohl nicht viel von dem, was er zu lesen bekam, aber aufregen? Ist doch alles ganz normal so!

Es passierte zwei Tage nach Vollmond. Sitzen mal wieder in der HNO Praxis, die Sprechstunde ist beendet, es ist Mittwoch, 21:30. Das Gespräch landet bei den „Marble Rocks", Wasserfälle und eine Schlucht aus weißem Granit, ca. 45 Autominuten von Jabalpur entfernt. Die Wasserfälle bei Vollmond! Die Herren müssen morgen früh arbeiten, aber Vollmond war vor zwei Tagen, das Licht wird mit jedem weiteren Tag schlechter. Um 22:00 fiel die Entscheidung, ein weiterer HNO Kollege ist mit von der Partie, um 03:00 sind wir wieder zu Hause, mit einem Sack voll Traumaufnahmen.

Habe verdammtes Glück gehabt, der Familienpatriarch, von dem ich erzählte, hat die Presse informiert. Mir wurde nur ein Termin genannt, wann ich am Wagen zu sein hätte. Presse erschien nicht - große Freude meinerseits, allerdings etwas verfrüht. Drei Tage später: eine Reporterin macht die Hotelrezeption verrückt; die blocken, der alte Labs will nicht. Die Pressetante ist aber leider eine der Enkelinnen des Patriarchen, meine Karten werden schlechter. Der Artikel nebst Bildern erscheint in der Sonntagsausgabe, ich fahre am gleichen Tag. Großes Hallo in den Straßen, Rokala ist jetzt stadtbekannt (wäre der Artikel, wie vorgesehen, eine Woche früher erschienen, wäre ich wohl, ob des zu erwartenden Besucherstromes, reif für die Psychiatrie gewesen).

Weltkulturerbe

Ich verlese den Reiseführer und frage: was verstehen Sie unter „eleganten, freimütigen und dynamischen" Schöpfungen der Bildhauerkunst? Ich gebe weiterhin bekannt, daß wir uns den weltberühmten „erotischen Tempeln" von Khajuraho nähern.

„Freimütig", wir gehen sehr freimütig miteinander um im Westen, in der Art wie wir uns zeigen, was wir abbilden, diskutieren, öffentlich machen. Was wir unter Liberalität und Toleranz verbuchen ist völlig undenkbar, unvereinbar mit traditionellen südostasiatischen Gesellschaftsvorstellungen. Und dann das: Khajuraho, eine riesige Tempelanlage mit feinster Steinmetzarbeit in unglaublicher Detailtreue aber eben sehr, sehr unverblümt, was hier unter der Chandrella Dynastie im 10. Jahrhundert geschaffen wurde. Oraler Sex, Masturbation, alle denkbaren Stellungen, die Kamasutra in Stein.

Besucherscharen, es wird geschaut, gelacht, man benimmt sich völlig ungezwungen, staatliche und selbsternannte Fremdenführer erklären in blumigen Wortes das, was unzweideutig vor einem liegt. Ein sich liebkosendes Paar in der Öffentlichkeit - unmöglich! Khajuraho - möglich!

Ein Priester der Tempelanlage, mit dem ich ins Gespräch komme, bringt Khajuraho auf den Punkt: „wissen Sie, hier finden alle Generationen was sie suchen. Die ganz Jungen finden ihre Freunde und spielen auf dem Rasen, die jüngeren Erwachsenen finden die Skulpturen und freuen sich und wir Alten, wir finden Gott; was wollen Sie mehr - einverstanden, gar nichts!

Erotik in der Kunst ist dem Abendland wirklich nicht fremd. George Grosz, Ludwig Kirchner, Egon Schiele, Picasso, O'Keefe, sie alle hängen in unseren großen Museen; die Inder brauchen sich ihrer Kamasutra nicht zu schämen.

Und trotzdem ist etwas grundsätzlich anders; erotische Darstellungen des Westens sind zwischenmenschlich, wir, mit unseren Schwächen, Träumen, Gelüsten, in Indien sind die Bilder sakral, es sind göttliche Wesen, die sich hier so menschlich benehmen, unseren religiösen Vorstellungen sehr fremd.

„Nandi" hat uns Menschen die Kamasutra beschert, Nandi der heilige Bulle, Gehilfe des Gottes Shiva, der Shiva und seine Frau Parvatti beim Liebesspiel beobachtete. Die Kamasutra zu schaffen und den Menschen zugänglich zu machen hieß, diese an göttlichen Freunden teilhaben zu lassen, eigentlich eine recht sympathische Vorstellung.

Nicht immer war der Hinduismus so freizügig und er ist es auch heute nicht mehr; es war eine sehr spezielle Zeit damals, im 10. Jahrhundert. Die herrschende Gupta Dynastie war zusammengebrochen, das reich war instabil und unregierbar, der Hinduismus war reformiert und verändert worden, hatte einen Paradigmenwechsel durchlaufen. Tantriker gewannen an Einfluß, Tantriker dem Shakismus zugewandt (Shakti: die Energie, die Urkraft, die Urgöttin), Tantriker, die den Geschlechtsakt in ihre spirituellen Riten einbezogen, als Symbol der Befreiung und der Vereinigung mit dem Absoluten (honi soit qui mal y pense). Aber auch der Tantrismus wäre sicherlich nicht zu solchen Höhenflügen imstande gewesen, hätte ihm nicht die politische Instabilität dazu verholfen.

Wirklichen Einfluß auf die Massen hatte nur die oberste Kaste der religiösen Führer, die Brahmanen, und diese „verkauften" ihre Macht seht teuer. Es flossen gewaltige aus weltlichen Quellen stammende Summen in den Tempelbau, Priester konnten fordern und sie forderten Geld wie geistige und körperliche Freiheiten, der Tantrismus erblühte, Khajuraho entstand. Mit der Zeit, wie nicht anders zu erwarten, verwilderte das System, aus religiös-rituellen Tänzen wurden weltliche, aus Tempeldienerinnen wurden Liebesdienerinnen, Prostitution unter dem Deckmantel des Religiösen. Der Tantrismus erstarb, der nächste Paradigmenwechsel war fällig.

Ich nähere mich Delhi und wieder zeigt es sich, das Mumbai-Syndrom. Sie mögen sich erinnern, aus den einzelnen Großstädten Thane und Mumbai war ein einziger Koloß geworden. Man ersetze Thane durch Faridabad und erhält das Delhi Szenario. Delhi, oder besser ein unstrukturiertes urbanes Häusermeer beginnt ca. 60 km vor der eigentlichen Stadtgrenze. Delhi ist mit nichts anderem in Indien zu vergleichen und so besonders ist auch der hier praktizierte Fahrstil. Der Verkehr hier ist göttlich, zumindest halten sich die Herren am Steuer für Götter - ich, ich, ich, ich. Meine drei Presslufthörner laufen heiß, sind im Dauereinsatz, gehen im allgemeinen Hupkonzert unter. Weder ein Moped- noch ein Autofahrer denkt auch nur im Traum daran, seinen Kollisionskurs auch nur für einen Zentimeter zu ändern. In Delhi braucht man einen Schutzengel!

Kleine Posse am Rande. Stehe in Faridabad an einer von der Polizei geregelten Kreuzung. Meine Fahrtrichtung wird freigegeben, gebe etwas Gas, komme aber nicht richtig von der Stelle. Ist auch kein Wunder; von rechts wollte ein kleiner Suzuki nach links auf meine Fahrbahn schneiden. Jetzt steht er im toten Winkel am rechten Eck meiner vorderen Stoßstange und wundert sich über eine zerdrückte Hintertür und einen neu geformten Kotflügel. Zeugen gab's genügend, unter anderem die drei Polizisten, die den Verkehr an dieser Kreuzung regelten. Die Rechtslage war auch klar, der eine fuhr geradeaus, der andere versuchte ein bißchen zu schneiden. Die Party trifft sich am Rand der Gegenfahrbahn, denn hier in einem Stuhl regiert ein Polizeioffizier. Gerade werden einige Mopedfahrer zurechtgewiesen und zur Kasse gebeten. Der Herr in Uniform (mit drei Sternen auf den Schulterklappen) fungiert als Legislative und Exekutive oder besser als Staatsanwalt, Richter, Strafvollzugsbeamter und Kassenwart zugleich. Mein Fall wird aufgerufen, die Straßenpolizisten berichten, mein Unfallgegner lamentiert, daß sein Wagen zwar quer vor meiner Stoßstange stände, er aber strikt geradeaus gefahren sei und ergo die Schuld allein auf meiner Seite liege. Der Polizeioffizier kommt sehr schnell zur Sache: "would you like to compromise?" Hier gab's also wohl nur zwei Alternativen, to "compromise" oder viel Ärger, es ging um die Höhe meines „Beitrages". Der Unfallgegner verlangt 10,000 Rupien (ca. 150 €), ich halte 4000 dagegen. Des Polizeioffiziers Stimme wird drohender: can you agree, will you compromise, otherwise.......! Ich erhöhe auf 5000, aber das sei mein letztes Wort. Der andere will nicht, der Herr der drei Sterne nimmt ihn wenig höflich ins Gebet. Er schüttelt zwar immer noch den Kopf aber es wird schon ein Protokoll aufgesetzt. Zwei Sätze  auf einem leeren Stück Papier. Sachlage durch Kompromiß geregelt, keine weiteren Forderungen, keine Schuldzuweisungen, Unterschrift. Barzahlung an den Offizier, Verabschiedung mit Händeschütteln. Ob mein Unfallgegner die 5000 Rupien nur einmal gesehen hat, als ich sie der Polizei übergab oder ob er etwas vom Kuchen abbekommen hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Heutige Schlagzeile auf der ersten Seite der Times of India: "Heavy penalties for reckless driving - High Court seeks to discipline chaotic city roads", die Strafen werden im Delhibereich fast verdoppelt. Der Polizei wird's recht sein,  die Kasse klingelt.

Die Visa sind in den Paß gestempelt, der Rückreise stehe ich nur selbst im Wege. Vor zwei Wochen noch standen Fluchtreflexe im Vordergrund, jetzt suche ich nach Ausreden zu bleiben; die Haßliebe, die Widersprüchlichkeit dieses Subkontinents.

Straßencafé in New Delhi; vor mir ein Capuchino und der Reiseführer, Episoden der letzten Monate laufen noch einmal vor dem geistigen Auge ab. „Zentralindien, staubige, reizlose Durchgangsstraßen die passiert werden müssen, um sehenswertes zu erreichen", so die Einschätzung des Führers. Wie sehr verändert sich doch der Blickwinkel, wenn man nicht nur drei Wochen, sondern ein halbes Jahr im Lande ist. Ohne die zentralindischen Staaten, insbesondere Madhya Pradesh kein Eindruck Indiens oder anders: Indien ist so vielfältig, daß jede Reise durch diesen Subkontinent nur ein Teilbild vermitteln kann, das mehr oder minder repräsentativ für das ist, was das Besondere an Indien ausmacht und gerade dieses Besondere wird jeder etwas anders sehen und empfinden, so daß ich letztendlich bezweifle, daß man dieses Land überhaupt in einfacher Form auch nur annähernd in Gänze beschreiben kann.

Indien ist Indien, ich bin mir der Schläue dieser Aussage wohl bewußt, soll heißen, daß das, was für mich den Reiz Indiens ausmacht, gänzlich indisch und damit unverwechselbar anders  ist, als ich dies irgendwo auf dieser Welt erlebt habe. In Afrika kann man sich verlieben. Dieser in Flora und Fauna, Landschaft, Licht, Stimmung und Menschen so besondere Kontinent ist gefährlich; wer sich einmal in Afrika verliebt hat, wird für immer vom Afrikavirus befallen bleiben.

Wie anders hier in Indien. Verlieben in Indien? Diese Braut ist voll der Gegensätze! Man muß den Konflikt schon lieben, um mit diesem Mädel glücklich zu werden. Begehrst du die eine Seite, zeigt sie dir die andere, willst du die andere Seite, schmeißt sie dich raus, sie ist wie die Fee bei der Reifengeschichte, immer flüchtig, immer da, nie so wie du willst, aber sie wird dich, hast du dich einmal mit ihr eingelassen, genau so wenig einfach wieder gehen lassen wie du sie, so kompliziert diese Beziehung auch werden mag.