Bericht 2

Vom Punjab nach Rajasthan

 

Bin inzwischen weit nach Indien hinein vorgedrungen und habe dabei die Bundesstaaten Punjab, Himachal Pradesh und Haryana durchquert. Vor 4 Tagen bin ich schließlich in Rajasthan gelandet. Das erste große Etappenziel ist damit erreicht.

Die ganze Reise in einem solchen Bericht zu dokumentieren wäre lang und trocken; etwas lebhafter erzählt wäre es ein Buch. Also bleibe ich wieder bei Episoden und beginne da, wo ich das letzte Mal aufgehört habe, im Garten von Mrs. Bandhari's Guesthouse in Amritsar. Das Guesthouse wird seit Jahrzehnten in Reiseführern erwähnt und ist damit eine der Anlaufstellen insbesondere für Camper, die sonst nirgendwo vernünftig unterzubringen sind. Und mit diesem Stichwort kommt auch schon die Überraschung: die älteren Jahrgänge sind ganz schön mobil und reiselustig! Zwei Holländer, 68 und 78 Jahre alt auf einer Weltreise, Gruppen von Franzosen, nach Rußland, der Mongolei, China, über den Himalaya nach Pakistan und jetzt in Indien, eine Gruppe betagter Engländer, mit Bus und Bahn durch Indien - bin beeindruckt und fühle mich bestätigt; ganz so ein Außenseiter scheine ich denn doch nicht zu sein.

Am vorgesehenen Tag der Abreise halte ich morgens ein ausgedehntes Schwätzchen mit den Holländern und mit „Bambi". Bambi schaut sich den Wagen an, ist fasziniert und möchte mitkommen! Kann aber erst morgen - nur zu gern! Telefoniere abends mit meiner Tochter Heike und erzähle ihr von Bambi - Pause auf Heikes Seite - Papi, du wirst doch nicht..... - was werd ich nicht? - na, du weisst schon.... - ich weiss gar nichts!  Rede so richtig schön lange um den heißen Brei herum - herrlich - bevor ich herauslasse, daß Bambi, 61 Jahre, männlichen Geschlechts und der Bruder meiner Wirtin Mrs. Bandhari ist. Bambi lebt mit seiner Familie in Manila und ist bei Mutter (101 Jahre) und Schwester zu Besuch, hat Zeit und wäre schon immer mal gerne in einem Truck gereist. Außerdem stimmt die Chemie von Anfang an, so daß wenig gegen einen Versuch spricht. Aus den geplanten 1-2 Tagen wird schließlich, zur Bestätigung des Gesagten, eine Woche - eine Woche „Männer low budget travelling".

Sonntag, wenig Verkehr, wenn es so etwas in Indien überhaupt gibt. Fahren von Amritsar über Chandigarh Richtung Shimla, der in 2000 Metern Höhe gelegenen Hauptstadt des Staates Himachal Pradesh, in Mitten der „Foothills" des Himalaya. „Foothills", das klingt nach Odenwald oder Schweizerischem Jura; Foothills, das sind in Wirklichkeit beeindruckende, bis zu 4500 Meter hohe Bergketten, obwohl sie natürlich nur einen Vorgeschmack auf das Himalaya Zentralmassiv vermitteln können. Chandigarh (Hauptstadt des Punjab), die Berühmtheit Nordindiens, empfängt uns gebührend, strahlender Sonnenschein, breite, 4-6 spurige, Bourgainville gesäumte Prachtalleen, die Könige halten Einzug. Kleines Problem am Rande: es gibt keinerlei Hinweisschilder und so genießen wir eine Vielzahl dieser Avenuen, immer den Ratschlägen unserer Helfer am Straßenrande folgend. Der Eine sagt hoch, der Andere runter. Finden schließlich einen Gentleman, der zu wissen schien, wovon er spricht. Immer geradeaus, viermal über einen Kreisverkehr, an der dritten Ampel rechts abbiegen und schon sind sie auf der Straße nach Shimla. Das einzige Problem: es gab auf der ganzen Straße keine einzige Ampel!

Der Spiegel

Herrliche Foothill Landschaft, steile, Nadelholz bewachsene Berghänge, dschungelgleiche tiefgrüne Vegetation, dazwischen weite Täler mit berauschender Blumenpracht, enge Tunneldurchfahrten (schwarze Löcher), waghalsig in die Bergflanke geschlagene Straßen. Bekomme von alle dem herzlich wenig mit, außer Bambi's Neid erregenden Kommentaren, ein LKW auf diesen Straßen ist vielleicht doch nicht das optimale Transportmittel; bin hoch konzentriert damit beschäftigt, Rokala durch die Kurven zu bugsieren und irgendwie eine Karambolage mit den wild überholenden Indern zu vermeiden. Um 19:30 war's dann doch soweit. Ein Bus überholt an völlig unübersichtlicher Stelle, sehe den Herren auch im rechten Rückspiegel (wer's vergessen hat, in Indien herrscht Linksverkehr), natürlich kommt einer entgegen, bin schon ganz links und bremse aber der Busfahrer versucht's trotzdem, schert scharf vor mir ein und reißt meine beide rechten Rückspiegel herunter (ohne die man in Indien nur mit suizidalen Tendenzen fahren kann). Dem Bus hat die Spiegelhalterung ein hinteres Seitenfenster gekostet. Was folgt ist ein Volksfest, Stau nach beiden Seiten, Busse, LKWs, PKWs, alle sind ausgestiegen, um das Spektakel hautnah mit zu erleben. Zwei Kampfhähne, die sich mit schlagenden Flügeln umkreisen, der eine schreit auf Hindi, der andere benutzt eine Mischung aus Englisch und Deutsch; verstehen einander logischerweise nicht aber das stört wenig, hier geht's ums Prinzip. Das Volksfest endet wie das berühmte Hornbacher Schießen, was den Schaden angeht war eh nichts zu holen. Hoffe inbrünstig, daß die Busgesellschaft dem Fahrer wenigstens die Kosten für die Scheibe aufbrummt (...und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern, o.k., Morgen!)

Shimla, was für eine Stadt! Eine halbe Million Einwohner, die alle Superathleten sein müssen. Die Stadt erstreckt sich über mehrere Bergkämme und die dazwischen liegenden Täler mit Höhenunterschieden innerhalb der Stadt von 400 Metern. Die Hänge sind so steil, daß vertikal keine Straßen, nur Treppen und Pfade existieren. Wer hier auf einem Bergkamm wohnt und einen Freund auf dem nächsten besuchen will, ist lange und steil unterwegs. Straßen gibt s zwei, eine, entlang eines Kamms durch das Zentrum von Shimla, für LKW gesperrt und das aus wirklich gutem Grund - hier wäre kein Durchkommen mehr, und eine zweite, den so genannten Bypass, der sich über 20 km an den Berghängen entlang um Shimla herum windet.

Die im Stillen gehegte Hoffnung, in Shimla eine echte LKW Werkstatt zu finden, erweist sich als trügerisch, gibt es nicht. Es gibt den Autobazar, ein paar halb zerfallene Holzschuppen am Straßenrand, sehr wenig vertrauenseinflößend, sehr wenig. Nur sind wir eben in Indien und dieses Land ist immer für eine Überraschung gut! Mechanikertrupp zusammen getrommelt, alte Spiegelhalterung (Metallbügel), der noch brauchbar ist, heruntergeschraubt, drei kleine Querträger angeschweißt, drei kleine Spiegel, die sie von wer weiß nicht wo aufgetrieben haben, angeschraubt, fertig! Leider kommt dem Labs erst jetzt die zündende Idee. In den drei kleinen Spiegelchen wird man schon etwas sehen, aber viel wird's nicht sein und das auf der kritischen rechten Seite. Warum nicht den linken Spiegel samt Halterungsbügel herunternehmen, umdrehen und auf der rechten Seite montieren.  Wäre doch besser als neu! Keiner will mir glauben; die untere Verkleidung der Spiegelhalterung ist in der Tat asymmetrisch, kann nicht auf der anderen Seite passen. Schraube das Blechteil halt selbst ab und siehe da - unter der Verkleidung ist alles symmetrisch - paßt sehr wohl!! Nur leider ist unser Provisorium schon fertig und für die rechte nicht die linke Seite gemacht. Auch kein Problem, Schweißnähte wieder auf, Querträger umgedreht, Schweißnähte wieder zu, alles montiert und Rokala erstrahlt in neuem Glanz. Es lebe Indien und das sprichwörtliche Improvisationstalent indischer Mechaniker (stellt Sie sich das einmal in Deutschland oder der Schweiz vor).

Ich kann wieder sehen - himmlisch!!!!

Golf

Vierzig Kilometer weiter, die Straße ist inzwischen einspurig und mit Bodenwellen gesegnet: wir finden den ältesten Golfplatz Indiens auf 2800 Metern Höhe, und,  phantastisch, Chalets, für die man das Holz extra aus Finnland herbeigekarrt hatte;  Kuriositäten gibt's wirklich im letzten Winkel dieser Welt! Chalets, verstreut über einen gepflegten Park, mehrere große Terrassen, Pool, Restaurant, Bar, sehr geeignet für ein echtes „low budget travelling" - wir buchen uns ein.

Tee, indisch, gesüßt, mit Milch, Ingwer, ein wenig Kardamon und eine Priese Zimt,  vielleicht muß die Umgebung dazu passen, aber hier schmeckt es herrlich.

Wir gehen spazieren, 15 Minuten bis zum Golfplatz; das Clubhaus ist nirgendwo zu sehen, Fragen den Wärter am Tor....far away, far away, you better take a ride on a muli. Die Eselstreiber waren auch sofort zur Stelle: 45 minutes ride, see golf course and club house; if you take one muli together, very cheap, only 400 Rupies. Das hätte mir gerade noch gefehlt; erst keine Spiegel mehr an Rokala und jetzt mit Bambi auf einem Muli. Auffällig waren auch einige junge Mädchen am Straßenrand, die uns zuwinkten und bis über beide Ohren grinsten. Dazu noch der Preis, völlig verrückt. Wir laufen! Ein kurzer steiler Anstieg, über eine Kuppe hinweg, vielleicht 5 Minuten und vor uns liegt das Clubhaus - 45 minutes on a muli. Das Clubhaus war geschichtsträchtig, alt und vergammelt. Golf- und Geschichtsbegeisterte mögen uns verzeihen, den Berg hätten wir uns sparen können.

Kufri

Vom Kurort Kufri aus (Drecknest mit einer erklecklichen Anzahl von Eselstreibern) soll man einen wunderschönen Blick auf den Himalaya haben, Fehlanzeige, nur Dunst war zu sehen.... und ein „Oberoi" (indische Luxushotelkette) in einem ehemaligen Maharadjapalast.  Fünfzehn Minuten später: livrierte Kellner servieren Tee in feinstem Porzellan auf einer Terrasse mit traumhaftem Blick über die Foothills. Da Bambi und ich charakterstarke Menschen sind beschließen wir, unserer Linie treu zu bleiben - und buchen für den Abend einen Tisch zum Dinner. Ums vorweg zu nehmen: Shrimp bisque, pork cutlets marinated in various spices and served in a selection of fine chili sauces, Crème brûlé, Café und ein indischer Pinot Noir  -  schweineteuer - ausgezeichnet!!

Schwefelquellen am Sutley Fluß

Es sind nur 20 Kilometer, 20 Kilometer in einem Mietwagen, der Fahrer träumt von der Formel 1, 20 Kilometer auf einspuriger Straße mit einer Selektion feiner Bodenwellen, ausgesuchter Schlaglöcher und Haarnadelkurven. Wir kommen an: Inder und Europäer sind einander ähnlicher geworden: bleich.

Die heißen Quellen von Tatapani sind berühmt, sagt der Reiseführer, wir freuen uns, finden sie nur leider nicht. Der Sutley Fluß ist eiskalt, wie sich das für einen ordentlichen Gebirgsbach gehört, von heißen Schwefelquellen weit und breit keine Spur. In der Ferne steht ein Pärchen, eng umschlungen - selbst wenn sie verheiratet sein sollten - welch ein Skandal (in Indien). Und warum stehen die nur und bewegen sich nicht? Tasten uns dezent heran und was bekommen wir zu sehen: eine Pfütze, die Beiden stehen in einer Pfütze - die heißen Quellen sind entdeckt!

Vor der Rückfahrt noch eine ernste Diskussion mit Bambi: wer sitzt vorne und wer hinten (wer spuckt zuerst)? Erwies sich aber als irrelevante Frage, wir waren beide wieder gleich bleich wie auf der Hinfahrt. Haben wirklich alles versucht, den Fahrer unter Kontrolle zu bekommen, auf englisch wie auf hindi, sagte immer nur „Yes, Sir" - und gab Gas.

Le Corbusier

Ein großer Sprung zurück in den Punjab - wir sind wieder in Chandigarh
(Sie erinnern sich - die Stadt mit den Prachtalleen?). 1947 erfolgte die Abspaltung Pakistans von Indien, die bisherige Hauptstadt des indischen Bundesstaates Punjab (Lahore) wurde pakistanisch und war für Indien verloren. Nehru wollte international ein Zeichen setzen, sicherlich auch Indien von Pakistan abgrenzen und beauftragte Le Corbusier mit der Planung einer neuen Hauptstadt, die die aufstrebende indische Nation mit eigenen kulturellen Werten aber orientiert an der Moderne repräsentieren sollte. Das gelang und Le Corbusier schuf ein Werk, das aus der Sicht des Betrachters konträrer nicht sein könnte. So denn auch die Kommentare: Bewunderung auf der einen-, kalte Ablehnung auf der anderen Seite (Le Corbusiers „Werk des Jahrhunderts" oder aber „unindisch, pompös, realitätsfremd, anmaßend").

Chandigarh wurde als Netz großer Quadrate (Sektoren) geplant, durchzogen von breiten Alleen, aufgelockert durch eine Vielzahl von Parks, mit zentralem Einkaufssektor und einem Regierungsviertel am oberen Ende der Stadt. Der Baustil der Sektoren ist uniform und wird in gleicher Weise bis heute fortgeführt, die Kontinuität der Entwicklung eines modernen Indiens symbolisierend.

Spontane Reaktion nach mehrstündigen Sightseeing: der bis zu 50 Jahre alte Sichtbeton ist, wie bei fehlender Pflege auch nicht anders zu erwarten, einmalig häßlich. Die Regierungsgebäude, (pompös, heute aus Sicherheitsgründen mit Stacheldraht umzäunt), noch häßlicher, die Alleen sind prachtvoll, die Gärten und Parks (Rose Garden, Bourgainville Park, Leisure Park, Stone Garden und viele andere) aufwendig gepflegt, sauber und in voller Blüte. Sektor 17, der Bazar, bunt, lebendig, sauber, dreckig, elegant, stinkend, steril - alles hier zu Hause - von der Bretterbude bis hin zur Haute Coiture. Die Stadt erstreckt sich über 10 x 14 km, die Distanzen sind riesig, die Verkehrsmittelinfrastruktur mäßig. Für mich hat sich Le Corbusier hier selbst ein Denkmal gesetzt, wenn auch im Auftrage Nehrus, das die Bevölkerung bis heute ausbaden darf. Nichts desto Trotz: bei Gesprächen mit Einheimischen  ist, bei aller kritischer Haltung den Betonklötzen gegenüber, die sich im Sommer bei Temperaturen von bis zu 50°C in unbewohnbare Backöfen verwandeln, der Stolz auf diese in Indien einmalige Stadt nicht zu überhören.

We just look rediculous

Haben uns in Chandigarh im Shivalikview Hotel niedergelassen, eine sehr zu empfehlende Adresse, 4 Sterne (echte), riesige Zimmer, 80 Euro einschließlich reichhaltigem Frühstücks- und Abendessenbuffet.

20:30 - zwei Gentlemen betreten das Restaurant; Bambi in seinem Spezialdress (hatte nichts anderes dabei) bestehend aus rotem Hemd über dickem Bauch, boxerähnlichen Shorts, langen Socken und Turnschuhen, ich hatte mich immerhin in ein frisches Hemd und Tuchhosen gehüllt. Um uns herum, die feine Gesellschaft in Anzug oder traditioneller indischer Kleidung - sehr vornehm. Um uns herum,  Eiszeit, die Klimaanlage lief auf vollen Touren. Es bedurfte nicht vieler Worte, ich verschwinde zum Wagen und komme beladen wieder. Wir setzen uns wieder und sind der Mittelpunkt des Restaurants: Bambi im Regenmantel und ich in meinem dicksten Pullover. We smile - we just look ridiculous - but warm!

Jaipur

Großer Sprung vom Punjab nach Rajasthan, ich fahre wieder alleine, bin in Jaipur, der berühmten rosaroten Stadt und der Heimat des Palastes der Winde. Um Delhi habe ich mich herumquälen müssen; man hatte mir zwar in Chandigarh einen von Hand gezeichneten Plan mitgegeben, der mir helfen sollte, den Bypass um die Metropole herum ganz einfach zu finden, aber Delhi ist eine 14 Millionen Stadt mit vielen Bypässen, innere, mittlere und äußere und der Plan erwies sich als der Sache nicht ganz gewachsen. Immerhin, nur 2 Stunden und das in einem Verkehrsgetümmel, das es wirklich in sich hatte - gar nicht so schlecht!

Jaipur, eine der jüngeren rajasthanischen Städte, wurde 1727 als Maharadjaresidenz gegründet. Die Stadtplanung weist, ähnlich Chandigarh, die Besonderheit quadratischer Viertel auf. In wie weit Le Corbusier sich von den konzeptionellen Ideen des frühen vedischen Zeitalters (2000-500 v. Chr.) hat beeinflussen lassen, müßte man ihn selbst fragen. Die stadtplanerische Konzeption wenigstens geht auf die „Vastu Shastra" zurück, jenem zu vedischen Zeiten entstandenen Standardwerk der Architektur, das bis heute in die Planung des modernen indischen Subkontinents hineinspielt und nach welcher zu allen Zeiten hinduistische Bauwerke, von der Einsiedlerklause bis zu den riesigen Tempelstädten Südindiens, entstanden. Straßenanordnung, die Geometrie von Plätzen, Straßen- und Gassenbreite, alles war exakt vorgegeben und folgte den traditionellen Proportionen und Linien des hinduistischen magischen Diagramms, einem Abbild des Kosmos, dessen städtebauliche Umsetzung dem Leben auf Erden Harmonie verleihen sollte. Ein Kulturhistoriker, den ich in Jaipur kennenlernte und der sich meiner annahm, gab sich wirklich alle Mühe, aber man wird in diesem Kulturkreis aufgewachsen und erzogen sein müssen, um wirklich zu verstehen. Wer trotzdem das Abenteuer eingehen möchte, in spannend geschriebener Form mehr über Riten, Bräuche und Hintergründe hinduistischer Lebensformen zu erfahren, dem sei das Buch „Mein Indien" von Alexandra David-Néel empfohlen (ISBN 978-3-426-77693-3).

Ein besonderes Vergnügen in Jaipur ist eine Exkursion in den Bazar. Am Anfang hatte ich mich verlaufen und endete in stinkenden, dreckigen Straßen mit Müllhaufen, an denen sich die lokal ansässigen Ratten, Hunde und ein paar Kühe gütlich taten. Dies soll die rosarote Stadt sein? Sie war es aber nicht und als ich sie fand, schlug das Entsetzen in Begeisterung um. Diese herrlichen, golddurchwirkten Saristoffe, diese Farbenfülle, Kunden und Verkäufer umgeben von Stoffballen, lautstarkes Verhandeln um Preise, dann erst mal einen Tee, um dann wieder das Ganze von vorne anzufangen. Zeit ist relativ und hier hat man sie, man braucht sie nicht, wie in Europa, von irgendwoher zu stehlen. Die indische Art, ein Geschäft abzuwickeln, will allerdings gelernt sein; europäische Vorstellungen gehören schnellstmöglich in den Mülleimer. Doch leichter gesagt als getan, denn was von dem, was man da erlebt, ist denn nun echt, ist Spiel, gehört in die Kategorie Inszenierung? Du zeigst Interesse an einem Artikel und die Verkäufer sind da. Natürlich sind die Waren, die angeboten werden, von höchster Qualität, vom besten Hersteller und, die Stimme des Verkäufers wird leiser, hier viel günstiger zu haben als sonstwo in Jaipur, ja in ganz Rajasthan. Die Preisschaukel bewegt sich auf und ab, der Verkäufer ganz oben, du ganz unten. Tee wird serviert. Wenn du aber glauben solltest, daß sich jetzt eine höfliche Konversation entwickelt, liegst du daneben. Es beginnt der Irrgarten der Riten! Der Verkäufer wendet sich ab, spricht mit Leuten auf der Straße oder seinen Kollegen, telefoniert, du existierst einfach gar nicht mehr. Interesse an einem Geschäft? - mit dir? - bei deinen Preisvorstellungen? - Nimmer! Bleibe einfach sitzen und trink deinen Tee; schmeckt doch gut und was zu sehen gibt's außerdem. Dann herzlichen Dank für den Tee, der Verkäufer lächelt, was very nice to meet you, du stehst auf. Sofort bist du wieder Mittelpunkt des Interesses. Es gibt ja so viele Geschäfte in Jaipur, Sie verstehen doch sicherlich, daß ich Waren und Preise vergleichen muß - jetzt sind wir wieder am Anfang. Beste Qualität, Preise wirklich einmalig aber - Qualität hat seinen Preis und verschenken kann man auch in Indien nichts. Man bedankt sich noch einmal, I won't forget your shop, promised - und wendet sich zum Gehen. Damit sind die echten Preisverhandlungen eingeleitet. Der Verkäufer läßt dich ziehen und wenn er merkt, daß du es ernst meinst, eilt er dir nach und bittet dich mit einem neuen Angebot ins Geschäft zurück, usw, usw. Am Ende freust du dich wie nach einer gewonnenen Versteigerung bei Ebay: eins, zwei, drei...meins!

Die „rosarote Stadt" - rosa ist die rajasthanische Farbe der Gastfreundschaft; die ganze Altstadt einschließlich des Palastes der Winde ist so gestrichen. Wer aber glaubt dies sei immer so gewesen, der fehlt; ursprünglich war die Stadt gelb und wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts, anläßlich eines Besuches von Prinz Albert von England, rosarot getüncht. Steht der Stadt aber wirklich gut - die Farbe.

Der „Palast der Winde" (Hawa Mahal) - selbst wenn Ihnen dieser Name nichts sagen sollte bin ich doch sicher, daß Sie schon irgend einmal ein Bild davon gesehen haben. Die Front des sich nach oben verjüngenden Gebäudes zeigt nach Osten; zum Fotografieren sind also die frühen Morgenstunden geeignet, bevor das Licht zu hart und die Kontraste zu groß werden. Stehe vor dem Palast und staune, gebaut um den Hofdamen zu erlauben, selbst ungesehen, die prächtigen Prozessionen der damaligen Zeit auf der Straße zu beobachten. Die rosarote, wabenförmige Fassade ist fünfstöckig und besitzt nicht weniger als 593 kleine, verzierte Fenster und mit Ornamenten versehene Erker (an denen, wenn man nur ein wenig wartet) Affen herumturnen. Habe die Fenster nicht gezählt aber Lonely Planet behauptet, es seien 593. Ein Foto von der Straße von unten nach oben, das wird nur ein „Erinnerungsschuß" und der Szene wirklich nicht gerecht. Das Dach des Gebäudes gegenüber, das wäre schon besser! Das Haus gehört einem Schneider. Ich darf unter der Bedingung aufs Dach, daß ich mir hinterher seinen Laden ansehe (OK - wenn's sein muß für Stunden). Bin völlig alleine auf dem Dach und selig!

Der Stadtpalast, mauerumgeben mit vier großen Toren. Touristen müssen ein Nebentor benutzen, das Haupttor ist Würdenträgern vorbehalten. Großer, äußerer Innenhof mit schönen, reich verzierten Gebäuden und furchtbaren Museen, durch welche Touristen in enggepackten Schlangen, Schritt für Schritt hindurch geschoben werden. Wer bisher noch nicht wußte, welche Kleidungsübergrößen es gibt, der besuche bitte das Textilmuseum. Ausgestellt ist u.a. das Prachtgewand des Maharadjas Singh II, der, man staune, stolze 2 m groß und noch stolzere 250 kg schwer war (arme Haremsdamen!). Geht man vom äußeren Hof in den Inneren, gelangt man ins Allerheiligste, die nach allen Seiten offene, säulengetragene, ganz in Marmor gearbeitete, mit unzähligen Kristallüstern versehene Audienzhalle  des Fürsten. Nach Westen hin dominieren zwei jeweils 9000 Liter fassende, aus purem Silber gearbeitete Gefäße, die der Maharadja, mit Gangeswasser gefüllt, nach England mitnahm, als er 1901 der Krönungszeremonie Edwards VII beiwohnte. Hatte der Herrscher die englische Küche gekostet? Es ist nicht überliefert aber zumindest dem englischen Wasser mißtraute der Maharadja zutiefst.

In der Audienzhalle warteten drei livrierte Diener, die das Vergnügen hatten, sich mit irgendwelchen Touristen fotografieren zu lassen und zum Anderen versuchten, einer Unzahl von Tauben Herr zu werden. "Herr zu werden" beinhaltete, die Tauben, die sich mit Vorliebe auf den Kristallüstern niederließen, mit langen Stöcken zu verscheuchen und (sehr viel häufiger), das „Fallengelassene" irgendwie zu beseitigen, ein hoffnungsloses Unterfangen.

So, genug der Erzählerei; jetzt kommt noch ein bißchen Sarkasmus pur und dann ist Schluß. In dem Innenhof kann man problemlos, auch wenn man alles in Detail betrachtet hat, Stunden verbringen - die Attraktionen reißen nicht ab! Die amerikanische Urmutter ist dabei, 150 kg, Shorts, grelles T-Shirt über üppigen Weiten, zauberhafte Russinnen, auch nicht viel schlanker, platinblond, mit mindestens 2 kg Schminke beladen, ich entdeckte eine Saharareisende im Khakidress mit Wüstenhut mit tief in den Rücken reichenden Nackenschützern und natürlich meine Landsleute, die im Palast Café (das eine wirklich ausgezeichnete indische Küche bot) Schnitzel vertilgten. Mit größter Neugier würde ich auch gerne mal die Bilder betrachten, die diese Meute gar überall schießt. Viel kann nicht drauf sein - gegen die Sonne, vom ungünstigsten Standort aus (hätten ja auch sonst Ihren Hintern 5 Meter weit bewegen müssen), Kamera irgendwo hingehalten und draufgedrückt, und natürlich, das Familienfoto! Ich konnte es mir einfach nicht verkneifen und folgte einer japanischen Gruppe, in gebührendem Abstand, versteht sich. Ein-, vielleicht zwei Fotos vom Palast und dann die Freunde und Bekannten gleich im Dutzend; mit Grimasse, ohne Grimasse, mit Handküßchen, Smily, Smily - wofür fahren die eigentlich nach Indien?