Bericht 1

Anreise nach Indien

 

Da lag sie denn vor mir, jene so unüberwindlich scheinende Strecke, Indien, ein exotischer Subkontinent in weiter Ferne. Und dann hat es mich hineinkatapultiert ohne daß ich es so recht gemerkt habe.

Angenehme, trockene 30°C im ausgedehnten Garten von Mrs. Bandhari's Guesthouse in Amritsar; 4 Wochen lang und 15.000 km weit war ich unterwegs gewesen mit „Rokala", meinem 10 Tonnen schweren Wohnmobil, aber die Wochen verflogen mit fahren, fahren, fahren, die Erinnerung ist nebulös und verdichtet sich auf „Straße".

Es gibt faule Menschen, ich gehöre dazu und für diese gibt es für den Weg nach Indien einen Geheimtip; den Balkan kann man sich sparen, wenn man denn möchte. Die Strecke über Serbien und Bulgarien, nicht wirklich ein touristisches Highlight, wenigstens nicht, wenn es um den reinen Transfer geht; das Benzin teuer, die Straßengebühren hoch, die Polizei, Ausnahmen bestätigen die Regel, eher unfreundlich. Die Fährverbindung von Ancona nach Ceçme (Italien - Türkei) bequem, komfortabel und letztendlich, auf den Spritverbrauch meines LKW gerechnet, auch nicht teurer als der Landweg, das Mittelmeer blau, die griechische Inselwelt pittoreske, die Schiffsbesatzung freundlich; 3000 km gespart, auf dem Sonnendeck einer Fähre.

Greenhorn an der Grenze

Es ist früher Morgen; die Einreisenden sind genau so verschlafen wie die Grenzbeamten. Die Fußgänger verflüchtigen sich, Stempel, Stempel, Stempel, das war's, die LKWs formen eine schöne, lange Schlange. Der Versuch, langsam schleichend daran vorbei zu kommen scheitert kläglich an einem Grenzbeamten, hinten sei auch noch Platz. Zwei Stunden Langeweile, dann ein Wortschwall auf türkisch, ein wenig aggressiv, bleibe freundlich, verstanden hatte ich gar nichts.

LKW Fahrer sind hilfsbereite Menschen und so übersetzen meine „Kollegen". „Ich solle hier verschwinden, dies sei eine Schlange nur für kommerzielle Fahrzeuge"; mag ja sein, aber es gab keine andere. Großes Palaver, die türkischen Trucker reagieren sauer, durch ihr rüdes Benehmen hatten die Beamten die Regeln der Gastfreundschaft verletzt, unangemessen, diese verschwinden auf ein Täßchen Tee. Interessant, inwieweit ein Täßchen Tee die Sprachfähigkeiten verändert, plötzlich sprach man englisch, nicht notwendigerweise zu meinem Vorteil. Eine KFZ Versicherung wäre nötig, erdreistete ich mich zu behaupten; der Zöllner hatte unter den Papieren die internationale grüne Versicherungskarte entdeckt, die zwar vorhanden aber nur für den europäischen Westteil der Türkei gültig war.

„You green card - you go!" Entschuldigung, aber... You green card - GO!
Einem Offizier widerspricht man nicht, mit oder ohne Versicherung.

In den Bergen nördlich von Antalya

Die Katatrançik Berge nördlich von Antalya sind rauh, wenig bewachsen, einsam. Hauptstraße, Nebenstraße, Seitental, Feldweg, ein paar hundert Meter querfeldein, durch ein Bächlein, da stand Rokala, ein paar Ziegen in Sichtweite, ein Dorf  mit Moschee am Horizont. Wozu habe ich ein Wohnmobil - zum campen. Regen setzte ein (und sollte mich für die nächsten sieben Tage nicht mehr verlassen), 22:00 Uhr, stockdunkel, Windstöße rütteln am Wagen, es gießt, jemand schlägt gegen das Fahrerhaus, schon sehr unheimlich; meine Odyssee zu Ende bevor sie angefangen hat? Draußen stehen drei triefnasse Gestalte, einer mit einem vorsintflutlichen Schießprügel, Wortschwall auf türkisch, ich begreife, fort von hier und zwar etwas plötzlich! Einige Brocken deutsch verwirren die Sache weiter: drei Brot?, keine Ahnung, welches Stück hier gespielt wird. Aus einer nassen Hosentasche kommt ein Handy, eine Stimme fragt in gebrochenem englisch, was der Wagen da in einem Flußbett suche, sei viel zu gefährlich, vor einigen Tagen seien hier drei Touristen umgebracht worden. Das war's denn also: nicht drei Brot sondern drei tot, wenig einladende Vorstellung; bin ein Angsthase, o.k., ich verschwinde, fahre weiter Richtung Antalya, was aber auch nicht im Sinne der Stimme aus dem Handy zu sein schien, denn diese widersprach vehement, sei wieder zu gefährlich, ich möge seinen Freunden folgen, man brächte mich in ein Hotel. Hotel?, hier?? Rangiere den Wagen zurück auf den Feldweg, vor die zwei dort wartenden PKWs, bleibe schön in der Mitte, lasse sie nicht überholen und verschwinde, sobald die Straße erreicht ist, mit klopfendem Herzen Richtung Antalya. Sie bleiben zurück, die Herren. Und jetzt sage man mir, was das Ganze zu bedeuten hatte: nette, hilfsbereite Dörfler, Polizei in zivil oder doch eine gut ausgetüftelte Falle in die ich hinein getappt wäre, wäre ich der Einladung ins „Hotel" gefolgt?

Sintflut

Das also ist die Sintflut, Land unter, wie es an der Küste heißt und es war die Küste an der ich entlang fuhr, die türkische Riviera. Träume darf man haben solange man nicht davon ausgeht, daß diese der Wirklichkeit entsprechen. Der Traum „Türkische Reviera" bei düsterem Himmel, ab und zu von einem Blitz durchzogen, die Himmelsschleusen geöffnet, Straße? - Seenplatte. Vier bis fünf Sterne Hotelkästen säumen die Wasserlandschaft auf beiden Seiten, Busse, LKWs, Diesel, Qualm, Lärm, weiter rechts ein unansehlicher Strand - welch eine Idylle!. Östlich von Alanya darf man dann träumen. Die Akçali Berge drängen steil abfallend dem Meer entgegen, Pinien überzogene Hänge, Heidekrautebenen, eine in den Steilhang geschlagene Trasse, bilderbuchreif, rechts daneben das Blau des Mittelmeers. Petrus hatte ein Einsehen, drei Stunden lang waren die Schleusen geschlossen.

Tag der Extreme, erst die Strecke Antalya - Alanya in all ihrer Häßlichkeit, die Bergketten des Akçali, Ausflug ins Paradies und dann ein bitteres Ende. Wo man hoch kommt, sollte man auch wieder herunter kommen. Türkische Straßenbauingenieure sind sparsame Leute. Das Land will in die EU und unabhängig davon am regen Handel zwischen Orient und Okzident teilhaben. Infrastrukturmaßnahmen, neue Straßen, Transtürkeiverkehrsadern sind gängige Schlagworte; und schnell sollen sie entstehen und kostengünstig sollen sie sein und Priorität sollen sie haben!

Solch eine Straße führt auch von den Höhen des Akçali hinunter in die Küstenebene, neu, kurvenreich, steil (wirklich steil, bis zu 20%). Scheint es sonst nirgendwo zu geben, diese Straßenbautechnik, ist mir auf der ganzen Reise zwischen Europa und dem indischen Subkontinent nie wieder begegnet. Exportschlager verdächtig - will aber wohl keiner.

Der Straßenunterbau wird geteert, in die Teerschicht dann Kieselsteine eingestreut (sieht wenigstens so aus, bin kein Ingenieur), schon bei trockenem Untergrund ist diese Oberfläche kein Ausbund an Griffigkeit, schon gar nicht, wenn Rokala mit ihren grobstolligen Reifen daherkommt. Hat der Verkehr diese Kieselsteine aber erst einmal rundgeschliffen und ist die Oberfläche nach einem langen, heißen Sommer voller LKWs, undichten Simmerringen und Dieselqualm gut geölt, dann beginnt ein Erlebnis der besonderen Art, wenn es im Herbst zum ersten Mal regnet. Hochstraßen, sehr steil, ohne gesicherte Kanten, Serpentinen, heftiger Verkehr auf Schmierseife! LKWs bleiben an Steigungen hängen, verkeilen sich, landen im Straßengraben, man will es nicht glauben, hält an, steigt aus, fällt hin - wie auf Eis. Die drei Stunden in diesen Bergen (ca. 15 km) gehören zu den schlimmsten Erfahrungen meines Autofahrerlebens. In jeder schräg angelegten Kurve folgen Bug oder Heck oder beide der Gravitation; jedes Beschleunigen oder Bremsen resultiert in einem Wegdrehen des Hecks oder einem Schieben über die Vorderräder und bitte schön, hier schieben 10 Tonnen. Ich kann nur dankbar zum Himmel blicken, mein Schutzengel hatte einige Stunden lang alle Hände voll zu tun!

2500 km weiter östlich, noch einmal stoppt kurz der Regen und die Wolken geben ein Bild frei, das am Computer entstanden zu sein scheint. Künstlich koloriert, von Beigetönen über Türkis bis Grün bis Tiefblau, so liegt er vor mir, ein Zaubersee voller Salz, Ostanatoliens Van See.

Es sind nur noch ein paar Kilometer nach Norden von Van nach Dogubayazit, dem Grenzort zum Iran, ein paar Kilometer durch eine militärische Sperrzone, so scheint es, beherrscht von der Jandarma, einer paramilitärischen Polizei Spezialeinheit.

Straßensperren, Kontrollen, Sandsackbarrikaden, Maschinengewehrstellungen, Schützenpanzer, die Jandarma bläst zur Jagd auf Waffen-, Benzin- und Drogenschmuggler. Sehr höflich sind die Herren nicht aber gegen einen Gewehrlauf helfen keine Argumente.

Iran

Die türkisch-iranische Grenze hat keinen sonderlich guten Ruf; in beiden Richtungen kann es Schwierigkeiten geben, die Beamten gelten als launisch. Gefällt einem dein Gesicht, deine Nase, dein Paß oder dein Auftreten nicht kann's dauern; ein Wohnmobil kann man durchsuchen oder eben nicht, ein Carnet (1) oder einen Paß kann man abstempeln oder liegenlassen. Und Ärger an dieser Grenze kann wirklich Ärger bedeuten, ohne Schikane, ganz legal.

Nach gültigem iranischen Recht ist nicht nur die Einfuhr und der Genuß von Alkohol streng verboten, sondern auch, unabhängig davon wie es sonst im Lande praktiziert wird und selbstverständlich unabhängig davon, ob ein Westler das nun mehr oder weniger gut findet, die Einfuhr von Pornographie und vokaler Musik. Pornographie, braucht man wohl nicht weiter zu diskutieren, doch, muß man. Das Problem liegt schlicht darin, daß man Pornographie unterschiedlich eng definieren kann, eine barbusige Schönheit im Spiegel oder im Fokus genügt; von Beschlagnahmung bis Gefängnis, alles inklusive. Vokale, also gesungene Musik, jeder westliche Reisende hat sie dabei, alle Zöllner wissen dies, keiner sagt etwas, aber wenn man jemanden ärgern will......

Normale Grenzpassagezeit 3 - 5 Stunden, offizielle Kosten: keine. Rokala: knapp 45 Minuten für 300 € ganz offiziell eingeforderten Schmiergeldes. Hatte nichts provoziert oder nahegelegt, lief einfach so; der „Service" beinhaltete auch, daß ich, auf Seitenwegen durch eine Baustelle, an der letzten und sehr zeitintensiven Grenzpolizeikontrolle vorbeigeschleust wurde.

 (Anmerkung: bei einer späteren Einreise in den Iran habe ich mich dann geweigert, „Gebühren" zu bezahlen. Die Abfertigung lief weiterhin korrekt und ohne Schikanen, aber sehr, sehr langsam).

Andere Länder, andere Sitten, diese Binsenweisheit sollte eigentlich dazu führen, sich auf seine Reise adäquat vorzubereiten. Tut man auch, habe kaum jemanden getroffen, der nicht eine Nudelmenge dabei hatte, mit der man eine Kompanie über Jahre hätte verpflegen können, aber Vorschriften, Verkehrsregeln? So läuft man denn von einer selbst gestellten Falle in die Nächste. Zugegeben, eine Vorbereitung ist nicht ganz einfach, kein Reiseführer beinhaltet die relevante Information, aber in Internetforen hätte man sie wohl bekommen können.

Zwei Beispiele:

In der Türkei kostet der Liter Diesel ca. 1,50 €, im Iran 1 Eurocent! Da fahren sie denn, die Fernreisenden, mit leeren Tanks in das Paradies in der Vorfreude, für die üblichen 600 Liter nicht 800, sondern 6 € zu bezahlen; richtig, wenn man denn Diesel bekommen würde. Man sagt es sei der Schmuggel, ich habe es nie ganz verstanden, aber Fakt ist, daß im Umkreis von ca. 400-500 km von beiden Grenzen (Türkei/Iran, Iran/Pakistan) kein Diesel verfügbar ist; Versorgung möglich, aber nur gegen Bezugsschein (wo man diese bekommt habe ich selbst nach 4 Irandurchquerungen nicht herausgefunden; so geht es den Meisten - Tanks leer - sehr peinlich).

Innenstädte sind für LKWs gesperrt, die Polizei ist rigoros (häufig). Mich erwischt es 30 km vor Teheran, Polizeikontrolle auf der Autobahn, kein Permit, Adieu, nächste Ausfahrt. Endstation in einem Teheraner Vorort, keine Hinweisschilder und wenn es welche gibt sind sie in Farsi (persischen Schriftzeichen) beschrieben; in einem Teheraner Vorort jemanden zu finden, der englisch spricht, nicht so ganz einfach;

habe jemanden gefunden der hilflos die Schultern zuckte: oh je, hier sind sie völlig falsch. Bin aber gut gerüstet; Rokala hat GPS, einen schlaglochsicheren Computer vom schweizerischen Militär, einen großen Monitor im Fahrerhaus auf dem die Karte und darin wiederum das GPS Signal wiedergegeben wird. Kein Problem also, nur dem GPS folgen, viele Wege führen schließlich nach Rom. Theoretisch richtig, aber wenn die Karte einen Maßstab von 1:3 Mio hat (mehr brauche ich nicht, dachte sich der schlaue Fahrer, als er die Reise plante, fahre ja nur auf den großen Transitstrecken durch dieses Land). Langer Rede kurzer Sinn, ein Punkt auf meiner Karte entsprach einem Kreis von ca. 30 km; in einem Punkt sind unterschiedliche Details nun halt mal schwer zu erkennen; hat mich 5 Stunden Lehrgeld gekostet, und viele, viele Nerven.

Iran, ja, ich würde gern hier verweilen, nur Isfahan, Shiraz, Quom, Bam, die von Erdbeben so hart heimgesuchte größte Lehmziegeloase der Welt ansehen, die Gebirge des Westens, die Wüste Lut, die Menschen sind freundlich und hilfsbereit, die Infrastruktur des Landes ist ausgezeichnet, nur das Generalkonsulat in Frankfurt hat's so nicht gewollt. Sieben Tage Transit für 3000 km, mehr war nicht drin.

Pakistan

Zwei alte Herren, ein Baba und dreieinhalb Verrückte

Sie trafen sich per Zufall an der iranisch-pakistanischen Grenze, ein illustres Grüppchen; eigentlich trafen sie sich auch nicht sondern wurden von der iranischen Polizei eingesammelt und auf einem Parkplatz an der Grenze weggeschlossen, zu ihrer eigenen Sicherheit und auf dass sie keinen Unsinn anstellen.

Ort des Geschehens: Zahedan, ein mittelgroßes, modernes, sauberes Städtchen im Plattenbaulook, unmittelbar an der pakistanischen Grenze, Zentrum des organisierten Waffen-, Drogen- und Benzinschmuggels. Zahedan hat Geld, bei derartigen Wirtschaftsbeziehungen kein Wunder. Auf dass man seine Nase nicht all zu tief in das Geschehen hineinstecke wird man beim Bummel durch die Gassen oder beim Besuch des Bäckers von der Polizei begleitet, Ehreneskorte sozusagen.

Dreieinhalb Russen, ein Pärchen plus ein junger Mann sowie ein zweijähriger Wonnebrocken, alle in einem völlig überladenen Audi der, in Anpassung an die lokalen Straßenverhältnisse, über einen Sportauspuff verfügte und tiefergelegt war; Goa in Indien sei das Ziel, man hoffe dem Nirwana näher zu kommen. Als Einstimmung auf die geistigen Ziele diente u.a. ein spezieller Ernährungsplan, der mineralische Spurenelemente im Zentrum sah und den Nachtisch zur Vorspeise erklärte.

Baba (der heilige Mann), in einer orangefarbenen Kutte, im Zivilleben gemeinhin Dirk, war Mönch einer indischen Sekte, die, ob ihrer nicht ganz ausgegorenen hinduistischen Ansichten, selbst in Indien verboten war; er nannte einen aus historischen Zeiten stammenden Dodge Bus sein eigen und träumte davon, in Indien mit seinen Glaubensbrüdern und -Schwestern in eben jenem Bus auf den Spuren ihres verstorbene Gurus zu wandeln. Dann war da noch Rokala, na ja, ist Ihnen schon bekannt.

Den Iran hatten wir verlassen, die junge Russin war erst durch die grimmige Miene einer sich nähernden Religionspolizistin dazu zu bewegen gewesen, ihr Haupthaar und das (zugegebenermaßen verführerische) Dekolleté notdürftig zu verdecken, die Pässe waren gestempelt, jetzt saßen wir beim pakistanischen Zoll und harrten der Dinge, die da geschehen sollten. Eine 10 x 20 Meter große Lagerhalle, riesige Deckenventilatoren aus kolonialer Vorzeit, eine Schreibtischreihe rechts mit den dicken, großen DIN A 3 Büchern, in welchen alle Details der Einreisenden und ihres Hab und Guts verewigt werden, links einige Stühle, drei Sessel und eine Couch und an der Kopfseite, man brauchte nicht lange zu raten, hier saß der Chef. Stämmig, groß, um die 60, gestutzter grauer Bart, den langen, hemdartigen Umhang der Pakistani, Pluderhosen, das Käppi der Belutschikken, alles in strahlendem Weiß und in die Position hervorhebendem Kontrast zu den Mitarbeitern, die in gleicher Tracht aber in dunkelgrau oder schwarz gekleidet waren.

Den Iran, gerade in der heutigen Zeit zum Westen zählen zu wollen, wird niemand sehr ernst nehmen. Aber die gesamte Infrastruktur, der Aufbau der Städte, das Straßenwesen, alles ist vergleichbar, westlich, oder, wenn man so will, modern. Dann schreitet man nach Pakistan: eine archaische Urwelt wartet, zugegeben, eine Bunte.

Die Zollhalle, die Begrüßungszeremonie ist abgeschlossen, wir sitzen auf der linken Seite aufgereiht wie die Hühner auf der Stange, die schon fast freundschaftliche Atmosphäre ist einer leichten Spannung gewichen; die Audi Besatzung präsentiert die Wagenpapiere, der Zolloffizier betrachtet den Stapel, trinkt einen Schluck Tee und wartet, wartet und schweigt und sagt schließlich ein Wort: „Carnet". Jetzt ist es an den Russen zu schweigen und jetzt wird's allen klar, sie haben keines. Welche unbegreifliche Naivität und Dummheit, die glaubten ernsthaft, mit Schmiergeld den Weg nach Indien zu meistern, dumm auch, daß wir als Gruppe gesehen werden, allen Beteuerungen, wir hätten uns zufällig getroffen zum Trotz, sehr dumm gelaufen, mit gefangen, mit gehangen. Inzwischen stehen wir im Zentrum des Interesses, eine kleine Menschentraube hat sich gebildet, Theater im Nirgendwo mit Logenplatz. Und das ist das Dümmste an der Sache, jetzt gilt es nicht nur einen Kompromiß auszuhandeln, die Zöllner laufen Gefahr, vor der Menge das Gesicht zu verlieren. Ein höherer Zolloffizier telefoniert, er spricht in der Landessprache Urdu, wir verstehen kein Wort, man zieht sich zur Beratung zurück.

Das Gericht ist angetreten, den Vorsitz führt der Superintendent, die höchste Instanz vor Ort. Das Urteil: „schuldig". Der Audi würde, da eine Rückreise in den Iran ohne gültige Papiere undenkbar ist, beschlagnahmt, die gültigen Visa der Russen wegen des Versuchs der illegalen Einreise nach Pakistan annulliert, die Besatzung inhaftiert. Die Menge verläuft sich, das Tribunal ist beendet und da weder jemand ausgepeitscht noch anderswie öffentlich bestraft wird, gibt's nichts mehr zu sehen. Schade. Es ist sehr still in der Halle. Baba's und meine Papiere werden kontrolliert und gestempelt, alles in Ordnung, wir können fahren; vor zwei Stunden hätten's wir wohl auch getan, jetzt brachte es keiner mehr übers Herz.

Der Superintendent war in meinem Alter, dem Superintendent war die Situation genau so unangenehm wie mir, der Superintendent hatte Kinder und Enkel und so kamen wir ins Gespräch. Unsere Enkel waren einander sehr ähnlich, kein Wunder, ich hatte keine und konnte die Charaktere der Meinen frei seinen Schilderungen anpassen, das verbindet. Sein Haus stünde in einem Fischerdorf nahe Karachi, 2000 km entfernt von Taftan, der Wüstengrenzstation, in der er seinen Dienst verrichte. Dreimonatsschichten würden sie fahren, bevor sie ausgetauscht würden, dann folgen 4 Wochen bei der Familie; ein Handy taucht auf, Bilder von seiner Frau, seiner Familie, seine Lieblingsmusik. Der Schutzengel der Russen hatte inzwischen die Regie übernommen. Klänge aus dem Handy, fremd aber melodisch, der Russensprößling strahlt und streckt die Arme nach dem neuen Opa aus. Vor einer Stunde noch war die Eiszeit greifbar, jetzt sitzt Russe Junior auf Opa Superintendent's Schoß, lauscht den Klängen, zieht an der Kutte, grapscht nach dem Bart und dem doch zu einladenden Käppi. Wir kommen aufs Thema zurück. Die Eltern, selbst Schuld, die Spielregeln sind wohl bekannt, aber der Kleine - Inhaftierung?

Inzwischen sind Tee und Plätzchen serviert, der Superintendent und ich nennen uns beim Vornamen, was nicht so absonderlich ist wie es klingen mag, denn im traditionellen Pakistan werden häufig die Anrede „Herr" und der Vorname kombiniert; mein neuer Freund lächelt und verschwindet. Nach ca. einer Stunde (des langwierigen Telefonierens) wird das Urteil revidiert: die „Gefangenen" werden per Polizeieskorte in die Provinzhauptstadt Quetta geleitet und von dort, wieder per Eskorte, quer durch Pakistan nach Indien abgeschoben. Der Schutzengel hatte wahre Wunder vollbracht und der Superintendent war über seinen Schatten gesprungen - zwei alte Herren....

Baba wurde für den Rest der Pakistandurchquerung mein Reisegefährte und der Dodge zum Aufführungsort herrlicher Violinkonzerte, neben seinen spirituellen Zielen hatte Baba sein Leben der Geige gewidmet, die er virtuos beherrschte; die Akustik eines Busses war nicht adäquat, aber sein Bach Konzert werde ich nicht vergessen!

Ein Abonnement auf das Glück gibt es nicht und so verließ dieses denn die Russen an der indischen Grenze. Das „Intercontinental" in Lahore hatte mich gelockt, Wohnmobil gegen 5 Sterne Hotel, wenigstens für einige Tage und so hatte ich vor dem Grenzübertritt eine Pause in der alten, geschichtsträchtigen  Hauptstadt des Punjab eingelegt. Ich hörte die Geschichte oder besser von deren Ende dann am indischen Zoll. Die Pakistani hatten Wort gehalten, die Inder dem Unterfangen aber ein Ende gesetzt. Die Vier durften ohne Wagen einreisen, der Audi wurde konfisziert (hätte aber theoretisch nach Vorlage eines Carnets wieder ausgelöst werden können, was aber wohl nie erfolgte).

 

 

(1) Vom ADAC im Namen der Bundesrepublik Deutschland ausgestelltes Grenz- und Zolldokument