Bericht 3

Rajasthan

 

Abschied von Jaipur und den 5 Sternen des Maya International Hotels, auf dessen riesigem Parkplatz ich in den letzten Wochen hatte residieren dürfen. Beginne mit einer Posse; war einfach zu schön. Gehe, um mich zu verabschieden, ins Büro des General Managers (GM) und finde diesen am Telefon. Preisverhandlungen - jemand möchte eine Gruppe einbuchen - der GM schwärmt - please understand - we are at the same level with the Sheraton. Ich gehe mal davon aus er sagt die Wahrheit, dann muß es in Jaipur eine Billigkette namens Sheraton geben. Restaurantküche grausig, die Toiletten daneben noch grausiger, Pool ohne Rasen aber mit Beton, einige billigste Plastikstühle darum herum, „business center" - ein nicht funktionierender PC in der Hotellobby - 5 Sterne - von Woolworth! Der Kunde am Telefon war wohl ähnlicher Meinung und legte auf. Der GM war geknickt und schlechter Laune und ich sah zu, daß ich von dannen kam.

Ajmer

Zweihundert Kilometer weiter südwestlich, Ajmer, noch einmal eine Religionsvariante, von der wir Christen, bezüglich Liberalität und Toleranz vielleicht etwas lernen könnten - die Sufis. Die Sufis (Sufisten) gehören dem moslemischen Chrishti Orden an, im 12. Jahrhundert von dem aus Afghanistan herunter gewanderten Asketen und Mystiker Muin-du-din Chrishti gegründet. Als Asket und Gelehrter allseits akzeptiert und geachtet, besaß der Ordensgründer schon damals die Weitsicht zu erfassen, daß im kriegsgebeutelten Rajasthan, in dem sich die lokalen Rajputenführer Nordindiens, türkischstämmiger Eroberer, die Mongolen aus Zentralasien und viele andere nach bestem Wissen und Gewissen massakrierten, nur dann Frieden einkehren könne, wenn zumindest die religiös bedingten Kriegskomponenten, d.h. die permanenten Konflikte zwischen Hindus und Moslems, gelöst wären. Mit dieser Überzeugung war der Grundstein gelegt, die Einheit aller Religionen, mit einer von allen verehrten Gottheit, zu predigen. Chrishti wurde nicht müde, die Unvereinbarkeit von Monotheismus und Hinduismus zu widerlegen. In der Tat glauben auch die Hindus an eine übergeordnete Gottheit, es ist nur schwer, diese in den heutigen hinduistischen Praktiken und Riten zu erkennen. Tempel sind den verschiedensten Gottheiten geweiht, von Brahma über Krishna zu Vishnu, dem elefantenköpfigen Ganesh und vielen, vielen anderen,  bis hin zu der blutrünstigen Göttin Kali, dargestellt mit Grimasse, blutig heraushängender Zunge und einer Kette aus Totenschädeln um den Hals. Was hat das alles noch mit Monotheismus zu tun? Die Gottheiten werden, soweit ich das bisher verstanden habe, als Reinkarnationen von Brahma gesehen, der sich selbst auf eine Urgottheit zurückführt. Dementsprechend sind alle Hauptgötter nur verschiedene Erscheinungsformen ein und derselben Gottheit. Im heutigen täglichen Leben haben sich viele dieser Haupterscheinungsformen gemischt und, erweitert um hunderte von Nebengöttern, Heiligen und Reliquien, weitgehend verselbstständigt, so daß, für den Außenstehenden wie auch dem einfachen Gläubigen, die ursprünglichen Zusammenhänge kaum mehr erkennbar sind. Zur monotheistischen Grundlage des Hinduismus (ich beziehe mich jetzt wieder auf einen gebildeten Inder, den ich im Museum kennengelernt habe), finden sich aber schon Schriften aus dem 8. Jahrhundert, als die Schule der Advaita Vedanta (eine der sechs Hauptschulen des Hinduismus), den Hinduismus als reinen Monotheismus an der Grenze zum Monismus darstellte (das Absolute ist mit Gott identisch und mit dir wesenseins). Soweit zur Basis der Lehre der Sufis. Muin-du-din Chrishti predigte ganz praktisch und pragmatisch, daß Tempel, Schreine, Moscheen und Kirchen lediglich unterschiedliche materielle Manifestationen ein und des gleichen Glaubens an ein und die gleiche Gottheit seien. Die Sufis halten sich bis heute an diese Regel und laden Gläubige anderer Orientierung ein, an ihren heiligen Handlungen nicht nur passiv teilzuhaben sondern aktiv teilzunehmen (die Grenze war dann aber beim Gebet im Gebetsraum der Moschee erreicht, zuschauen darf ich, teilnehmen als Nichtmoslem aber nicht - einverstanden).

Für mich wird die Haltung und die Lehre Chrishtis besonders brisant, wenn man die Zeit, das ausgehende 12. Jahrhundert, berücksichtigt und mit Europa vergleicht. Weitsicht und Glaube auf der einen - Nebel und religiöser Wahn auf der anderen Seite (sicherlich stark überzeichnet, aber trotzdem). Für obige Zeilen entschuldige ich mich auch geziemlich; ich habe kein ausreichendes Wissen und sollte meine Finger von diesen Themen lassen. Aber wenn ich nicht den Widerspruch (oder ein höhnisches Grinsen) beim Leser wecke, wie soll ich dann jemanden zum Recherchieren bewegen, das Internet wartet.

Ich bin also in Ajmer und möchte die sehenswerteste Moschee „Adhai-din-ka-Jhonpra", berühmt ob ihrer Kalligraphien, besuchen. Ich stoppe eine Motorrikscha und erkläre, wohin ich möchte. Leere Augen - moslem mosque? Yes, please - und los geht's (die letzten beiden Worte waren ein Fehler). Quer durch die Altstadt, den Bazar, der Rikschafahrer ist ein Schlitzohr. Die Straßen werden enger und enger, dann Schluß, weiter zu Fuß. Wir erreichen durch verwinkelte Gäßchen die Moscheeanlage - soll ich warten? Alter Gauner, hast mich so hergeführt, daß ich nie und nimmer alleine zurückfinde, natürlich sollst du warten und kannst dann auch noch (du hast die besseren Karten) den Preis selbst bestimmen - reingelegt, aber immerhin gekonnt.

Cyberspace

Stellen Sie sich vor, Sie werden in eine Cyberspace Shuttle gesteckt und mit Überlichtgeschwindigkeit in eine andere Welt geschossen. Sie werden schwerer und jünger, Raum und Zeit beugen sich, Sie können das Haus vor ihnen von hinten sehen (das schafft nicht nur Herr Escher sondern auch Einstein) aber was soll's - Sie stecken drin und kommen nicht mehr raus. So ging es mir in der Moschee, eine andere Gewalt übernahm die Führung. Werde am Eingang von einem jüngeren Mann abgefangen  - come!!! (Befehlston mit Lächeln, aber Widerspruch zwecklos). Erste Bude rechts: 10 Rupies, bevor ich mich versehe sitzt ein Moslemkäppchen auf meinem Kopf -  come!! Durch die sich drängelnde Menge - come, come!! Wir stehen vor dem Heiligtum (welchem eigentlich? Habe im Führer nichts davon gelesen). Sit! (wie beim Hund), brav setzte ich mich auf den Boden. Gästebuch und „donation". Der Eingang zum Heiligtum ist unpassierbar, zu dicht ist das Gemenge der Gläubigen. Come! Die Shuttle bahnt sich mit brachialer Gewalt ihren Weg - come - wir sind drin! Head down! Ich stehe verloren in der Menge, sehe gar nichts, verstehe gar nichts, als ein violettes Kissen auf meinem gebeugten Haupt landet. Your name? - Karl - Gemurmel, Segnungen und Koranverse. Mouth! - was mouth? - open - ein paar Rosenblätter finden den Weg auf meiner Zunge - chew! Wenn ich jetzt Durchfall bekomme, war's gottgewollt! Come! (aber diesmal tönt es von zwei Seiten) - einer (meiner Shuttle) - raus; ein anderer, come, come, weiter rein. Ich entscheide mich für raus. Natürlich kann man fragen, warum ich das Ganze mitgemacht habe. Ehrlich gesagt, die Frage hat sich mir überhaupt nicht gestellt. Es ging alles so schnell, es war alles so verrückt - come, come - es war fast wie ein Zwang - space shuttle - just fly, no way to get out.

Komme wieder zur Besinnung und suche mir auf dem Moscheegelände ein ruhiges Plätzchen, um meinen Führer zu konsultieren. Das Erlebte, weit und breit kein Zeichen besonderer Kalligraphien, ich bin in der falschen Moschee gelandet. Anstatt in der „Adhai-din-ka-Jhonpra" befinde ich mich, laut Beschreibung, in der „Khwaja-du-din-Chrishti". Das Heiligtum, in welchem das violette Kissen auf meinem Haupt und die Rosenblätter in meinem Mund landeten, war die Grabstätte des Ordensgründers. Ich war Zeuge der sufistischen Lebenshaltung geworden.

Drei Stunden später, wieder bei Rokala, lese ich in „Footprint" nach. Da stand es geschrieben: "Entering the Dargah you're likely to be stopped by stern-looking young men, claiming, they are official guides. In fact, these men are khadims, heriditary priests, operating in much the same way as Hindu pujaris, leading pilgrims through rituals in the sacred predinct in exchange for donations". Sehr spannend und eindrucksvoll war's trotzdem!

A pro Pos falsche Moschee - haben Sie einmal versucht den Namen "Adhai-din-ka-Jhonpra" fließend, geschweige denn für einen Rikschafahrer verständlich auszusprechen?

„Gebettet wie auf Rosen"

Haben Sie sich eigentlich schon einmal gefragt wie ich hier lebe, wo ich schlafe, oder sind Sie nur begierig nach Dinge, die nicht so recht geklappt haben (Sensationslust nennt man das). In Europa mit einem Wohnmobil, da gibt es LKW- und Busparkplätze, Wohnmobilstellplätze, Campingplätze mit Ver- und Entsorgungs-einrichtungen zu hauf, selbst wenn die 9 Tonnen von Rokala nicht immer Begeisterungsstürme auslösen. Leider werden diese Einrichtungen rarer, je weiter man nach Osten kommt. In der Türkei gibt es immerhin noch die großen Tankstellenanlagen, im Iran fliegen, wenn man Pech hat und sich die wirklich falschen Plätze sucht, ein paar Steine, in Pakistan übernachtete man unter Polizeischutz und in Indien? Berechtigte Frage - schwieriges Problem. Tankstellen sind häufig klein und eng, Steine schmeißt hier keiner, die Polizei ist nie zu sehen und kann dementsprechend auch keinen Schutz gewähren - also wohin? Geht man nach den Guidebooks für Individualreisende, erwartet einen Hilfe: „off the track, you hide the car somewhere, it should not be visible from the road". Ich hätte die Autoren dieser Zeilen zu gern einmal in Indien beobachtet. Die Bundesstaaten, die ich bisher bereist habe, sind so dicht besiedelt, daß schon der Versuch eines „Versteckens" unsinnig erscheint. Habe ja schon Schwierigkeiten, einen einsamen Busch zu finden, ohne daß jemand zuschaut; von einer „würdigen" Entleerung meines Toilettentanks einmal ganz zu schweigen. Also wohin?

Hotelparkplätze - eine vernünftige Lösung? Ja und nein. Ja, man hat einen bewachten Standplatz, man kann die Hotelinfrastruktur nutzen (Wäsche waschen lassen, Internet, etc.), muß aber beim General Manager betteln gehen und, sofern man akzeptiert wird, den Parkplatz auch gut bezahlen. Habe mich auf „Mittelklassehotels" eingeschossen; bei den großen blitzt man zu oft ab, die kleinen sind aber auch nicht ohne, denn, meist im Innenstadtbereich gelegen, haben sie nicht ausreichend Parkraum für die 7,20 Meter von Rokala. Wie Sie sehen, es ist und bleibt ein Problem, zumindest in dem touristisch überlaufenen Rajasthan.

Bleibt die Übernachtungsmöglichkeit in der Wildnis. Der Mensch ist schon ein komisch Tier! Meine Route führt, (ich greife jetzt ein wenig vor), von Jaipur über Ajmer nach Jodhpur, weiter durch die Wüste „Thar" nach Jaisalmer und dann, unweit der pakistanischen Grenze, nach Süden bis Sanchore und Tharad, nach Suigam an die „Everglades von Indien" in den Ausläufern des Golfs von Karachi, nach Osten über kleine Straßen bis Deesa und Palanpur, um dann nach Norden Richtung Abu Road. Exemplarisch sei die erste Nacht herausgegriffen. Komme spät aus Ajmer weg, keine Chance an diesem Abend Jaisalmer zu erreichen. Werde also in der Wüste übernachten. Problem: ich finde die Wüste nicht, oder haben Sie schon einmal Kühe in der Wüste weiden sehen? Nach der Karte bin ich mitten drin. Also, da habe ich in meinem Leben die Sahara, die Kalahari, die Namib, die Wüste in Arizona und kürzlich die Wüste Lut kennen lernen dürfen, aber diese hier, die Thar, kann man wirklich nur an Touristen als solche verkaufen; muß sich um eine Erfindung der RTDC (Rajasthan Tourism Development Corporation) handeln. Zwar Sand, aber durchsetzt mit  Dornbüschen und Akazien und dazwischen jede Menge Vieh (Kühe, Schafe, Ziegen und, nicht zu vergessen, Soldaten der Border Security Force; Pakistan ist nahe). Die RTDC bringt es sogar erfolgreich fertig, Kamelsafaris zu vermarkten! Wahrscheinlich als Fotogroßwildjagd - jeder darf eine Ziege „schießen". Ungefähr auf halber Strecke finde ich ein Plätzchen, daß mir geeignet erscheint; alles potteben, mit Verstecken ist's nicht weit her, aber fern genug der Straße, das müßte gehen. Sehe auch in 300-400 Metern Entfernung zwei Minisanddünen, wird ja richtig romantisch. Allradantrieb und Untersetzung zugeschaltet - off you go - wühle mich durch eine Oberfläche, die fester aussah als sie ist, in Richtung Dünen. Ein paar Kühe, einige Ziegen und Rokala - mache ein Foto und mach's mir gemütlich. Aber da gibt's eine goldene Regel: „wo Ziegen sind, da sind auch Hirten" und die brauchten keine fünf Minuten, dann waren sie da, drei Mann hoch. Eine weitere goldene Regel besagt „andere Länder, andere Sitten", wenn's uns Europäern auch manchmal schwer fällt, dies zu akzeptieren. Die Hirten machten es wie der Wolf mit der Beute, langsam umkreisen, immer näher und dann zuschlagen! Bambi hatte mich vorgewarnt, hätte alles wissen müssen und habe nichts kapiert; jetzt war's passiert und zu spät sich zu wehren!! Sie stehen da und starren, starren, starren; was du auch tust - sie starren! (Wieder Bambi: ein Hauptproblem Indiens ist die enorme Bevölkerungsdichte, zusammen mit einer jährlichen Geburtenrate von immer noch über 5%. Man lebt damit zwangsläufig in einer sehr engen Gemeinschaft, die kaum bis keinerlei Raum für eine Privat- oder Intimsphäre läßt. Gibt es einfach nicht - Fremdwort - alle bekommen alles mit, von dem was du im Busch verrichtest, zu dem, was man des Nachts tun könnte. Rokala erscheint im Busch - made your day - die Sensation des Tages. Jetzt stehen sie da und starren und du benimmst dich wie ein Greenhorn, das noch nie auf Reisen war. Die Situation erinnert mich an Japan und an ein Abendessen allein mit einem älteren, sehr traditionsbewußten Kollegen. Die Unterhaltung kommt ins Stocken, Schweigen - sehr unangenehm, peinlich - du redest - Smalltalk - Schwachsinn, um die Situation zu überbrücken. Du kommst dir vor wie ein Depp, der Japaner hält dich für einen! Warum? Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Für den Japaner ist die Ehre deiner Anwesenheit das Entscheidende, nicht dein Gebrappel. Du hast nur den Fehler gemacht, deine europäischen Vorstellungen zu übertragen.

Ähnlich auch hier - sie starren. Anstatt aber sitzen zu bleiben, indisch zu grüßen, mein Buch weiter zu lesen und meinen Tee zu trinken (und ihnen vielleicht auch einen anzubieten), fühle ich mich bedrängt und genötigt, gehe rein und bin im Gefängnis; die draußen rühren sich nicht von der Stelle. (Und seien wir doch einmal ehrlich; ein Mann, eine hübsche Frau, Neugier, verstohlene Blicke. Hier sind sie halt nicht ganz so verstohlen - aber im Prinzip - ist das denn wirklich sooo anders?). Dann kommt die Nacht, Ziegen und Hirten sind verschwunden. Wie immer dauert es nur eine Viertelstunde vom Tageslicht bis zur tiefen Schwärze. Wolkenlos, die Milchstraße zieht sich wie ein weißes Band über den Himmel, Neumond, wirklich pechkohlrabenschwarz! Wie lange warst du in Afrika, wie viele Wochen bist du im Pick-up durch den schwarzen Kontinent gereist, was ist dir dabei, mit Ausnahme der Höflichkeit und der Hilfsbereitschaft der Menschen, passiert? Nichts, rein gar nichts! Aber das Türkeierlebnis und die Steine von Teheran scheinen ihren Tribut zu fordern, die Ratio setzt sich nicht durch - der Labs hat Angst; wovor? - das weiß er wohl selbst nicht.

Will man in solch einer „Wildnis" in Ruhe frühstücken, muß man früh aus den Federn. Mein Wecker klingelte um 5:45; 6:15 - Stimmen um den Wagen. Die Hirten gehen halt mit den Ziegen zu Bett, stehen aber auch (leider) mit ihnen wieder auf - guten Morgen!

Mit Allrad und Untersetzung geht's zurück zur Straße. Die Hirten können leicht zu Fuß folgen. An der Straße stehen sie dann, die Drei, mit auf Brusthöhe zusammengelegten Händen, dem Abschiedsgruß! Ich gottverdammter Vollidiot, mit Höflichkeit und (wenigstens ab und zu) ein wenig Nachdenken wäre ich weiter gekommen und hätte die Drei nicht zu brüskieren brauchen. Ich lege meine Hände zusammen und gelobe Besserung; die Drei lachen - Adieu!

Reaktionen

Was ist mir nach 25 Jahren noch an Erinnerungen an Sambia geblieben? Viel! - war eine sehr intensive Zeit. Aber das, was ganz tief nach Innen gegangen ist, was wohl nie in Vergessenheit geraten wird und mir schon damals, zum ersten Mal in meinem Leben, das Gefühl einer zweiten Heimat gegeben hat, das war das Licht und die Farben und die Art und Weise, wie die Menschen sich vermittelten - durch Lachen. Eine bitterarme Bevölkerung, die Lachen konnte, von Herzen und oft. Wir lebten in einem der ärmsten Entwicklungsländer, (fast) niemand hatte viel, Konsumgüter - gab's keine, und andere Werte traten in den Vordergrund, für einen Europäer ein Erlebnis, da im modernen Europa schon längst begraben!

In Indien, in ländlichen Gebieten genau so bettelarm, trete ich als König auf - mit Rokala - unermeßlich reich. Neid ist die Folge! Richtig ! - aber nur in Europa! Ärzte verdienen halt zu viel Geld; solche Bemerkungen, sehr freundlich in den Raum gestellt und natürlich nicht ernst gemeint, waren nicht so sehr selten. Seit ich Europa verlassen habe, ist so etwas nie mehr vorgekommen. Ströme von Besuchern, Lachen, Neugier, Schränke aufgemacht, mal geschaut, was im Kühlschrank ist, Wasser aufgedreht - fließt wirklich, einer legte sich aufs Bett - very comfortable und die in Indien unvermeidliche Frage „what does this cost?", all dies passiert täglich. Very nice, really very nice, die Hände werden vor der Brust zusammengelegt, thank you very much, good bye. Wen wundert es, daß es mir hier so gut gefällt?

Highlights

Architektonische Highlights, Jodhpur gehört dazu! Meine Unterkunft, mal wieder ein Hotel, allerdings als zahlender Gast, nicht auf dem Parkplatz. Hatte Stunden mit einem Motorrikschafahrer verbracht, sind von Pontius zu Pilatus gefahren, entweder zu klein für Rokala oder abgeblitzt; hier gibt es einfach zu viele Touristen, die Hotels sind mit Bussen ausgebucht und wünschen keine LKWs auf ihren Grundstücken, das leidige, alte Problem. Abendessen, drei Busladungen von Franzosen bevölkern den herrlichen, mit Blumen reich geschmückten Innenhof des Hotels. Buffet (yes, Sir, one price, all inclusive) - Auberginengemüse, Kartoffelgratin, gegrilltes Hähnchen oder Lamm - halt was den europäischen Gaumen so erfreut. Ich lasse mir den Koch kommen, wir haben ein ernsteres Gespräch - ich bekomme Lal Maas (eine rajasthanische Lammspezialität), cooked the original Indian way, Linsen in scharfen Sauce (ein Gedicht), angemachten Yoghurt, gebuttertes, heißes Naan, gesalzene Lassi, Mineralwasser und ein Bier - der alte Labs ist von Herzen zufrieden (und die Franzosen mit ihrem Buffet augenscheinlich auch). Eine Kapelle spielt auf, Frère Jacques auf einem indischen Streichinstrument! - auch ein „Gedicht", und was für eins. Die Franzosen tanzen  - der Labs geht zu Bett.

Das Meherangarh Fort zu Jodhpur, ich zitiere den Führer: „die denkbar authentischste Manifestation des unaufhörlichen Kreislaufes von Krieg, Ehre und Extravaganz, die untrennbar mit den Geschlechtern der Rajputana verbunden ist" - klingt etwas geschwollen, aber das Gefühl stellt sich ein, wenn man davor steht. Das Fort thront majestätisch über der Stadt, 100 Meter steiler Fels,  von allen Seiten als Zeichen der Macht und des Einflusses rajasthanischer Fürsten (Rajputana) zu erkennen. Erbaut Mitte des 15. Jahrhunderts, beherbergte das Fort bis 1950 die rajasthanischen Maharadschas und überstand, im Laufe seiner langen Geschichte, unversehrt den Ansturm aller Gegner von Mongolen bis zu den Engländern. Von von Zinnen bewehrten Mauern umgeben muß man auf einem steilen Serpentinenweg 7 befestigte Tore passieren, bis man in dem Palast, also den inneren Wohnbereich des Forts gelangt. Innenhöfe auf verschiedenen Ebenen, phantastische Jali (durchbrochenes, zu feinsten Ornamenten gemeißeltes Mauerwerk), die nahezu alle Sandsteinwände, Balkone und Erker des Palastes überziehen, versteckte Fenster, die dem Harem erlaubten ungesehen das Treiben des Hofes und insbesondere ihres Herrn und Meisters, des Maharadschas, zu beobachten, der Thronsaal, der Blumensaal, der Lichtsaal, Kunstwerke aus Gold, Farben und Licht, welches sich, je nach Einfallswinkel der Sonnenstrahlen durch die Jali, so bricht, daß unaufhörlich sich ändernde Muster, die die Räume überfluten, entstehen, Außenbalkone und Terrassen mit Blick auf die „blaue Stadt", Flötenspieler in verträumten Höfen und Museen, herrliche Museen. Der heutige Maharadscha von Jodhpur befand sich 1947 zum Studium in England, als er von der Unabhängigkeit und der neuen Verfassung, die ihn aller Rechte als Maharadscha enthob und als normalen Bürger einstufte, überrascht wurde. Nach Rückkehr in seine Heimat gründete er, immer noch mit großem Reichtum gesegnet, eine Stiftung zur Erhaltung und Pflege seines Erbes und anderer rajasthanischer Kultur- und Baudenkmäler, und das nicht nur auf dem Papier, wie ich in seinem Palast am eigenen Leibe erleben konnte. Elektronische Guides mit Kopfhörer waren im Eintrittspreis enthalten und führten über 32 Stationen durch den gesamten Komplex, mit einer Fülle ausgezeichnet aufbereiteter Informationen bezüglich dessen, was man gerade sah, den historischen Hintergründen, vielen Kommentaren zum Leben in damaliger Zeit, den politischen Ereignissen und deren Konsequenzen für die Maharadschas und die Bevölkerung Rajasthans. Multiple kleine Museen sind entlang der „geführten" Route integriert, so daß man nie überladen wird, sondern sich der Weg höchst abwechslungsreich und spannend gestaltet. Verbrachte 5 Stunden im Fort und schließe das Ganze mit einem späten Mittagessen im Fortcafé, das mal wieder eine ausgezeichnete indische Küche bot, ab. Zum Abschied werde ich dann noch mit dem strahlenden Lächeln eines hübschen, jungen Mädchens an der Ausgabe der elektronischen Führer bedacht. Diejenigen, die nicht nur durchs Fort hetzen, scheinen ihren Respekt zu genießen. Habe mich gefreut.

Jaipur war die rosarote-, Jodhpur ist die „blaue Stadt". Wie ein Mosaik zieht sich die blaue Farbe, beim Blick von oben, durch Straßen und Gassen, mal geballt, mal nur gesprenkelt. Das ist, besonders in der späten Abendsonne, wenn die schräg einfallenden Strahlen sich im Dunst über der Stadt brechen und eine sehr unwirkliche Atmosphäre entsteht, nicht nur ein ästhetisches Erlebnis, sondern gibt, ganz praktisch gesehen, ein Bild, wer wo wohnt. Die blauen Häuser sind den Brahmanen vorbehalten. Ich habe zwei widersprüchliche Thesen zum Hintergrund des Blaus gelesen - schlicht eine Indigoverunreinigung der gewünschten weißen Tünche oder gewollt, da die Indigobeimischung nicht nur die Temperatur in den Innenräumen niedriger halten (?), sondern auch Plagegeister, wie Moskitos, fernhalten soll. Was auch immer stimmen mag: es sieht sehr schön aus.

Es gäbe noch so viel zu erzählen aus Jodhpur! Eine kleine Geschichte muß ich aber noch loswerden. Hunde gelten als unrein in Indien, was diese natürlich gewaltig ärgert. Ich sitze also gen Abend mit meinem Fotoapparat vor einer Tempelanlage und warte auf das schönste Licht. Vor dem Tempel erstreckt sich ein See, in und auf dem, je nach den Launen des Windes, eine bunt gekräuselte Oberfläche oder ein herrliches Spiegelbild des Tempels entsteht. Ich sitze also und warte. Da erscheinen zwei Hunde, ein Pärchen. Dem Weibchen drängt's, es schnuppert unsicher, sieht mich an und läuft schließlich zum See, ins flache Wasser am Rande. Sehe ich wirklich recht oder ist das eine Fata Morgana? - Hintern unter Wasser - Geschäft gemacht und gespült - einmal geschüttelt - ein erfreutes Bellen - erledigt. Von wegen unrein!!

Jaisalmer

Von der blauen Stadt in die Goldene - von Jodhpur nach Jaisalmer. Das wieder hoch über der Stadt thronende Fort begrüßt die Besucher von Weiten, allerdings auch einige Beamte an einem Schlagbaum, die „Tourist Tax" abkassieren. Habe mir das Rang Mahal Hotel auserkoren; 4 Sterne, schöne Parkanlage, hoffentlich schöner Parkplatz - Letzterer erweist sich als Bourgainville umstanden, aber klein - Rokala drauf, Parkplatz voll; aber schön der Reihe nach. Vor dem Hotel werde ich von einem älteren Herrn mit einer Zigarette zwischen den Fingern empfangen. Ich erkläre mein Anliegen, sehr höflich, bittend, Parkplatz, gerne bereit dafür zu bezahlen, wenn es Ihnen keine Probleme macht. Anstatt einer Antwort nur ein Gebrumme „I just have one problem and that is my cigarette" (war gerade dabei, sich am Stummel die Finger zu verbrennen). Dann, wie lang ist der Wagen? 7,20 m. Ok., wenn Sie da reinpassen können Sie bleiben solange Sie wollen. Gastfreundschaft steht in Indien sehr hoch im Kurs, aber damit hatte ich nun doch nicht gerechnet. Eine nochmalige, vorsichtige Frage nach den Kosten provoziert eine krasse Reaktion, ob er, zum Teufel, sich denn nicht klar ausgedrückt hätte? Ein Wohnmobil hätten sie noch nie hier gehabt aber für einen Parkplatz hätte auch noch nie jemand bezahlen müssen. Klang wie „go to hell, but be my guest!". Eine solche Einladung schlägt man nicht aus, zumal wenn sie, wie sich später herausstellte, vom Hotelbesitzer persönlich kommt - ich bleibe 4 Nächte.

Im Führer wird das Rang Mahal als außerhalb der Stadt, bei den Sanddünen liegend, beschrieben. Die Sanddünen, zu dieser „Wüste" passend, erweisen sich als Stein- und Geröllhügel, ca. 100-150 Meter hoch und der ideale Standort, um von „über dem Geschehen" das Fort von Jaisalmer im Sonnenuntergang zu fotografieren. Die goldene Stadt, von der Sonne so getauft, erglüht in der Abenddämmerung in Gold, Gold und dem gesamten Farbspektrum von Beige über Ocker nach Rot. Ich bleibe auf meinem Hügel, bis die Sonne fast untergegangen ist. Im Gegensatz zu Jodhpur leben innerhalb der Festungsmauern von Jaisalmer heute noch ca. 2000 Menschen. Von was sie hier leben? Es gibt nur eine Geldeinnahmequelle, die Touristen. Himmel und Hölle, hier liegen sie eng beieinander. Touristenströme, ruhige, verträumte Hinterhöfe, enge Gassen, Rummel, Jahrmarktsstimmung, Dreck, Ziegen, Kühe, herrlich verzierte Hausfassaden, Havelis (um schattige Innenhöfe errichtete Wohngebäude), Tempelanlagen, kleine Restaurants auf Dachterrassen, Bazar, Maharadschapalast und Museen - Widersprüche in sich? Eben nicht! Individualtouristen sind hier eine seltene Spezies, die Geißel (und Einkommensquelle) der Stadt sind die Gruppen. Die aber laufen mit Führer, wie die Ameisen, immer die gleichen Wege. Gott sei Dank! Auch fallen die Heerscharen meist morgens ein, da der typische Tagesablauf immer dem gleichen Schema folgt: Anreise abends - Dinner, morgens früh durchs Fort (dann kann man sich dort wirklich nicht mehr bewegen und die Schlepper (Stouts) gebären sich hysterisch) - Lunch schon wieder außerhalb des Forts - weiter geht's, die nächste Station wartet. Das war Jaisalmer - Reisen bildet!

Hält man sich ein wenig fern dieses Rhythmus, dann, zumindest mit etwas Glück und abseits der ausgetretenen Pfade, eröffnet sich einem das Jaisalmer von einst. Ich hatte Glück  - ich bummle, selbst den Stouts ist dieses Tempo zu langsam, eine Haveli, ich werde angesprochen, „would you like to come in and to see my house?" - natürlich wollte ich! Der Besitzer des 200 Jahre alten Gemäuers, der verständlicherweise auch einen Souvenirladen betreibt,  seine Tochter und ich - irgendwie stimmte das. Das Leben im Fort, mit und ohne Touristen, wie es vor 20 und 30 Jahren verlief, seine schon ziemlich verfallene Haveli, der Wiederaufbau, Finanzprobleme, (der Souvenirladen läuft nur mäßig - gibt einfach zu viele davon), staatliche Subventionen (er würde gern ein kleines Museum daraus machen, ein Raum hat wunderschöne, gut erhaltene Spiegel und Deckenmalereien), das alte Beleuchtungs- (Öllampen + reflektierende Spiegel = hell erleuchtete Räume mit schönem Licht) und Belüftungssystem (durchbrochenes Mauerwerk + geschickt genutzte Tunnel- und Düseneffekte; es entsteht ein anhaltender, leichter, sehr angenehmer Lufthauch ohne daß man jemals das Gefühl hätte, im Durchzug zu stehen), die Entwicklung der Verkehrsinfrastruktur und wie die Bevölkerung von Jaisalmer einen politischen Poker gegen die Regierung gewann, Esel ist nicht gleich Kamel - wann und für was die Lasttiere eingesetzt wurden und werden, die Militärkonzentration im pakistanisch/indischen Grenzbereich - Vorteile und Probleme, die pakistanisch/indischen Kriege (nur Probleme), etc., etc. - ich darf aufs Dach um zu fotografieren, während er seinen Laden schließt. Wir gehen in sein „Privathaus", ein Zimmer, hoch oben in der verschachtelten Altstadt, mit Dachterrasse, und trinken Masala Tee. Irgendwann und irgendwie würdet man es ja doch herausfinden. Ich habe mich verliebt - die Tochter - Anjali Goba - hinreißendes Gesicht, riesige Augen, zierliche, wohl proportionierte Figur, lange, schwarze Haare und ein Temperament wie der Teufel - der berühmte Blitz hat eingeschlagen! Schieße einige Portraits - verspreche morgen wieder zu kommen. Halte mein Versprechen und Anjali strahlt! Eine wirkliche Königin - die Portraits sind gelungen und gedruckt - hätte am liebsten weiter fotografiert - Kinderaugen, wie im Bilderbuch - aber Anjali ist verschwunden - Mami, Mami, look, that's me!!!! Eine schönere Belohnung gibt es nicht! Gönne mir noch den Palast und die (wie in Jodhpur) integrierten Museen. Die gleiche Stiftung hat wieder eine Kassettenrekorderführung vorbereitet, von gleicher, hoher Qualität, hinreißende Blicke auf das Fort von oben, voyageurhaftes Blinzeln auf einen Balkon mit einem, das hüftlange Haar kämmenden Mädchen (die Welt der Fotografie mit einem Teleobjektiv, saß wirklich versteckt in einem Erker des Palastturmes, sie hat mich doch entdeckt und zog eine Schnute, nahm die Kamera weg, sie lächelte - Danke).

Jaisalmer - Barmer - Sanchore - Tharad - Suigam - Khoda - Deesa - Palanpur - Abu Road - Mount Abu:
oder, es geht auch anders.

500 km ländliches Indien, hierher verirrt sich kein Besucher. Untersuche die Strecke auch hinsichtlich der vorhandenen Infrastruktur für die Unterbringung meiner Tochter Heike - kommt Mitte Dezember. Barmer - oh Gott, erBarmer Dich! Die anderen Orte sehen auch nicht besser aus - Wüste, was die Infrastruktur angeht, sonst erlebenswertes, ländliches Indien. Schlage meine Zelte in der ersten Nacht fern ab der Hauptstraße auf , 30 km Nebenstraße, kleinere Nebenstraße, Ende des Teers, Sandpiste mit tiefen Löchern und Wellen, off the road we go, kein Mensch, kein Vieh, nur Rokala. Wollen Sie raten, wie lange es dauerte? Nein? - haben Sie auch Recht, die Antwort ist eh klar. Kinder, eben noch war alles ruhig, jetzt aufgeregtes Geschnatter. Biete Cookies an, zaubert ein Lächeln auf die Gesichter, aber sie lehnen ab. Habe ich das richtig mitbekommen? Fiel da eben das Wort Daddy oder so was ähnliches; der Jüngste zieht murrend von dannen und eine halbe Stunde später erscheint das Dorf. Inzwischen aber geschieht Erstaunliches; ich beginne mein Abendessen vorzubereiten: Auberginen, Paprika, Tomaten schneiden, Chillies und Zwiebeln hacken; die Kinder schauen gebannt zu, denn was ich da mache ist ungewöhnlich genug: ein älterer Herr, ohne Familie, wohnt im LKW und putzt Gemüse! - hier stimmt einfach gar nichts mehr! - Davon abgesehen verselbstständigt sich das Leben vor meiner Tür. Die Älteren kontrollieren die Schulhefte der Kleinen, die Mädchen tuscheln und kichern, einige spielen Ball - ein idyllisches Miteinander! Das Dorf: Hände und Füße, das spärliche Englisch des Dorfältesten, Rokala ist voll, die Honoratioren sind um den Tisch versammelt, draußen herrscht Volksfeststimmung, Mopeds und Traktoren tauchen auf, die Kunde vom Exotischen sprießt schnell, wie, wo, warum, was will ich, where is the family, usw. usw. - die „Unterhaltung" läuft erstaunlich einfach. Ich mache langsam weiter mit meinem Gemüsecurry, wird akzeptiert; als die Dämmerung dann schnell hereinbricht, löst sich das Fest auf, nicht allerdings ohne vorher zu fragen, ob ich Wasser oder Milch bräuchte. Um die frisch gemolkene Kuhmilch komme ich dann doch nicht herum - 7:00 morgens - der Dorfchef schickt niemanden, sondern erscheint persönlich, eine wirkliche Ehre! Gastfreundschaft! Es geht also auch anders - schlafe volle 10 Stunden wie in Abrahams Schoß. Nur dem europäischen Wunsch nach Alleinsein, dem kann nicht Rechnung getragen werden.